«Bei uns ist das Erlebnis konfigurierbar»

Ralf Lamberti, Leiter User Interaction bei Daimler

Das Head-Up-Display im Mercedes F 015.
Das Head-Up-Display im Mercedes F 015. © Daimler

Der Mercedes F 015 hat auf der CES für Aufsehen gesorgt. Im Interview mit der Autogazette spricht Ralf Lamberti, bei Daimler Leiter User Interaction, darüber, wie Eyetracking, Gesten- und Sprachsteuerung den Fahrer im Auto der Zukunft entlasten.

Mercedes schaut mit dem F 015 Luxury in Motion weit in die Zukunft des Automobils – und hat damit Anfang Januar auf der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas für einiges Aufsehen gesorgt. Die Schwaben zeigen mit ihrem Forschungsfahrzeug, wie sie sich das autonom fahrende Auto in 20 oder 30 Jahren vorstellen. Dazu gehören neben einem ein- und ausfahrenden Lenkrad auch ein innovativer Innenraum mit Loungesesseln und einem digitalisierten Innenraum.

Erlebnisraum Auto

Drucknöpfe und Schalter, wie man sie aus heutigen Fahrzeugen kennt, gehören der Vergangenheit an. Digitalinstrumente und Touchscreens sind an ihre Stelle getreten. Eine Überforderung für den Fahrer? Nein, sagt Ralf Lamberti, bei Daimler Leiter User Interaction und Connected Car, im Interview mit der Autogazette. «Wir machen dieses Auto zwar zu einem Erlebnisraum, aber der Fahrer und bis zu drei andere Personen können sich diesen Erlebnisraum selbst gestalten.» Entweder kann es als rollendes Büro genutzt werden oder als Ort der Entspannung, wie Lamberti hinzufügt.

«Es gibt hier keinen Widerspruch»

Ralf Lamberti
Ralf Lamberti leitet die User Interaction bei Daimler Daimler

Autogazette: Herr Lamberti, mit dem Mercedes F 015 machen Sie das Auto zu einem digitalen Erlebnisraum. Führt zu viel Technik letztlich nicht dazu, den Fahrer zu überfordern?

Ralf Lamberti: Wir machen dieses Auto zwar zu einem Erlebnisraum, aber der Fahrer und bis zu drei andere Personen können sich diesen Erlebnisraum selbst gestalten. Dieses Erlebnis kann natürlich auch ein sehr beruhigendes sein. Man muss ja nicht nur daran denken, dass das autonom fahrende Auto zu einem rollenden Büro wird. Es kann auch ein Ort der Entspannung sein, in dem ich die Funktionalitäten des Autos enorm reduziere.

Autogazette: Sie können die hektische Außenwelt, in der sich das Fahrzeug bewegt, also auch ausblenden?

Lamberti: Auch das. Ich kann beispielsweise mit der Umwelt in Verbindung treten, in dem ich mir im Fahrzeug mit kleinen Partikeln anzeigen lasse, was draußen geschieht. Als Passagier habe ich dabei die Möglichkeit, die Intensität dieser Anzeige selbst zu bestimmen. Erkennt das Fahrzeug alle Objekte, an denen es vorbeifährt? Oder reduziert es die Objekte auf ein Minimum? Darüber entscheidet der Passagier. Bei uns ist das Erlebnis konfigurierbar.

Autogazette: Widerspricht es nicht dem Ansatz dieses Autos, ein Rückzugsort zu sein, in dem man die Außenwelt in die Innenwelt bringt?

Lamberti: Es gibt hier keinen Widerspruch: beides ist möglich. Wir gehen mit unseren Rundumbildschirmen so weit, dass man sich beispielsweise die Szenerie einer Landschaft im Auto einspielen lassen kann, die einem besonders gut gefällt. Sie fahren beispielsweise durch eine nicht gerade schöne Vorstadt, doch im Auto fahren sie durch eine wunderschöne Waldlandschaft.

«Wir setzen beispielsweise aufs Eye-Tracking»

Die Funktionen im Front-Display sind ergonomisch komfortabel per neuartiger Augenbewegungserkennung (Eye-Tracking) und Gesten bedienbar
Das Front Display ist über Gesten oder Eye-Tracking zu steuern Daimler

Autogazette: Der Mercedes F 015 ist vollgestopft mit moderner Technik. Wie stellen Sie sicher, dass der Fahrer auch in die Lage versetzt wird, dieses komplexe Gebilde auch zu verstehen?

Lamberti: Wir haben uns zu der Frage sehr, sehr viele Gedanken gemacht, wie das Auto einfach zu bedienen ist. Wir setzen beispielsweise aufs Eye-Tracking. Das bekommt der Fahrer überhaupt nicht mit, entsprechend überfordert es ihn auch nicht. Er sitzt vorn auf seinem Fahrersitz vor Bildschirmen und das Eye-Tracking erkennt automatisch, wo er hinschaut und auf welchem Bildschirm er was bedienen möchte. Er muss hier über nichts nachdenken, die Technik übernimmt es für ihn.

Autogazette: Sie setzen bei der Bedienung auf das Eye-Tracking, die Gestensteuerung und auf Touchscreens. Gibt es unter diesen drei Aspekten einen, dem perspektivisch eine immer stärkere Bedeutung zukommen wird?

Lamberti: Mit Eye-Tracking allein funktioniert keine Bedienung, es stellt nur fest, wo man hinschaut. Ich denke, dass wir immer stärker zur Bedienung über Touch und Gesten kommen werden. Zudem werden wir das Thema Spracherkennung auf ein bislang noch nicht dagewesenes Niveau bringen. Es wird eine natürlichere Sprachlichkeit, eine noch bessere Grammatik geben. Bei der On- und Offboard-Sprachbedienung ist noch enorm viel möglich. Von daher wird das Thema Sprachbedienung uns noch sehr viel helfen.

