«Die strengeren CO2-Vorgaben führen automatisch zur Elektromobilität»

VW-China-Vorstand Jochem Heizmann

Jochem Heizmann
VW-China-Vorstand Jochem Heizmann. © dpa

Volkswagen ist in China auf Erfolgskurs. Im Interview mit der Autogazette spricht China-Vorstand Jochem Heizmann über Absatzziele, die neue Elektromarke SOL und darüber, weshalb man in Deutschland keine E-Quote benötigt.

Der VW-Konzern will in diesem Jahr in China stärker als der Gesamtmarkt wachsen. «Wir gehen davon aus, dass der Gesamtmarkt im Jahresverlauf um vier bis fünf Prozent wachsen wird. Unser Ziel ist es, oberhalb dieses Wertes zu landen», sagte VW-China-Vorstand Jochem Heizmann im Interview mit der Autogazette. Im Vorjahr hatten die Wolfsburger auf ihrem größten Einzelmarkt fast 4,2 Millionen Fahrzeuge abgesetzt.


Mit Elektromarke SOL Einstieg ins Massensegment

Weiteren Absatzschwung erwartet sich Heizmann durch die zusammen mit dem Joint Venture-Partner JAC gegründete Elektromarke SOL. Mit dem auf der Peking Autoshow vorgestellten Mini-SUV E20X würde man auf dem chinesischen Markt das A/0-Segment bedienen. «Damit sind wir nun auch in einem Massensegment mit einem Produkt vertreten», sagte Heizmann. Wie der Manager hinzufügte, bleibe es beim Ziel «bis 2025 zusammen mit unseren Partnern insgesamt rund 40 neue, lokal produzierte Elektromodelle in China auf den Markt zu bringen».

«Damit im Massensegment vertreten»

Autogazette: Herr Heizmann, VW hat zusammen mit seinem Joint Venture-Partner JAC die Elektromarke SOL gegründet. Ist nur eine eigene Elektromarke der Garant für einen Erfolg?

Jochem Heizmann: Nein, es ist eine sinnvolle Ergänzung unseres momentanen und geplanten Portfolios an Elektrofahrzeugen – lokal produziert und importiert. Wir bedienen damit auf dem chinesischen E-Auto Markt das A/0-Segment. Damit sind wir nun auch in einem Massensegment mit einem Produkt vertreten. Daneben bleibt es bei unserem Ziel, bis 2025 zusammen mit unseren Partnern insgesamt rund 40 neue, lokal produzierte Elektromodelle in China auf den Markt zu bringen.

Autogazette: Der Fokus der Aktivitäten liegt nach wie vor auf den Aktivitäten mit ihren bisherigen Joint Venture-Partnern?

Heizmann: Daran ändert sich nichts. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor in der Zusammenarbeit mit FAW- und SAIC-Volkswagen.

Autogazette: Auch andere Hersteller wie Daimler haben mit Denza eine eigene E-Marke in China. Eine Erfolgsgeschichte ist das nicht…

Heizmann:  bei uns ist es ein Joint Venture, wobei auf Seiten des Volkswagen Konzerns Seat die führende Rolle übernimmt. Wenn Sie sich den SOL E20X anschauen, sehen Sie Gene vom Seat-Design. Zudem ist Seat eine besonders junge Marke mit einer emotionalen Linienführung. Damit spricht Seat eine junge Kundschaft an, die wir mit dem SOL in China erreichen wollen. Damit schaffen wir uns ein Einstiegssegment. Es ist aber keines, mit dem wir SAIC- Volkswagen oder FAW-Volkswagen Konkurrenz machen.

«Was derzeit verkauft wird, sind eher Mini-Autos»

Kleinstfahrzeuge wie diese sind in China sehr beliebt. Foto: Mertens

Autogazette: Welche Absatzerwartung haben Sie mit diesem Fahrzeug?

Heizmann: Der Absatz richtet sich danach, wie sich das A/0-Segment insgesamt entwickelt. Derzeit ist es so, dass der batterieelektrische Markt subventionsgetrieben ist. Was derzeit verkauft wird, sind eher Mini-Autos, sehr, sehr kleine Fahrzeuge. Der Trend geht aber hin zu größeren Fahrzeugen und mit dem SOL bieten wir ein entsprechendes Angebot.

Autogazette: Wann soll das Fahrzeug auf den Markt kommen?

