Mit dem People Mover in die Zukunft der Mobilität

Der People Mover von e.Go und ZF soll Ende 2019 auf den Markt kommen. © AG/Mertens

Die Mobilität der Zukunft bedarf neuer Konzepte. ZF und das Start Up e.Go bringen deshalb einen People Mover auf den Markt. Für ZF-Chef Scheider liegt der Reiz des Fahrzeugs in seinen unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten.

Dazu haben beide Unternehmen ein Joint Venture geschlossen, wie die Konzerne in der Vorwoche mitteilten. Auf den Markt kommen soll der People Mover Ende 2019, später folgt auch noch ein Cargo Mover.


Dass sich ZF beim People Mover engagiert, läge nicht primär an der Vermarktung des autonomen Fahrzeugs, sondern daran, die dort verwendeten Systeme ausreichend zu analysieren, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider im Gespräch mit der Autogazette.

Erprobung der Systeme im Realbetrieb

Wie der ZF-Vorstandschef ergänzte, würde das Joint Venture mit dem Aachener Start Up um Gründer Günther Schuh eine gute Möglichkeit bieten, „diese neuen Systeme in einem agilen Umfeld mit einer sehr jungen Mannschaft schnell in ein Fahrzeug zu integrieren“. Scheider erwartet, dass ZF dadurch seine Systeme durch den Alltagseinsatz schneller zur Serienreife bringen kann. Zum People Mover steuert ZF die Sensoren (Radar, Kameras, LiDAR), das ZF ProAI-Rechenmodul, das Brems- und Dämpfungssystem, mStars und die elektrische Achse bei.

So unterwegs ermöglicht der People Mover, dass das Fahrzeug nicht nur rein elektrisch, sondern auch autonom unterwegs sein kann. Wie Torsten Sauren von e.Go beim Technik-Workshop von ZF in Friedrichshafen sagte, biete der People Mover Platz für bis zu 15 Personen. „Dabei sind verschiedene Innenraumkonzepte vorstellbar“, so Sauren. Entsprechend kann es im People Mover Sitz- und/oder Stehplätze geben.

Reichweite von bis zu 150 Kilometer

ZF-Chef Wolf-Henning Scheider (r,) und e.Go-Chef Günther Schuh kündigten den Produktionsstart eines People Moovers an. Foto: ZF

Angetrieben wird der Mover von einer 60 kWh starken Batterie, die eine Reichweite von bis zu 150 Kilometer ermöglichen soll. Der Mover ermöglicht zwar eine Geschwindigkeit von 70 km/h,  in der Stadt liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit nur bei 18 km/h. Das ist die Geschwindigkeit, mit der sich ein Bus im öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) bewegt.

Der ÖPNV ist auch einer der Haupteinsatzgebiete für den Mover. „Der People Mover eignet sich beispielsweise hervorragend dazu, Fahrgäste aus den Außenbezirken der Städte zu befördern“, so Sauren. Wenn Ende 2019 die Produktion aufgenommen wird, erwartet e.Go zunächst ein Produktionsvolumen im fünfstelligen Bereich. Doch das Absatzpotenzial für dieses Fahrzeug ist deutlich höher. So liegen dem Aachener Unternehmen bereits eine Vielzahl von Städten und Gemeinden für dieses Fahrzeug vor.

Für ZF-Chef Scheider hängt mit Blick auf das Absatzpotenzial viel davon ab, wie es mit der Infrastruktur in den Städten weitergeht, aber auch, wie sich das Konsumentenverhalten mit Blick auf neue Mobilitätsangebote ändert. Entsprechend wagt er mit Blick auf das Absatzpotenzial keine Prognose.

Reiz durch doppelte Nutzungsmöglichkeit

Das Konzept des Mover ist für den ZF-Chef deshalb reizvoll, weil es auch für die Logistikbranche genutzt werden kann. Der Charme des Konzepts liege insbesondere darin, dass der Mover entweder mit Fahrer, Lenkrad und Gaspedal genutzt werden können, aber auch als automatische Version. „Somit ist er flexibel für die verschiedenen Anwendungsfälle einsetzbar“, so Scheider und fügt hinzu. „Der zweite Vorteil der doppelten Ausführung ist es, dass wir auch in der fahrerbetriebenen Version alle unsere Systeme mitlaufen lassen können.“ Damit sei es möglich, den Systemen „sämtliche komplexen Verkehrssituationen anlernen“ zu „können, ohne dass sie bereits scharf geschaltet“ sind.

Für Scheider ist zwingend erforderlich, dass man sich für die Beförderung von Gütern und Personen grundlegend neue Gedanken machen muss. „Wir wollen als ZF dazu beitragen, dass es neue Lösungen gibt und wir aufhören zu lamentieren – und etwas anbieten können“, so Scheider. Er habe jedoch den Eindruck, dass die Kreativität da erst am Anfang stecke.

Einsatz zunächst in speziellen Gebieten

Vom People Mover soll es auch eine Cargo-Version geben. Foto: ZF

Der ZF-Chef geht davon aus, dass ein Fahrzeug wie der Mover zunächst in speziellen dafür vorgesehen Stadtgebieten zum Einsatz kommen wird. Denn das automatische Fahren in seiner vollen Ausbaustufe ist eine hochanspruchsvolle Entwicklungsaufgabe. „Manchmal wird in letzter Zeit der Eindruck entwickelt, dass das schon schnell möglich sein wird. Das sehe ich nicht so. Es wird Schritt für Schritt kommen“, ist Scheider überzeugt. „Das wird in abgesperrten Gebieten beginnen, das können auch große Werksgelände sein, wo Mitarbeiter auf dem Parkplatz vor dem Werksgelände parken und mit einem solchen Gefährt zum Arbeitsplatz gefahren werden.“

Wie Scheider ankündigte, werde Friedrichshafen zu einer der ersten Städte gehören, wo der People Mover eingesetzt wird. „Dort wird er in einer sehr geringen Geschwindigkeit im Innenstadtbereich fahren. Es sind Anwendungsfälle, mit denen wir uns Schritt für Schritt in die automatischen Fahrfunktionen hineinbewegen werden.“

Nutzfahrzeuge als Testfeld

Scheider rechnet übrigens damit, dass elektrifizierte und autonome Fahrzeuge zunächst bei den Nutzfahrzeugen zum Einsatz kommen werden, allein schon aus Gründen der Total Cost of Ownership (TCO), der Gesamtkostenbetrachtung. So gäbe es im Nutzfahrzeugbereich genügend Einsatzbereiche, die nicht die volle Komplexität des Innenstadtbereichs haben. „Wenn ich auf dem Betriebshof anfange oder ein Feld automatisch pflüge, dann ist das schneller zu realisieren, als einen Pkw im Innenstadtbereich mit Fußgängern, Fahrradfahrern und einer engen Verkehrsdichte fahren zu lassen“, betont Scheider. „So etwas braucht Entwicklungszeit und sie braucht Erfahrung. Dieses Erfahrung werden wir über das Nutzfahrzeug und den People Mover erreichen, der Pkw kommt später.“

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