«Warum haben wir das über Jahrzehnte akzeptiert?»

Polestar-Chef Thomas Ingenlath

«Warum haben wir das über Jahrzehnte akzeptiert?»
Thomas Ingenlath will 2030 ein klimaneutrales Auto bauen. © Matthias Mederer/Polestar

Polestar will bis 2030 ein klimaneutrales Auto bauen. Im Interview spricht Polestar-Chef Thomas Ingenlath über dieses Ziel, den Klimawandel und die Notwendigkeit der Verkehrswende.

Für Polestar-Chef Thomas Ingenlath hätte der Weg der Autobranche hin zur Elektromobilität ohne den Green Deal der EU und die strengen CO2-Grenzwerte deutlich länger gedauert. «Ich glaube, dass der E-Antrieb viel, viel mehr Spaß macht als ein Verbrenner. Von daher hätte eigentlich schon die Technologie gereicht, diesen Wandel herbeizuführen. Doch es so zu sehen, wäre naiv. Deshalb haben wir die Klimaziele gebraucht. Auch deshalb, weil uns die Zeit davonläuft», sagte Ingenlath in einem Interview mit der Autogazette und dem Magazin electrified.


Zugleich forderte Ingenlath seine Kollegen aus der Autobranche auf, bei der Transformation «an Tempo zulegen. Um den Wandel zu beschleunigen, sind strenge CO2-Ziele und ein hoher CO2-Preis erforderlich. Wir als Firmen müssen darauf achten, für die Kunden attraktiv zu bleiben. Das geht nur mit zukunftsfähigen Modellen», so Ingenlath.

«Finales Ausstiegsdatum nicht so wichtig»

Dass sich Teile der Autoindustrie mit der Nennung eines Ausstiegsdatums aus dem Verbrenner so schwer tun, kann Ingenlath nachvollziehen. Schließlich müsse ein global operierendes Unternehmen auch Märkte im Blick haben, wo ein Umstieg auf die E-Mobilität noch nicht möglich sei.

«Von daher ist für mich das finale Ausstiegsdatum nicht so entscheidend. Wenn der CO2-Preis richtig gepreist ist, also deutlich steigt, kann ich es mir ohnehin nicht mehr leisten, zigtausende Autos zu produzieren», sagte Ingenlath und fügte hinzu: «Wichtiger für mich ist die Aussage, dass man sagt, dass man bis 2030 bereits 80 oder 90 Prozent seines Volumens mit rein elektrischen Modellen bestreitet.»

«Attraktivität des Automobils hat nicht nachgelassen»

Thomas Ingenlath verantwortet die Elektro-Marke Polestar. Foto: Matthias Mederer/Polestar

Autogazette: Herr Ingenlath, früher war die IAA eine Automesse, nun ist sie eine Mobilitätsmesse. Hat das Auto an Zugkraft verloren?

Thomas Ingenlath: Dieses Statement kann ich überhaupt nicht unterschreiben. Die Attraktivität des Automobils hat nicht nachgelassen. Aus meiner Erfahrung ist das Interesse am Objekt Automobil immer noch vorhanden. Das erlebe ich auch in meinem privaten Umkreis.

Autogazette: Wie erklären Sie es sich dann, dass die IAA mit einem neuen Konzept einen Neuanfang in München versucht hat?

Ingenlath: Das schwindende Interesse an der IAA lag nicht am mangelnden Interesse am Auto, sondern daran, wie die Messe organisiert wurde. Wenn ich früher auf eine Automesse gegangen bin, habe ich mich zwei Tage mit der Presse und zwei Tage mit den Fachbesuchern unterhalten, ehe anschließend die Zuschauer durch gigantische Hallen geschlendert sind. Es hat mir immer ein Unbehagen bereitet, wenn sich ein Hersteller wie auf der IAA in Frankfurt eine riesige Halle gemietet hat. Wenn ich von Messen kam, war ich deprimiert. Das war anders, wenn ich in Goodwood war. Dort herrscht Festival-Atmosphäre, dort geht alles lockerer zu.

