«Es hilft nichts, die Vergangenheit zu konservieren»

Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes

Dirk Messner ist Präsident des Umweltbundesamtes. © dpa

Dirk Messner ist seit Januar Präsident des Umweltbundesamtes. Im Interview spricht er über die Coronakrise, das Konjunkturpaket, die gescheiterte Kaufprämie für Verbrenner und darüber, weshalb ein Tempolimit Sinn macht.

Der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner, hat mit Blick auf die Energiewende ein schnelleres Tempo gefordert. «Der Gesamttrend ist gut», sagte Messner im Interview mit dem Magazin electrified und der Autogazette. „Doch unser Ausbautempo ist nicht schnell genug. Das UBA hat ausgerechnet, dass wir beim Wind zu einer Verdoppelung bis zu einer Verdreifachung beim Zubau kommen müssen, damit wir unsere Ziele erreichen“, sagte der 58-Jährige.


Wie Messner hinzufügte, sei neben dem notwendigen Ausbau der Erneuerbaren «die schwierige Aufgabe – und das hat auch mit gesellschaftlichen Konflikten zu tun – wie wir aus den Fossilen rauskommen, vor allem der Kohle». Messner zeigte sich zuversichtlich, dass der Kohleausstieg früher geschieht als im Jahr 2038. «Wenn ich mir die Preisrelationen anschaue, die sich herausbilden und Kohle wettbewerbsschwächer wird, könnten wir 2033 aus der Kohle raus sein.»

«Der Mobilitätssektor muss dekarbonisiert werden»

Dass sich die Autobranche mit ihrer Forderung nach einer Kaufprämie auch für Autos mit Verbrennungsmotor nicht durchsetzen konnte, hat Messner positiv überrascht. «Das neue Signal ist eindeutig: die Zukunft ist Elektrifizierung, raus aus dem Verbrenner – auch der Mobilitätssektor muss dekarbonisiert werden. Das war ein wichtiger Hinweis. Die Richtung des Wandels ist nun klar», so der UBA-Präsident

«Die Türen sind weit offen, wir müssen liefern»

Autogazette: Herr Messner, Sie sind jetzt seit Januar Präsident des Umweltbundesamtes. Sind Sie schon angekommen in Ihrer neuen Position?

Dirk Messner: Ich bin bereits ein halbes Jahr im Amt und habe viele Arbeitsfelder des UBA kennengelernt. Insofern fühle ich mich angekommen. Allerdings ist mir die Corona-Krise dazwischengekommen, deswegen fehlt mir etwas der persönliche Kontakt zum Haus und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Autogazette: Ihre Vorgängerin Maria Krautzberger hat sich kurz vor Ihrem Abschied darüber beklagt, dass die Regierung zu wenig auf den Rat des UBA höre. Haben Sie ein ähnliches Empfinden aus Ihrer Vergangenheit als Wissenschaftler?

Messner: In Bezug auf die Nachhaltigkeits- und Umweltpolitik sind die Themen, die uns als Nachhaltigkeitsforscher interessieren – und ich bin jetzt 30 Jahre im „Geschäft“ – vom Rand der Debatte ins Zentrum gerutscht. Wir haben eine hohe Aufmerksamkeit, wir können uns auch Gehör verschaffen. Jetzt liegen alle Fragen, für die wir immer gekämpft haben, auf dem Tisch: die Energie- und die Mobilitätswende, was geschieht mit unseren Städten, zirkuläre Ökonomie, wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus? Beim Konjunkturpaket standen diese Debatte mit im Zentrum. Die Türen sind weit offen, wir müssen liefern.

Autogazette: Sie gehen also nicht einher mit der Auffassung von Frau Krautzberger?

Messner: Ich sehe eine große Nachfrage nach dem Typus von Wissen, das wir produzieren. Wir würden uns immer wünschen, dass Dinge schneller aufgenommen, schneller umgesetzt werden. Wenn man aus der Klimaperspektive guckt, spüren wir den Zeitdruck, deshalb wünschen wir uns mehr Geschwindigkeit im Wandel. Aber ich beobachte viele Anstrengungen auch auf Seiten der Politik und Wirtschaft, auf diesem Feld voranzukommen.

