29. Mai 2015

Verkehrsforscherin Barbara Lenz «Autonomes Fahren für Carsharing tolle Erfindung»

Verkehrsforscherin Prof. Barbara Lenz.
Verkehrsforscherin Prof. Barbara Lenz. © AG/Mertens

Carsharing kann dem autonomen Fahren zum Durchbruch verhelfen, sagt die Verkehrsforscherin Barbara Lenz in Teil 2 des Interviews mit der Autogazette. Zugleich werde das Carsharing einen weiteren Boom erleben.




Für die Verkehrsforscherin Barbara Lenz wird das Carsharing durch das autonome Fahren einen weiteren Boom erleben. «Das autonome Fahren ist gerade für das Carsharing eine tolle Erfindung. Damit meine ich nicht das Fahren an sich, sondern dass das Auto zu einem kommt oder auch wieder wegfährt», sagt Lenz im zweiten Teil des Interviews mit der Autogazette.


«Das Auto kommt dorthin, wo sie sich befinden»

«Dadurch entfallen alle Zugangswege: sie steigen dort aus, wo sie hinwollen und das Auto kommt dorthin, wo sie sich befinden. Das Carsharing wird durch das autonome Fahren einen weiteren Boom erleben», fügt Lenz hinzu, die am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin das Institut für Verkehrsforschung leitet. Vor diesen Hintergrund geht die Wissenschaftlerin davon aus, dass der Trend verstärkt wird, auf den Zweitwagen zu verzichten.

«Carsharing wird weiteren Boom erleben»

Carsharingfahrzeuge von car2go
Carsharingfahrzeuge von car2go © Daimler

Autogazette: Gerade in Großstädten erleben wir eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens: Statt mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein, wird Carsharing immer beliebter. Wird das autonome Fahren diesen Trend weg vom eigenen Auto vergrößern?

Lenz: Das autonome Fahren ist gerade für das Carsharing eine tolle Erfindung. Damit meine ich nicht das Fahren an sich, sondern dass das Auto zu einem kommt oder auch wieder wegfährt. Wir sprechen hier vom Valet Parking. Dadurch entfallen alle Zugangswege: sie steigen dort aus, wo sie hinwollen und das Auto kommt dorthin, wo sie sich befinden. Das Carsharing wird durch das autonome Fahren einen weiteren Boom erleben.

Autogazette: Wird das auch den Zweitwagen verzichtbar machen?

Lenz: Autonome Carsharingfahrzeuge werden den Trend verstärken, den wir bereits heute durch das Carsharing kennen: sie werden den Zweitwagen verzichtbarer machen. Die Menschen haben zwar weiter ihr Erstauto, doch mit dem Carsharingfahrzeug steht ihnen nicht nur ein Zweit- sondern auch ein Drittauto zur Verfügung, das sogar noch autonom fährt und meine 13- oder 14-jährigen Kinder irgendwo hinfährt. Eine Aufgabe, die ich bislang zu erfüllen hatte. Das wird der Carsharing-Idee weiteren Auftrieb geben.

«ÖPNV muss noch mehr aufpassen als Autoindustrie»

Autogazette: Trifft es eigentlich zu, dass der Besitz des eigenen Autos immer unwichtiger wird? Die Zulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes sprechen da eine andere Sprache.

Lenz: Das stimmt. Wir haben die größte Pkw-Flotte in Deutschland, die wir je hatten. Mit Blick auf die Großstadt kann ich mir perspektivisch gut vorstellen, dass der Besitz des eigenen Autos immer unwichtiger wird. Generell trifft das aber nicht zu. Durch das autonome Fahren wird es indes weitere Geschäftsmodelle geben, da das Auto wie ein Flugzeug permanent unterwegs sein kann. Es kann sich selbständig Routen suchen, mal mit, mal ohne Passagier. Das ermöglicht es, dass immer mehr Menschen sich ein Auto teilen können.



Autogazette: Damit dürften aber auch negative Einflüsse auf den Absatz der Hersteller einhergehen...

Lenz: ...das ist möglich, aber ich glaube, dass der Öffentliche Personen-Nahverkehr noch mehr aufpassen muss als die Autoindustrie. Wenn sie nicht mehr zur Haltestelle und sich mit achtzig Menschen einen Bus teilen müssen, sondern nur mit zehn Leuten ein Auto und damit von Punkt zu Punkt kommen, dann wird das Auto immer attraktiver.

Autogazette: Ist das kein Widerspruch? Denn Sie sprechen selbst davon, dass der öffentliche Nahverkehr durch die Automatisierung einen Auftrieb erleben dürfte, weil dadurch mehr Möglichkeiten entstehen?