Heizmann: Es wird im zweiten Halbjahr dieses Jahres auf den Markt kommen, spätestens Anfang des letzten Quartals. Die Produktion startet im Sommer.

Autogazette: Gibt es bereits einen Preis?

Heizmann: Da warten wir erst einmal ab, wie sich das Segment selbst entwickelt.

«Dann wird es spannend am Markt»

VW-Chef Herbert Diess auf der Autoshow in Peking. Foto. VW

Autogazette: Die Mittelschicht in China ist bereit um die 300.000 Renmibi für ein Fahrzeug auszugeben. Wie stark wird Ihr Fahrzeug darunter liegen?

Heizmann: Deutlich, wir werden signifikant günstiger sein. Doch wenn man solche Preise nennt, müssen sie immer auch sagen, ob sie von einem Preis vor oder nach Subventionen reden. Ab 2020 wird sich das Thema mit Auslauf der staatlichen Förderung ohnehin ändern. Dann wird es spannend am Markt.

Autogazette: Werden die Zulassungsbedingungen sich auch ändern?

Heizmann: Wir gehen davon aus, dass die Bevorzugung von Elektro-Fahrzeugen bei der Zulassung auch nach 2020 weitergehen wird.

Autogazette: Alle Experten sagen, dass China der Leitmarkt für die Elektromobilität wird. Warum ist das so?

Heizmann: Das Interesse der chinesischen Regierung, die Entwicklung der E-Mobilitaet voranzutreiben, ist sehr hoch. So gibt es in China für das Thema Elektromobilität große finanzielle Unterstützung. Wir haben auf der einen Seite Subventionen, auf der anderen Seite ist man dabei, die Ladeinfrastruktur deutlich auszubauen. Gerade in diesem Bereich gibt es in Europa Nachholbedarf. Außerdem sind die Chinesischen Kunden offen gegenüber der neuen Technologie und die Nachfrage und breite Akzeptanz von E-Fahrzeugen steigt schnell. Daneben gibt es die Restriktionen in Metropolen, überhaupt ein Nummernschild für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu bekommen. Doch an einer Stelle unterscheidet sich China gar nicht so stark von Europa: es ist der Aspekt des Verbrauchs: Bis 2020 muss ein Flottenverbrauch von fünf Litern, bis 2025 voraussichtlich vier Liter erreicht werden. Wenn man so etwas erreichen will, braucht man hohe Anteile von E-Fahrzeugen.

«Es braucht bessere Ladeinfrastruktur»

Ein Tesla im Verkehr in Peking. Foto: Mertens

Autogazette: Was kann Deutschland, was kann Europa vom chinesischen Markt lernen?

Heizmann: Ich denke, dass sich die Elektromobilität in Deutschland allein auch wegen der CO2-Vorgaben jetzt schneller entwickeln wird. Denn für das Erreichen des ab 2020 geltenden CO2 Zieles von 95 g/km braucht man einen hohen E-Anteil. Daher ist keine eigene E-Quote notwendig. Wichtig ist jedoch vor allem, dass die Kunden die Elektro-Autos akzeptieren und kaufen. Dafür müssen die Kosten sinken. Das geschieht durch hohe Stückzahlen. Durch weitere Fortschritte in der Batterien-Technologie werden höhere Reichweiten erreicht. Daneben braucht man noch eine bessere Ladeinfrastruktur.

Autogazette: Braucht es nicht auch in Deutschland Vorgaben wie eine E-Quote, um zu einem höheren Anteil elektrifizierter Fahrzeuge zu kommen?

Heizmann: Das ist nicht notwendig. Die strengeren CO2-Vorgaben führen automatisch zur Elektromobilität. Und dass die Autos gekauft werden, dafür müssen dann die bereits genannten Rahmenbedingungen wie Preis, Reichweite und Infrastruktur sorgen.

Autogazette: Alle Hersteller klagen seit Jahren über die strengen CO2-Vorgaben. Weshalb ist man dann nicht früher mit E-Autos auf dem Markt gekommen?

Heizmann: Wir kommen genau zum richtigen Zeitpunkt. Jetzt starten wir in China mit unseren lokal produzierten E-Fahrzeugen. Zum einen mit Plug-in Hybriden, die Lücken in der Infrastruktur gerade außerhalb der großen Städte dank zugeschaltetem Verbrennungsmotor überbrücken können. Es kommen gleichzeitig reine E-Autos auf den bewährten Plattformen auf den Markt. Schließlich folgen Fahrzeuge auf Basis des neuen Modularen Elektro Baukastens wie etwa die I.D.-Familie. Mit diesen Autos geben wir die Antworten, die die Kunden verlangen.