«Die Emissionen sinken, aber die Emittenten verschwinden nicht»

Für die Klimaschutzziele braucht es eine CO2-Reduzierung. Foto: dpa
Für die Erreichung der Klimaschutzziele braucht es eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Foto: dpa

Autogazette: Die Coronakrise hat in den zurückliegenden Monaten zu einer Verringerung der CO2-Emissionen beigetragen. Sehen Sie darin eine nachhaltige Entwicklung?

Messner: Das ist ein Einmal-Effekt. Wir drosseln für wenige Monate unsere Mobilität, fahren die Wirtschaft, fahren die Industrie runter. Die Emissionen sinken, aber die Emittenten verschwinden ja nicht mit. Deswegen ist die Frage, ob die Coronakrise so etwas wie ein Kristallisationspunkt ist. Es wird darum gehen, wie wir die unglaublichen Mittel der Konjunkturpakete in Deutschland, Europa und weltweit einsetzen und nachhaltig aus der Krise zu kommen. Im G20-Kontext reden wir davon, dass 12 bis 20 Billionen US-Dollar bis Mitte 2021 investiert werden, um die Folgen von Corona zu bekämpfen. Wie wir dieses Geld einsetzen, entscheidet auch darüber, wie wir die Klima- und Umweltproblematik voranbringen.

Autogazette: Wie zufrieden sind Sie unter Umweltaspekten mit dem Konjunkturpaket? Wurden hier die richtigen Akzente mit Blick auf den Green Deal gesetzt?

Messner: Auf der europäischen Ebene ist die Message ganz klar: wir bekämpfen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit dem Green Deal. Da machen wir keine Abstriche. Wenn wir die Finanzmarktkrise 2008/2009 mit der jetzigen Krise vergleichen, spielten damals Themen wie Klima- und Umweltschutz keine Rolle. Nur Südkorea hat versucht, so etwas wie ein Green Recovery-Programm aufzulegen. Wenn sie sich die aktuelle Situation anschauen, stehen die Klima- und Nachhaltigkeitsfragen, in Verbindung mit dem digitalen Wandel, im Zentrum der Diskussion – sie werden als Modernisierungsherausforderungen begriffen. Und jetzt geht es darum, wie Klima- und Nachhaltigkeitsfragen mit den wirtschaftlichen Erholungspaketen verbinden. Da hat sich im Diskurs der Gesellschaft radikal etwas geändert. Darüber bin ich froh.

«Wir müssen Ziele einhalten, um glaubwürdig zu bleiben»

Autogazette: Wird die EU-Ratspräsidentschaft einen weiteren Schub für die Erreichung der deutschen, aber auch europäischen und globalen Klimaschutzziele bringen?

Messner: Wir haben da in zweierlei Hinsicht eine große Verantwortung: Wie schaffen wir es konzeptionell, den Green Deal beschleunigt umzusetzen, weil jetzt viel Geld in kurzer Zeit ausgegeben wird. Auf europäischer Ebene reden wir von bis zu 750 Milliarden Euro, die investiert werden sollen. Das muss jetzt mit dem Green Deal zusammengebracht werden. Was wir in Normalzeiten über die nächsten fünf, sechs Jahre angegangen wären, muss jetzt im Zeitraffer passieren. Und zweitens braucht Europa jetzt neue Klimaschutzziele und die werden bis Ende des Jahres verabschiedet werden müssen. Diese beiden Dinge stehen im Zentrum der deutschen Ratspräsidentschaft.

Autogazette: Nachdem die deutschen Klimaschutzziele für 2020 verpasst wurden, wie zuversichtlich sind Sie, dass die Ziele für 2030 erreicht werden?

Messner: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Zum einen verfehlen wir unsere Kurzfristziele immer noch und formulieren gleichzeitig immer strengere Langfristziele. Das irritiert die Bevölkerung – und mich manchmal auch. Wir müssen Ziele einhalten, um glaubwürdig zu bleiben. Zum anderen ist da Gesamtperspektive: Kriegen wir die Klimakrise in den Griff und lösen gleichzeitig die Probleme in anderen Bereichen wie Biodiversität, zirkuläre Ökonomie oder in der Landwirtschaft? Überfordert das unsere Gesellschaften? Meine Perspektive ist: Nach 20 Jahren harter Arbeit in diesem Feld sind wir jetzt in einer Phase, in der wir das alles zusammenbringen und beschleunigt lösen können.