«Wir liegen bei einer Trefferquote von über 90 Prozent»

Der Mercedes F 015 - so sieht die Vision von Daimler aus.
Partikelströme auf den Displays visualisieren die Bewegung Daimler

Autogazette: Wie weit sind Sie denn beim Thema Spracherkennung, die in den meisten Autos nur sehr bescheiden funktioniert?

Lamberti: Uns können Sie damit nicht meinen. Wenn wir heute im Navigationssystem ein Ziel mit den Befehlen «Ziel eingeben» und sagen im Anschluss Stadt, Straße und Hausnummer am Stück, dann liegen wir bei unseren Systemen bei einer Trefferquote von über 90 Prozent. Die Sprachbedienung hat ohne Frage den Malus, dass sie ein Tal der Tränen durchschritten hat, weil es doch viele Autos gab, wo die Trefferquote bei der Sprachbedienung nicht so hoch und der Kunde entsprechend unzufrieden war. Er hat dann frustriert gesagt: Das benutze ich nicht mehr.

Autogazette: Was war für Sie mit Blick auf die Funktionalitäten des F 015 die größte Herausforderung?

Lamberti: Speziell die Integration der Systeme war eine große Herausforderung, denn die Bildschirme im F 015 müssen alle absolut synchron funktionieren. Wir erzeugen ja ein durchgängiges Bild der Umgebung, durch die ich gerade fahre und hier müssen alle fünf Monitore das Bild synchron wiedergeben. Zugleich musste das Eye-Tracking und die Gestensteuerung integriert werden, was kein einfaches Unterfangen war. Mit unserer Mannschaft in Sunnyvale haben wir eigens Software für dieses Fahrzeug schreiben lassen, damit auch alles funktioniert. Das war ein hoher Entwicklungs- und Integrationsaufwand.

Autogazette: Autonomes Fahren soll das Autofahren ja sicherer machen. Um wieviel sicherer ist ein F 015 im Vergleich zu einer Mercedes S-Klasse?

Lamberti: Wenn wir diese ganze Technik erst einmal in die Serie gebracht haben, wird der F 015 natürlich sicherer sein. Derzeit sprechen wir ja noch von einem Forschungsfahrzeug, doch die Technologien, die wir hier zeigen und fürs autonome Fahren anbieten, werden für mehr Sicherheit sorgen.

«Die Sensorik ist schon sehr ausgefeilt»

Autogazette: Das Fahrzeug ist ja auch in der Lage, beispielsweise mit dem Fußgänger an der Ampel zu kommunizieren. Wie valide funktioniert die Erkennung und Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern schon?

Lamberti: Die Sensorik, die wir bereits heute für das autonome Fahren benutzen, arbeitet bereits sehr zuverlässig, wenn man einmal von einigen Einschränkungen wie Dunkelheit oder starkem Regen absieht. Diese Sensorik ist schon sehr ausgefeilt.

Autogazette: Wo gibt es denn derzeit die größten Baustellen mit Blick auf die Technik? Schlechtes Wetter hatten Sie gerade ja schon genannt...

Lamberti: ...es kommt auf die Komplexität der Situationen an, in denen man autonom fahren kann. Bei höheren Geschwindigkeiten beispielsweise müssen auch die Systeme noch schneller reagieren. Gerade in der Stadt sind die Situationen mit einer Vielzahl von zu erkennenden Objekten weitaus komplexer als auf der Autobahn.

Autogazette: Wie gewährleisten Sie, dass die Daten der Kunden nicht an Dritte weitergegeben werden?

Lamberti: Zum einen haben wir für jede Baugruppe, wir nennen das Domäne, einen Security Manager. Zugleich trennen wir die Domänen voneinander und haben Konzepte, wie lange wir Daten speichern. Man muss sich zugleich vor Augen führen, was für Daten wir überhaupt erfassen: Es sind nämlich super abstrakte Daten. Das hat mit Dingen, die persönlicher Art sind, nichts zu tun. Wir wollen nur die Objekte erkennen und daraus ableiten, ob dadurch für den vorgesehenen Kurs des Fahrzeugs eine Gefahr ausgeht.

«Kunde wird abwägen, ob er Dienste nutzen will oder nicht»

Der Mercedes F 015 - mit ihm erobert man seine Zeit zurück.
Der Mercedes F 015 Daimler

Autogazette: Aber Sie wären dazu in der Lage, auch ein Bewegungsprofil anzulegen?

Lamberti: Natürlich könnte man das, wenn man das Fahrzeug ständig kontrolliert. Deshalb sind solche Funktionen wie das Tracking, dass wir ja heute schon anbieten, vom Kunden ein- und auszuschalten. Wenn er das Auto kauft, stimmt er dem zu, kann seine Entscheidung später natürlich auch widerrufen. So muss es auch gehändelt werden: Der Kunde muss jederzeit bestimmen können, was erfasst wird und was mit seinen Daten gemacht wird. Der Kunde wird dann abwägen, ob er diese Dienste nutzen will oder nicht.

Autogazette: Was ist für Sie eigentlich revolutionärer: das Interieur- oder das Exterieur-Design?

Lamberti: Es muss beides stimmen, es muss eine Einheit bilden. Persönlich macht mich das Interieur-Design allerdings mehr an.

Das Interview mit Ralf Lamberti führte Frank Mertens

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