Autogazette: Sie sind selbst über die Messe geschlendert. Haben Sie den Eindruck, dass die Autobranche verstanden hat, dass man sich nicht mehr so wie früher präsentieren kann?

Ingenlath: Da bin ich mir nicht sicher: Als ich auf der Messe war, habe ich mir gedacht: Was soll das denn? Zwar wollte man einen Neuanfang auch mit Konferenzen versuchen, aber im Backup hatte man seine Modelle stehen. Man wollte zwar auf der IAA Mobility ins kalte Wasser springen, hat sich dafür aber ganz warm angezogen.

«Haben uns für einen kompakten Auftritt entschieden»

Thomas Ingenlath war vor seiner Ernennung als CEO von Polestar Chefedesigner von Volvo. Foto: Matthias Mederer/Polestar

Autogazette: Hat Polestar aus den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre gelernt? Ihr Messestand am Königsplatz war doch recht imposant. Viel geändert zu früher hat sich da nicht.

Ingenlath: …finden Sie? Wir sind bei Polestar schon lange den Weg gegangen, dass wir auf Messen nicht zehn Versionen des Modells A und zehn Versionen des Modells B in verschiedenen Farben präsentieren. Uns lag schon immer an einem bescheidenen, dafür stilvollen Auftritt. Deshalb haben wir uns für einen kompakten Auftritt entschieden.

Autogazette: Sind Sie zufrieden mit dem neuen IAA-Konzept?

Ingenlath: Dass man sich mit seinem neuen Konzept entschieden hat, auch Fahrradhersteller einzuladen, gefällt mir als leidenschaftlicher Radfahrer gut. Ich finde es prima, dass die Hersteller in der Stadt ihre Pavillions aufstellen konnten. Auch die Blue Lane ist eine gute Idee, um die Konsumenten mehr einzubinden, Mobilität wieder erlebbar zu machen.

Autogazette: Ist der Switch für sie als Elektroautobauer einfacher, sich auf ein neues Konzept einzustellen als für einen traditionellen Hersteller mit einer Historie bei Verbrennern?

Ingenlath: Mit unserer Historie fällt uns ein solcher Switch sicher einfacher. Es ist für jeden OEM ein strategisch schwieriges Unterfangen den Übergang vom Verbrenner zum E-Auto zu gestalten und die Frage zu beantworten, wann welcher Schritt nötig und möglich ist. Die Transformation ohne Angst zu wagen und sich mit Lust auf ein neues Zeitalter der Mobilität zu stürzen, ist für viele beängstigend.

«Würde Anklage des Greenwashings in Teilen recht geben»

Autogazette: Klimaschützer und Aktivisten haben gegen die IAA protestiert. Der Branche wird vorgeworfen, sich als «grüne Mobilitätsmesse» zu inszenieren. Haben Sie Verständnis für diesen Vorwurf?

Ingenlath: Ich würde dieser Anklage des Greenwashings in Teilen recht geben. Wir bei Polestar wollten genau das nicht. Für uns war klar: Wenn wir so weitermachen wie bisher, verlieren wir jede Glaubwürdigkeit. Gerade nach dem Dieselskandal hat die Autobranche ein Glaubwürdigkeitsproblem. Von daher ist es schade, dass PR und Marketing nach wie vor Slogans produzieren, die leere Worthülsen sind. Andererseits gibt es ehrliche Bemühungen in der Branche, den Wandel hinzubekommen. Wichtige Unternehmen der deutschen Industrie bereiten sich auf das neue Zeitalter vor. Für den Übergang braucht es Zeit, schließlich kann man nicht von heute auf morgen alles verändern.

Autogazette: Hätte es die Transformation der Autobranche hin zur E-Mobilität ohne den Green Deal der EU und den strengen CO2-Grenzwerten gegeben?