Autogazette: Inwieweit kann uns die Coronakrise und die Digitalisierung helfen, diese Ziele schneller zu erreichen?

Messner: Diese Krise kann ein Beschleuniger für Klimaschutz und Nachhaltigkeitstransformation werden, wenn wir einen signifikanten Teil der Gelder in die richtige Richtung lenken. Unter normalen Umständen hätten wir diese Mittel in einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren in die Hand genommen. Jetzt machen wir das in wenigen Monaten. Lenken wir aber falsch, kann es sogar rückwärts gehen, da wir dadurch umweltschädliche Pfadabhängigkeiten schaffen. Das deutsche Konjunkturpaket ist aber ein guter Ansatz. Nicht alle Probleme werden gelöst, doch von den 130 Milliarden Euro, die da investiert werden, gehen 40 bis 60 Milliarden, je nach Betrachtung, in den Klimaschutz und in Nachhaltigkeitsinvestitionen in Verbindung mit Digitalisierung. Das ist eine Menge Geld, das einiges bewegen kann.

«Unser Ausbautempo ist nicht schnell genug»

Windkraftanlagen in Niedersachsen. Foto: dpa

Autogazette: Digitalisierung macht nur Sinn, wenn man dafür auch grünen Strom nutzt. Sind wir mit Blick auf die Energiewende und einem Ökostrom-Anteil von knapp über 50 Prozent auf einem guten Weg?

Messner: Der Gesamttrend ist gut. Wenn jemand vor 15 Jahren gesagt hätte, dass wir 50 Prozent bei der Stromerzeugung aus Erneuerbaren ins Visier nehmen, hätten die meisten Energieerzeuger aus dem fossilen Bereich mit den Augen gerollt. Jetzt haben wir das erreicht. Doch unser Ausbautempo ist nicht schnell genug. Das UBA hat ausgerechnet, dass wir beim Wind zu einer Verdoppelung bis zu einer Verdreifachung beim Zubau kommen müssen, damit wir unsere Ziele erreichen. Neben dem nötigen Ausbau der Erneuerbaren ist die schwierige Aufgabe – und das hat auch mit gesellschaftlichen Konflikten zu tun – wie wir aus den Fossilen rauskommen, vor allem der Kohle.

Autogazette: Hätten Sie sich einen schnelleren Kohleausstieg als 2038 gewünscht?

Messner: Ja, das hätte ich mir gewünscht. Ich glaube auch, dass wir es bekommen.

Autogazette: Wovon gehen Sie aus, wenn Sie einen Blick in die Glaskugel werfen?

Messner: Wenn ich mir die Preisrelationen anschaue, die sich herausbilden und Kohle wettbewerbsschwächer wird, könnten wir 2033 aus der Kohle raus sein.

«Die Richtung des Wandels ist nun klar»

Ein Parkplätz für Elektroautos. Foto: dpa

Autogazette: Die Kaufprämie für Elektroautos wird auf 6000 Euro verdoppelt, Fahrzeuge mit Verbrenner gehen leer aus. Hat es Sie überrascht, dass sich die Autolobby mit ihrer Forderung nach einer Prämie für Benziner und Diesel nicht durchsetzen konnte?

Messner: Es hat mich überrascht – positiv. Es gibt in der Politik Symbole und der deutsche Verbrennermotor ist ein Symbol für das Wirtschaftsmodell, in dem Deutschland sehr stark ist. Das neue Signal ist eindeutig: die Zukunft ist Elektrifizierung, raus aus dem Verbrenner – auch der Mobilitätssektor muss dekarbonisiert werden. Das war ein wichtiger Hinweis. Die Richtung des Wandels ist nun klar.

Autogazette: Die Autoindustrie, aber auch die Gewerkschaften zeigen sich davon tief enttäuscht. und sprechen von drohenden Arbeitsplatzverlusten. Die Gewerkschaften attackieren die SPD, die diese Prämie verhindert hat. Können Sie diesen Unmut nachvollziehen?