«Die jetzt getroffene Vereinbarung ist stimmig»

VW präsentierte am Vorabend der Peking Autoshow seine Neuheiten. Foto: VW

Autogazette: Wie problematisch ist es für den VW-Konzern, die ab 2019 gültige zehnprozentige E-Quote zu erreichen?

Heizmann: Wir werden die Quote erfüllen, die ja nicht einen Anteil von zehn Prozent an der Fahrzeug-Flotte bedeutet, sondern einen entsprechenden Anteil an Kreditpunkten. Plug-in Hybride erhalten zwei Kreditpunkte, reine Batteriefahrzeuge dreieinhalb bis 6 Punkte.

Autogazette: Weshalb hat sich die Autobranche dann so vehement dagegen gewehrt?

Heizmann: Wir haben uns nie gegen die Quote gewehrt, sondern wir haben uns allein gegen Planungen ausgesprochen, dass diese Regel ohne Vorbereitungszeit bereits 2018 gelten sollte. Die jetzt getroffene Vereinbarung, die Quote 2019 einzuführen, ist in der Ausgestaltung stimmig. Denn sollte man sie ab 2019 nicht erreichen, kann man sie 2020 noch kompensieren. Wird sie übererfüllt, können Guthaben ins Jahr 2020 übernommen werden. Die entscheidende Größe ist damit nicht mehr die Quote, sondern die Verbrauchsvorgabe.

Autogazette: Jedes 5. ab 2025 verkaufte Auto in China soll bereits elektrisch fahren. Für Sie ein realistisches Ziel?

Heizmann: Es ist eine Größenordnung, die notwendig ist, die Flottenverbräuche von vier Litern bis 2025 zu erreichen. Die Autos in China sind größer, sie sind schwerer. Auch hier stehen SUVs hoch im Kurs. Wenn man mit solchen Autos diese Verbräuche erreichen will, brauchen sie die Elektrifizierung. Auch deshalb wird die E-Mobilität rasant wachsen.

«Der Umweltschutz spielt eine Rolle»

Leihfahrräder wie die von Mobike sieht man in Peking überall im Straßenbild. Foto: Mertens

Autogazette: Forciert China das Thema Elektromobilität vor allem aus Gründen des Umweltschutzes oder vielmehr aus Gründen der Industriepolitik?

Heizmann: Der Umweltschutz spielt eine Rolle – und das nicht nur in Peking. Die Autoindustrie muss und wird ihren Beitrag leisten, aber auch andere Industrien müssen das tun.

Autogazette: Spielt die Industriepolitik nicht eine besondere Rolle? Nachdem man mit den europäischen Herstellern bei den Verbrennungsmotoren nicht auf Augenhöhe agieren konnte, soll dies nun bei der E-Mobilität klappen.

Heizmann: Generell bringt Wettbewerb Innovation. Vor diesem Wettbewerb fürchten wir uns nicht, solange er fair ist.

«Unser Ziel ist es, oberhalb dieses Wertes zu liegen»

Autogazette: Im vergangen Jahr konnten Sie fast 4,2 Millionen Autos in China absetzen. Nun liegt VW nach dem ersten Quartal mit über einer Million Fahrzeugen bei über 13 Prozent. Wachstum. Wird sich dieses Wachstum halten lassen?

Heizmann: Wir hatten einen herausragenden Start in diesem Jahr. Wir gehen davon aus, dass der Gesamtmarkt im Jahresverlauf um vier bis fünf Prozent wachsen wird. Unser Ziel ist es, oberhalb dieses Wertes zu landen.

Autogazette: Bisher spricht man immer davon, dass man 15 bis 25 Prozent seines Gesamtabsatzes ab 2025 mit E-Autos bestreiten will. Das gilt für China ebenso?

Heizmann: Es gibt hier den genannten Zusammenhang zwischen Flottenverbrauch und NEVs. Jetzt kommt es auf das Kundenverhalten an. Wenn er sich weiter Richtung SUVs entwickelt, brauchen wir immer mehr NEVs. Vor diesem Hintergrund sind im Kontext der Flottenverbrauchsziele bis dahin 25 Prozent nicht unrealistisch.

Das Interview mit Jochem Heizmann führte Frank Mertens

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie Ihren Namen ein