22. August 2015

Infotainment-Systeme als Belastung «Einer ist abgelenkt, vier sterben»

Infotainment-Systeme können den Fahrer ablenken.
Infotainment-Systeme können den Fahrer ablenken. © Daimler

Ein geschwätziger Beifahrer kann ablenken. Doch wie sieht es mit Infotainment-Systemen aus? Deren zunehmende Komplexität kann zu Überforderungssituationen des Fahrers führen.




Von Christiane Schulzki-Haddouti

„Einer ist abgelenkt, vier sterben“. Der Slogan auf einem großformatigen Plakat zeigt vier Insassen in einem Auto, die sich rege unterhalten. Die Plakate sind im Rahmen der Verkehrssicherheitsaktion "Runter vom Gas" des Bundesverkehrsministeriums und des Deutschen Verkehrssicherheitsrates an Autobahnen zu sehen.

Dass der Slogan der Plakataktion seine Berechtigung hat, zeigt eine Studie des australischen George Institute for Global Health. Sie belegt, dass die Unfallgefahr schon bei einem gesprächigen Mitfahrer um 60 Prozent steigt. Wie aber ist das mit den Infotainment-Systemen, die alles Mögliche anbieten, angefangen beim Radio und CD-Player, über das eingebaute Navigationssystem und dem Abruf und Vorlesen von SMS und E-Mails bis hin zur Diktierfunktion. Wie stark lenken sie ab?


Hinweise auf Bedienschwächen

„Die Automobilhersteller probieren in großen Versuchsreihen alle möglichen Varianten der Fahrer-Maschine-Kommunikation aus“, weiß Frank Ramowsky, Vize-Präsident der TÜV International GmbH. Ihm ist aber keine herstellerunabhängige Studie bekannt, aus der man valide Schlüsse zum Faktor Ablenkung ziehen könnte. Es gibt nur Anhaltspunkte, dass das ein Thema sein könnte.

Arnulf Thiemel von der ADAC Fahrzeugtechnik erklärt: „Die Testfahrer des ADAC vermerken in einer subjektiven Bewertung, ob die Bedienung eines Infotainment-Systems schwerfällig oder zu kompliziert war.“ Insofern gibt es Hinweise auf Bedienschwächen. Auch untersuchte der ADAC Sprachsteuerungssysteme. Dabei prüfte er den Aspekt der „Ablenkung“ aber nur danach, ob die Sprachbedienung „im Einklang mit den Interaktionskonzepten nach den Empfehlungen zur Gestaltung der Mensch-Maschine-Interaktion“ stehen. Die tatsächliche „kognitive Last“, also die durch die Systeme verursachte gedankliche Belastung, die zur Ablenkung führen kann, wurde nicht gemessen.

Infotainment-Systeme können belasten

Apps bieten Zusatzinformationen
Apps bieten Zusatzinformationen © Bosch

Hans-Günter Lindner von der Fachhochschule Köln hat eine wissenschaftliche Bewertungsmethode für die kognitive Last in Prozessen entwickelt. Er hat in zwei Bedienszenarien getestet, wie stark die Infotainment-Systeme den Fahrer kognitiv belasten und kommt zu dem Schluss, dass einzelne Funktionen in den Infotainment-Systemen derzeit von den Herstellern zwar optimiert werden, aber dass das Zusammenspiel Probleme bereitet. Lindner: „Die zunehmende Komplexität der Systeme kann den Fahrer letztlich so belasten, dass er das gesamte Fahrzeug als minderwertig empfindet.“ Lindner geht noch einen Schritt weiter: „Die Infotainment-Systeme in Premium-Wagen sind teilweise so gestaltet, dass ihre Bedienung zu lebensgefährlichen Situationen führen kann.“

Dass sich ausführlichere Tests zur „kognitiven Last von Infotainmentsystemen“ lohnen könnten, zeigt eine bereits vor zwei Jahren erschienene Studie der American Automobile Association . Dabei wurde ein „kognitiver Lastindex“ erstellt, der umso höher ist, je mehr geistige Anstrengung vom Fahrer verlangt wird. Die Ablenkung der Fahrer wurde in Simulatoren gemessen. Dabei wurde beobachtet, wie oft der Fahrer ein Licht, das im peripheren Sehbereich eingeschaltet wurde, übersah. Die Studie zeigte demnach die geistige Ablenkung, auch wenn die Augen sich auf das Straßengeschehen konzentrierten.

Siri als mögliche Gefahr

Demnach lenkt eine Unterhaltung mit einem Beifahrer ähnlich stark ab wie das Sprechen mit einer Freisprechanlage. Etwas belastender ist das Sprechen mit einem Handy in der Hand. Einen Text zu diktieren lenkt den Fahrer vom Fahren aber noch erheblich stärker ab. Rechenaufgaben führten zu einer totalen Überforderung. Die Schlussfolgerung aus der Studie ist damit wohl klar: Sprachsteuerungen, wie sie beispielsweise unter anderem Apple mit Siri im Auto anbietet, sind so problematisch, dass sie nicht zugelassen werden sollten.

Ähnliches dürfte auch für andere Neuentwicklungen gelten. „Wenn man diese Testergebnisse sieht, kann man schlussfolgern, dass die kognitive Belastung bei der Bedienung der neuen Touchscreens im Cockpit die Probleme verstärkt“, sagt Lindner. Denn hier muss der Fahrer auch noch für Sekunden die Augen vom Straßengeschehen und eine Hand vom Steuer nehmen, um diese trotz Fahrzeugbewegungen möglichst genau auf dem Display zu platzieren. Außerdem muss er dabei den Kontext auf dem Display erkennen. Lindner sagt: „Es ist höchste Zeit, dass die Hersteller das Thema systematisch angehen.

Wenn die gegenwärtigen Infotainment-Systeme Teil des Zulassungsprozederes werden, könnte dies zu massiven Problemen führen. Nicht der feste Einbau sollte für die Zulassung entscheidend sein, sondern die kognitive Last.“ Bislang ist die Bedienung der Systeme nämlich nur dann verboten, wenn sie nicht fest in das Fahrzeug verbaut ist.

Alle Hersteller betroffen

Smartphones sind mit dem Fahrzeug vernetzt
Smartphones sind mit dem Fahrzeug vernetzt © Opel

Das Problem Infotainment-System betrifft alle Fahrzeughersteller gleichermaßen. Sie gehen damit unterschiedlich um: Manche Systeme sind etwa so gestaltet, dass besonders kritische Funktionen vom Fahrer während des Fahrens gar nicht genutzt werden können. Der Beifahrer kann sie aber während des Fahrens dann auch nicht bedienen. Hans-Günter Lindner betont: „Es kommt auf das Zusammenspiel an, an dem es hapert. Auch das gut gemeinte Abschalten von Funktionen während der Fahrt kann den Fahrer stören. Dies widerspricht dem ergonomischen Grundgesetz der Erwartungskonformität.“

TÜV-Mann Frank Ramowsky hält das Problem für „dringlich“, da die Fahrzeuge künftig noch mehr mit Sensorik und damit mit weiteren Informationsressourcen verbunden würden. Entsprechend erhalte der Fahrer auch immer mehr Informationen. Für Ramowsky steht daher fest: „Das Problem wird zunehmend größer. Je früher es angegangen wird, desto besser.“



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