Messner: Ich kann die Reaktion der Gewerkschaften nachvollziehen, weil die Transformation, die wir im Automobilbereich angesprochen haben, einen Strukturwandel in kurzer Zeit darstellt. Doch der verläuft in anderen Feldern wie beispielsweise in der Landwirtschaft oder Energieerzeugung ähnlich. Aus der Klimaperspektive heraus brauchen wir einen beschleunigten Strukturwandel. Es hilft nichts, die Vergangenheit zu konservieren und die Klima- und Umweltschäden auf die nächsten Generationen zu verschieben. Wir müssen endlich die Zukunft gestalten und für die Stabilität des Erdsystems sorgen. Unsere Generation spielt hier eine Schlüsselrolle. Wenn wir Nachhaltigkeitsreformen verweigern, werden wir den Planeten für immer verändern. Eine 3, 4 oder gar 5 Grad wärmere Welt wird die Grundlagen menschlicher Zivilisation unterminieren. Nachhaltigkeit wird also zu einem Imperativ, der aber auch die Arbeitsmärkte verändern wird. Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben. Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, dass es einen fairen Wandel gibt und dass es auch neue Chancen geben muss, für diejenigen, die aus ihren alten Jobs raus müssen in neue Jobs. Ich finde es deswegen auch richtig, die Transformation zur Nachhaltigkeit sozial-ökologisch zu gestalten.

«Wir sollten uns ehrlich machen»

Das Signal ist klar – es muss einen Abschied vom Verbrennungsmotor geben. Foto: dpa

Autogazette: Ist die Autoindustrie den Weg zur Transformation schnell genug gegangen?

Messner: Wir sollten uns ehrlich machen. Die deutsche Autoindustrie ist mit oder ohne Corona in einer schwierigen Situation. Wenn wir auf die weltweite Automobil- und Mobilitätsindustrie schauen, dann gibt es drei große Veränderungstrends und wir sind an keinem dieser drei Veränderungstrends als Treiber beteiligt. Das macht mir große Sorgen…

Autogazette: …welche Trends sind das?

Messner: …der erste ist die Elektrifizierung – der Abschied vom Verbrennungsmotor. Wir sind nicht vorne weg, wir sind hinten dran. Da braucht man nur Tesla als Vorreiter nehmen, aber auch chinesische und japanische Autounternehmen haben mehr vorzuweisen. Der zweite Trend besteht daraus, dass die Automobile der Zukunft vielleicht eher fahrende PCs und Digitalmodelle sind denn klassische Autos. Da spielen die Googles dieser Welt eine zentrale Rolle. In den Autos der Zukunft steht in dessen Zentrum nicht mehr nur der Motor und ein schickes Design, sondern Digitalisierung, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren. Der dritte Bereich weist darauf hin, dass es nicht mehr nur um die Autos geht und welchen Antrieb sie haben, sondern um die Mobilitätssysteme. Also darum, wie wir künftig Menschen und Güter von A nach B bekommen. Wie wollen wir unsere Städte verändern, wie die Zahl der Autos in den Städten reduzieren und die Städte lebenswerter machen? Wie können wir mit weniger Autos eine ausreichende Menge an Mobilität nutzen? Diese Diskussion wird in Nordeuropa geführt, in Schweden, in Dänemark, in Norwegen, auch in Holland. Da sind wir auch nicht vorne mit dabei. In den Feldern, in denen die deutsche Autoindustrie ihre Stärken hatte, spielt sich nicht die Zukunft ab.

Autogazette: Braucht es für eine solche Transformation nicht Eckpfeiler der Politik? Schaut man sich die Verkehrspolitik in Deutschland an, ist sie sehr zentriert aufs Auto?

Messner: Das ist bisher so. Deshalb sollten wir nicht nur über die Autos reden und darüber, wie wir den Verbrennungsmotor drei Prozent effizienter machen. Wenn wir bei den skizzierten Änderungen nicht als Innovationstreiber dabei sind, dann werden wir in Zukunft Technologien und Geschäftsmodelle von woanders her kaufen. Die deutsche Politik muss Beiträge dafür leisten, dass wir diese Systemveränderungen klug begleiten. Das hat mit Forschung und Entwicklung, das hat mit Städteplanung zu tun. Warum ist der Radverkehr in Stockholm, Utrecht und in Oslo deutlich wichtiger als bei uns in Berlin, Köln und in München? Warum findet die Vernetzung zwischen privaten Autos, öffentlichen Verkehrsangeboten, Radverkehr, Stadtentwicklung, Programmen zu Lebensqualität in den Städten schneller statt als bei uns. Da haben wir Luft nach oben.