Ingenlath: Ich glaube, dass der E-Antrieb viel, viel mehr Spaß macht als ein Verbrenner. Von daher hätte eigentlich schon die Technologie gereicht, diesen Wandel herbeizuführen. Doch es so zu sehen, wäre naiv. Deshalb haben wir die Klimaziele gebraucht. Auch deshalb, weil uns die Zeit davonläuft. Wir müssen an Tempo zulegen. Um den Wandel zu beschleunigen, sind strenge CO2-Ziele und ein hoher CO2-Preis erforderlich. Wir als Firmen müssen darauf achten, für die Kunden attraktiv zu bleiben. Das geht nur mit zukunftsfähigen Modellen.

«Die Verantwortung der Autobranche ist groß»

Thomas Ingenlath (r.) erklärt, wie wichtig Nachhaltigkeit für die Marke Polestar ist. Foto: Matthias Mederer/Polestar

Autogazette: Der Weltklimarat IPCC hat in seinem neusten Bericht ein dramatisches Bild des Klimawandels gezeichnet. Bereits 2030 droht eine globale Erderwärmung um 1,5 Grad, zehn Jahre früher als erwartet. Sehen Sie die Autoindustrie hier in einer besonderen Verantwortung?

Ingenlath: Keine Frage: Die Verantwortung der Autoindustrie ist groß. Die Dramatik des Klimawandels ist vielleicht den Wenigsten bewusst. Deshalb wünschen sich gerade mit Blick auf die Transformation die Jugendlichen eine ähnliche Aufregung und Aktivität seitens der Politik und der Industrie wie in der Corona-Pandemie.

Autogazette: Sie haben für 2030 ein CO2-neutrales Fahrzeug angekündigt…

Ingenlath: …genau. Dabei sagen wir selbst, dass das momentan ein unrealistisches Ziel ist. Wir wüssten vielleicht, wie wir die CO2-Emissionen bis 2030 halbieren, doch jedes weitere Gramm danach wird schwer. Doch wir müssen uns jetzt solche Ziele setzen, um sie in 2030 zu erreichen. Wenn wir den Klimawandel halbwegs in den Griff bekommen wollen, müssen wir dies in zehn Jahren hinkriegen. Doch wir dürfen die Verantwortung nicht nur bei der Autoindustrie sehen, sondern alle Sektoren müssen hier ihren Beitrag leisten.

«Damals haben wir die Hosen runtergelassen»

Autogazette: Wann haben Sie die Entscheidung für das Zero-Emission-Fahrzeug getroffen?

Ingenlath: Es war im Herbst vergangenen Jahres. Damals haben wir die Hosen runtergelassen und die Ökobilanz des Polestar 2 präsentiert. Er kommt auf einen CO2-Footprint von 24 bis 27 Tonnen je nach Modellvariante. Mit unserer Ökobilanz wollten wir dem Kunden zeigen, wann er auf Zero-Emission kommt, wenn er sein E-Auto mit grünem Strom tankt. Uns ist klar, dass wir Schritt für Schritt diesen Wert reduzieren müssen. Die Hälfte reicht nicht. Unser Ziel kann nur Zero-Emission heißen.

Autogazette: Wie kamen Sie auf das Jahr 2030?

Ingenlath: Wir haben uns gefragt, wann das realistisch sein kann? Es wäre indes lächerlich gewesen zu sagen, wir erreichen das in 20 Jahren. Dann hätte man sich entspannt zurücklehnen und sagen können, dass das die Jungs hinter mir machen. Wir setzen uns damit selbst unter Druck – und ich sehe mich in der Verantwortung, dass das auch gelingt.

«Wir starten mit einem klimaneutralen Auto»

Autogazette: Wie können Sie in der Autoproduktion vor dem Hintergrund der großen Zuliefererkette sicherstellen, dass sie klimaneutral sind?

Ingenlath: Bereits heute schließen wir mit unseren Zulieferern entsprechende Verträge. Daran ist festgelegt, zu welchen Bedingungen sie uns beliefern müssen. Wie kontrolliere ich es? Beim Kobalt verfolgen wir beispielsweise die komplette Lieferkette beginnend mit dem Mining über die Blockchain. Es gibt mittlerweile viele Firmen, die das für einen als Dienstleister kontrollieren. Für uns macht das die Firma Circular. Den Vertrag mit Circular haben wir erst in den zurückliegenden Wochen auf die komplette Supply-Chain erweitert.