Lenz: Die Hybridisierung des Öffentlichen Verkehrs sehe ich vor allem auf stark frequentierten Strecken. Da macht es gar keinen Sinn, die Menschen in kleinere Fahrzeuge zu stecken. Hier ist der Bus, der Zug oder die U-Bahn unschlagbar. Es wird aber in der Feinverteilung so sein, dass die autonomen Fahrzeuge eine neue Rolle übernehmen, die bisher beim öffentlichen Verkehr lag. Dies sieht man bereits heute beim Bike- und Carsharing.

«Gerade für Pendler entsteht ein großer Nutzen»

Ein BMW i3 von DriveNow in London
Ein BMW i3 von DriveNow in London © BMW

Autogazette: Wie kann ich mir den Öffentlichen Nahverkehr denn mit autonomen Fahrzeugen in Zukunft vorstellen? Rufe ich mir einen Bus, wenn ich einen brauche und orientiere ich mich nicht mehr am Fahrplan?

Lenz: Genau. Wenn sie wie in Berlin eine U-Bahn haben, die ohnehin alle paar Minuten fährt, dann brauche ich keinen Fahrplan mehr.

Autogazette: Kann das Carsharing zum Vehikel für die Marktdurchdringung des autonomen Fahrens werden?

Lenz: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Das beobachtet man heute bereits bei Elektrofahrzeugen. Wenn solche Fahrzeuge in flexiblen Carsharingflotten sind, besteht hier seitens der Kunden eine hohe Nachfrage. Einen solchen Prozess kann ich mir auch beim autonomen Fahren vorstellen. Doch der größte Nutzen besteht darin, dass das Auto zu mir kommen kann und auch wieder allein wegfährt.

Autogazette: Wenn wir vom autonomen Fahren reden, reden wir dann zunächst nur über den städtischen oder auch den ländlichen Bereich, sodass es auch für Pendler relevant ist?

Lenz: Gerade für Pendler würde durch autonom fahrende Autos ein großer Nutzen entstehen. Doch es wird weiterhin Menschen geben, die diese Interimszeit nutzen wollen. Nicht alle werden sich gleich verhalten – und sich autonom fahren lassen wollen. Die Frage wird sein, ob es irgendwann zu einer Regulierung kommt. Es also Straßen gibt, auf denen nur noch autonom gefahren werden kann. Doch von dieser Regulierung sind wir noch ein gutes Stück entfernt.

«Immer mehr ältere Menschen fahren Auto»

Die Zahl älterer Autofahrer nimmt zu
Die Zahl älterer Autofahrer nimmt zu © DVR

Autogazette: Der Umstand, dass ich beim vollautonomen Fahren andere Dinge tun kann wie beispielsweise Mails checken oder die Zeitung lesen, spielt für das Carsharing keine Rolle?

Lenz: Im Moment spielt das im Zusammenhang mit dem Carsharing kaum eine Rolle. Das ist mit Sicherheit etwas anderes, wenn es ein Privatfahrzeug ist. Beim Privatfahrzeug kann das interessant sein. Doch der Punkt Arbeiten im Auto spielt nach unseren bisherigen Erkenntnissen keine große Rolle. 13 Prozent sagen, dass das Arbeiten im Auto ein Vorteil wäre, doch über die Hälfte sagen, dass sie sich entspannen wollen. Das könnte sich in dem Moment ändern, ab dem der Arbeitgeber einem die Zeit im Auto als Arbeitszeit anrechnet.

Autogazette: Kann durch das autonome Fahren auch Menschen wieder die Teilhabe an der Mobilität ermöglicht werden, beispielsweise Kranken oder Behinderten?

Lenz: Ich kenne keine seriöse Studie dazu. In den USA ist es das Argument schlechthin, weshalb das autonome Fahren Sinn macht. Dass, was wir im Moment beobachten ist, dass immer mehr ältere Menschen Auto fahren. Es ist ein gut zu bedienendes Verkehrsmittel, das von den Älteren über Jahrzehnte erlernt wurde und es ist körperlich nicht anstrengend.

Autogazette: Wird das autonome Fahren zu einer geringeren Umweltbelastung führen?

Lenz: Davon ist auszugehen, wenn man beim Güterverkehr beispielsweise ans Kolonnenfahren denkt. Die Frage ist jedoch, inwieweit das den Güterverkehr auf der Straße nicht noch attraktiver macht und noch mehr Güter auf der Straße statt auf der Schiene transportiert werden. Hier muss man deshalb eine Gesamtbetrachtung anstellen. Denn wenn es dazu kommen sollte, dass immer mehr Güter auf der Straße statt auf der Schiene transportiert werden, kommen wir zu einem gegenteiligen Effekt.

Das Interview mit Barbara Lenz führte Frank Mertens

Hier lesen Sie Teil eins des Interviews.



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