«Menschen spüren Unbehagen mit autogerechter Stadt»

Ein Radweg in Osnabrück. Foto: dpa

Autogazette: Städte wie Berlin haben während der Coronakrise Pop-up-Radwege errichtet. Glauben Sie, dass diese auch in der Nach-Corona-Zeit beibehalten bleiben und dem Rad mehr Verkehrsraum eingeräumt wird?

Messner: Ich glaube schon. Die Menschen spüren doch ein Unbehagen mit der autogerechten Stadt. Wenn wir uns einen Moment zurücklehnen und an unsere vollgestopften Städte mit den Dauerstaus denken, in denen wir Angst um unsere Kinder haben müssen und Autos und öffentliche Räume im harten Wettbewerb stehen, kann die autogerechte Stadt nicht der Endpunkt zivilisatorischer Entwicklung sein. Wenn sie beispielsweise nach Utrecht schauen, sieht man, dass eine fahrradgerechte Stadt lebenswert ist. Dort ist neben dem Hauptbahnhof ein Radparkhaus entstanden und es gibt Straßen, auf denen man gefahrlos Rad fahren kann. Dort gehen die Menschen nicht auf die Barrikaden, weil es am Ende des Tages als zusätzlicher Wohlfahrtseffekt empfunden wird. Aber ich freue mich über viele innovative Kommunen, die auch in Deutschland bei dem Thema schon weit sind.

Autogazette: Wäre im Konjunkturpaket nicht auch eine Mobilitätsprämie wünschenswert gewesen, um zu diesen Wünschen zu kommen, die Sie mit Blick auf eine fußgänger- eine radfreundlichere, eine lebenswertere Stadt skizziert haben?

Messner: Für mich ist das Thema Urbanisierung und Mobilität eines der zentralen Felder von Zukunftspolitik in Deutschland, weil sich in unseren Städten und Kommunen entscheidet, ob Menschen Lebensqualität empfinden, sich sicher und wohl fühlen. Die Identität von Menschen wird stark in Städten und Kommunen geprägt. Dieses umfassende Thema der urbanen Entwicklung ist im Konjunkturpaket jetzt nicht systematisch abgebildet. Doch im Konjunkturpaket sind Mittel eingeplant, um die Kommunen finanziell zu unterstützen – das ist sehr vernünftig. Was ich zudem wichtig fand ist, dass es eine Initiative gab, die die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge als System adressiert. Solange wir keine vernünftige Ladeinfrastruktur haben, kommen wir auch nicht mit der Elektromobilität voran. Bisher hatten wir einen tollen Plan und zu geringe Investitionen, jetzt haben wir einen tollen Plan und auch Geld dafür.

«Verteuerung von Automobilität macht Sinn»

Autogazette: Muss das Autofahren teurer werden, um zu einer anderen Form der Mobilität zu kommen Sei es nun durch den Wegfall der Diesel-Subventionierung oder durch eine andere Kfz-Steuerreform als die, die gerade auf den Weg gebracht wurde?

Messner: Subventionierungen abzubauen macht auf jeden Fall Sinn. Den Diesel gegenüber dem Benziner zu privilegieren ist nicht mehr zeitgemäß, das sollte schrittweise abgebaut werden. Insgesamt müssen sich die ökologischen Kosten, die Automobilität erzeugt, auch in den Preisen widerspiegeln. Sonst setzt der Staat falsche Anreize. Insofern macht eine Verteuerung von Automobilität Sinn, aber nur dann, wenn man gleichzeitig die sozialen Folgen abfedert und den öffentlichen Nahverkehr und den öffentlichen Verkehr attraktiver macht.

Autogazette: Das UBA hat gerade die neusten Zahlen zur Stickoxid-Belastung veröffentlicht: Sie ist 2019 gesunken und wird nur noch in 25 Städten überschritten. Ist das nur eine Momentaufnahme oder wird sich das in 2020 verstetigen?