Autogazette: Eine bilanzielle Klimaneutralität beispielsweise über Offsets und den Kauf von Zertifikaten schließen Sie aus?

Ingenlath: Selbstverständlich. Es gibt Hersteller, die so vorgehen und dem Kunden vorgaukeln, sie seien Zero-Emission. Dabei ist vieles nur Offsetting. In unserem Sustainability-Team haben wir Leute, die dem Gedanken der Demonstranten auf der IAA sicher näher sind als das bei einigen der Kollegen aus der Autoindustrie der Fall ist. Derzeit geben einige Hersteller vor, sie wollten bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein. Letztlich werden sie dies nur bilanziell sein. Wenn ich einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten will, dann kann ich das nicht mit Greenwashing erreichen.

Autogazette: Wann will Polestar klimaneutral sein? 2030 sicherlich nicht?

Ingenlath: Nein, das wäre sehr ambitioniert. Wir starten jetzt erst einmal mit einem klimaneutralen Auto. Der Weg dahin ist keine billige Angelegenheit.

Autogazette: Um wieviel teurer wird es?

Ingenlath: Das kann man noch nicht sagen, da wir manche Komponenten bisher nicht klimaneutral produzieren können. Die Forschung ist dabei, Lösungen zu finden. Doch dieses Auto in die Produktion zu bringen, wird Auswirkungen auf alle unsere anderen Produkte haben. Wir versprechen uns Wettbewerbsvorteile und eine Steigerung des Firmenwerts.

«Nicht mehr alles wird dem Auto unterworfen sein»

Der Polestar Precept wurde auf der IAA präsentiert. Foto: Matthias Mederer/Polestar

Autogazette: Können Sie nachvollziehen, weshalb sich die deutsche Autoindustrie mit einem Ausstiegsdatum aus dem Verbrenner so schwer tut?

Ingenlath: Es sind natürlich wirtschaftliche Erwägungen. Ein weltweit operierendes Unternehmen muss auch Märkte im Blick haben, wo ein Umstieg auf die E-Mobilität noch nicht möglich ist. Von daher ist für mich das finale Ausstiegsdatum nicht so entscheidend. Wenn der CO2-Preis richtig gepreist ist, also deutlich steigt, kann ich es mir ohnehin nicht mehr leisten, zigtausende Autos zu produzieren. Wichtiger für mich ist die Aussage, dass man sagte, dass man bis 2030 bereits 80 oder 90 Prozent seines Volumens mit rein elektrischen Modellen bestreitet.

Autogazette: Die Pläne der EU-Kommission sehen ohnehin vor, dass ab 2035 keine Verbrenner mehr zugelassen werden.

Ingenlath: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir ab der zweiten Hälfte des Jahreszehnt erleben werden, dass der Kunde ohnehin nicht mehr in einen Verbrenner investiert. Bereits heute würde ich mir als Kunde die Frage nach dem Wiederverkaufswert eines Verbrenners stellen.

Autogazette: Wird es zukünftig ohnehin nicht dazu kommen, dass immer häufiger Gerichte darüber entscheiden, wieviel Klimaschutz Unternehmen leisten müssen? Shell wurde unlängst von einem Gericht in Den Haag verurteilt, seine CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent zu reduzieren.

Ingenlath: (denkt lange nach) Wir als Hersteller müssen uns daran gewöhnen, dass das, was wir lange als selbstverständlich erachtet haben, längst nicht mehr selbstverständlich ist. Dazu gehört, dass dem Auto nicht mehr so viel Raum in den Städten zugestanden wird. Die Autoindustrie muss lernen, dass sie sich nicht mehr wie früher mit dicken Muckis gebärden kann. Wir müssen uns bewusst sein, dass in Zukunft nicht mehr alles dem Auto unterworfen wird. Wenn ich morgens mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit bin und neben mir steht ein Benziner, und bläst mir die Auspuffgase ins Gesicht, dann denke ich mir: Warum haben wir das über Jahrzehnte akzeptiert?

Das Interview mit Thomas Ingenlath führte Frank Mertens

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