Messner: Das ist ein erfreulicher Trend. Auch wenn wir wegen Corona die Einbrüche bei der Mobilität der letzten drei Monate und den damit gesunkenen Emissionen herausrechnen, haben wir es mit einem stetigen Trend zu tun. Was wir 2019 erlebt haben zeigt, dass Umweltpolitik wirkt: Wir haben eine Modernisierung der Fahrzeuge erlebt aufgrund eines großen Drucks der Gesellschaft – der Dieselskandal hat uns dabei unterstützt. Wir haben modernere und bessere Motoren bekommen, von denen lange gesagt wurde, sie seien nicht möglich. Bei der Luft tut sich also etwas, aber auf der anderen Seite kommen wir beim Klimaschutz nicht voran. Die Emissionen des Verkehrs sind seit 20 Jahren wie eingefroren. Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, müssen wir 2050 jedoch bei Null-Emissionen landen. Das gilt auch für den Verkehr.

«Es gibt gute Gründe für ein Tempolimit»

Die Bundesregierung lehnt ein Tempolimit ab. Foto: dpa

Autogazette: Woran liegt es denn, dass die Emissionen im Verkehr stabil bleiben, sogar leicht über denen des Jahres 1990 liegen? Ist es eine verfehlte Verkehrspolitik?

Messner: Das hat mehrere Ursachen: Die Klimapolitik hat sich zunächst auf den Energiesektor konzentriert, was vernünftig ist. Weit über zwei Drittel der Treibhausgas-Emissionen, die den Klimawandel verursachen, kommen aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Da ist der Energiesektor der zentrale Bereich. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, kann das Klimaproblem nicht gelöst werden. Da sind die Veränderungsprozesse mit einigem Erfolg in Gang gesetzt worden. Der Verkehrssektor ist zunächst ausgeblendet worden, vielleicht aus politischer Scheu, aus der Sorge vor den Bürgerinnen und Bürger. Wir sind eine Autonation, viele Bürgerinnen und Bürger fahren gerne Auto. Das anzugehen, davor haben sich Politikerinnen und Politiker lange gescheut.

Autogazette: Das UBA indes nicht…

Messner: …das UBA hat da eine klare Linie. Ich habe neulich in einem anderen Interview gesagt, dass wir eine pluralistische Gesellschaft sind, die viele Interessen zusammenbringen muss und in der es Zielkonflikte gibt. Und da gibt es neben all den Akteuren einen Bereich, der keine Stimme hat: das ist die Umwelt. Eine Institution wie das UBA ist aus wissenschaftlicher Perspektive heraus dafür verantwortlich, dass die Umwelt eine Stimme bekommt. Wir müssen zeigen, wie die Problemlagen in Bezug auf Luft, auf Wasser, auf Boden sowie auf Klima und Emissionen ausschauen. Von allein artikuliert sich die Umwelt nicht. Das ist eine zentrale Aufgabe, denn im 21. Jahrhundert entscheidet sich, ob wir dazu in der Lage sind, die globalen und lokalen Ökosysteme und damit die Lebensgrundlagen für uns 8 Milliarden Menschen dauerhaft zu stabilisieren.

Autogazette: Das UBA kommt quasi halbjährlich mit dem Vorschlag eines Tempolimits. Glauben Sie, dass Sie sich mit diesem Vorstoß vielleicht doch noch einmal durchsetzen können, nachdem nun auch der ADAC seinen Widerstand aufgegeben hat?

Messner: Das hoffen wir – denn es gibt gute Gründe für ein Tempolimit. Wenn Sie die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 km/h begrenzen, sparen Sie 1,9 Millionen Tonnen Klimagase. Bei 120 km/h sparen Sie schon 2,6 Millionen Tonnen und bei 100 km/h sogar 5,4 Millionen Tonnen. Und wenn ich diese Zahlen vergleiche mit der von Verkehrsminister Scheuer vorgeschlagenen CO2-Einsparung von auch „nur“ 2 Millionen Tonnen Klimagasen durch die Verlagerung von Gütern von der Straße auf die Schiene und das Schiff, dann ist meines Erachtens völlig klar, dass ein Tempolimit zur Klimapolitik dazugehört. Denn für die Einsparung braucht Minister Scheuer mindestens zehn Jahre, um die Infrastruktur zu entwickeln und muss noch viele Milliarden investieren, damit wir eine entsprechende Bahninfrastruktur haben. Das Tempolimit hingegen kostet praktisch nichts. Das der ADAC diese Argumentation nicht mehr zurückweist, ist ein Fortschritt.

Das Interview mit Dirk Messner führte Frank Mertens

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