«Nur durch konzertierte Aktion kommen wir voran»

Frank Mühlon, Globaler Leiter Ladeinfrastruktur ABB

Der ABB-Manager Frank Mühlon. © Mertens

Der Technologiekonzern ABB ist Weltmarktführer bei Schnellladestationen für Elektroautos. Im Interview mit der Autogazette spricht Frank Mühlon über den Ausbau des Ladenetzes, die Formel E und über Trägheitsmomente der Autobauer.

Eine nach wie vor unzureichende Ladeinfrastruktur gilt als einer der Gründe für die Kaufzurückhaltung der Kunden bei Elektroautos. Damit es beim Ausbau der Ladestationen schneller als bisher vorangeht, sei eine «konzertierte Aktion» notwendig, wie Frank Mühlon im Interview mit der Autogazette sagte. «Ich denke, dass alle Parteien von der Politik über die Hersteller bis hin zu den Energieversorgern gefragt sind», fügte Mühlon hinzu, der bei ABB die weltweiten Geschäfte bei der Ladeinfrastruktur verantwortet.


Wie Mühlon sagte, mache es für ihn «keinen Sinn, dass ein einziger Hersteller, siehe Tesla, seine eigene Ladeinfrastruktur aufbaut. Für Tesla als Pionier war das nötig, aber in der Breite ist das nicht skalierbar». Letztlich sei das Betreiben von Ladestationen ein Geschäftsmodell – «und es muss sich Tragen. Nur damit kommt man zu einem Hochlauf».

«Es ist immer einfach, auf die Politik zu schimpfen»

Dass insbesondere die Politik beim Ausbau der Ladeinfrastruktur gefragt ist, glaubt der ABB-Manager nicht. «In Deutschland wurde bereits an Fördermitteln einiges zur Verfügung gestellt, aber nach meinem Kenntnisstand wurde das Geld nicht gänzlich abgerufen. Es ist immer einfach auf die Politik zu schimpfen, doch hier würde ich es nicht machen».

Wie Mühlon ergänzte, sei es für die Betreiber von Ladestationen schwer, daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln. «Wenn ich Schnellladestationen mit einem geringen Nutzungsgrad aufbaue, weil wenige Fahrzeuge auf der Straße sind, dann brauche ich für die Amortisation lange. Von daher ist es gut, was Ionity gerade im High-Power Bereich macht, auch motiviert durch die Fahrzeughersteller, die dahinter stehen», so Mühlon.

«Fühlen uns der Elektromobilität sehr verbunden»

Lucas di Grassi fährt im Audi e-tron FE05 in Berlin zum Sieg. Foto: Audi/Kunkel

Autogazette: Herr Mühlon, ABB ist seit dem vergangenen Jahr Titelsponsor der Formel E. Stellen Sie bereits fest, dass sich seither die Wahrnehmung in Bezug auf das Engagement von ABB bei der Elektromobilität geändert hat?

Frank Mühlon: Wir sind in die Formel E eingestiegen, weil wir uns der Elektromobilität sehr verbunden fühlen. Doch in der Kürze der Zeit sehen wir noch keine signifikante Veränderung in der Wahrnehmung in der Breite. Wir stellen aber fest, dass wir bei der der ABB immer mehr Mitarbeiter für das Thema begeistern. Elektromobilität sorgt für Emotionen, wie man bei der Formel E sieht.

Autogazette: Sie gehen also davon aus, dass über die Formel E das Thema E-Mobilität der breiten Masse näher gebracht werden kann?

Mühlon: So weit sind wir noch nicht, aber das ist unser Wunsch. Ich bin beim Rennen in Berlin mit dem Taxi zur Rennstrecke gekommen: der Taxifahrer fragte mich, was hier los sei. Aufgrund dieser Frage weiß ich, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben.

Autogazette: Hätten Sie sich vor diesem Hintergrund die strengen CO2-Grenzwerte der EU früher gewünscht, damit die E-Mobilität schneller Fahrt aufnimmt?

Mühlon: Da bin ich gespalten: die CO2-Vorgaben sind derart strikt, dass sie fast keine Chance haben, sie anders als mit E-Mobilität zu erreichen. Wenn ich die E-Mobilitätsbrille aufsetze, ist das toll. Wenn ich mir das in Summe anschaue und mir den Energiemix vergegenwärtige, dann habe ich nur dann etwas gewonnen, wenn ich ausreichend grünen Strom habe. Wir brauchen also die Fahrzeuge, die Infrastruktur, eine Stabilisierung der Grids und ich brauche erneuerbare Energien als Basis.

Autogazette: Mal angenommen, an einer Autobahnraststätte laden zeitgleich 30 Autos an einer Schnellladestation. Ist das mit dem Stromnetz machbar?

Mühlon: Wir haben das mal für Deutschland hochgerechnet: Sollten hier zu 100 Prozent Elektrofahrzeuge unterwegs sein, bräuchten wir nur zehn Prozent mehr Energie als wir jetzt haben. Das ist also nicht das Problem, es ist vielmehr die Gleichzeitigkeit. Wenn jeder sein E-Auto zeitgleich lädt, haben wir ein Problem, aber da sind wir beim intelligenten Laden – und mit dem kann man das Problem in den Griff bekommen.

«Durch Formel E erreichen wir die breite Masse»

Frank Mühlon verantwortet bei ABB weltweit die Ladeinfrastruktur. Foto: Mertens

Autogazette: Dass ABB Weltmarktführer bei Schnellladestationen ist, war bisher eher Fachleuten bekannt. Wie wichtig ist es für Sie als Zulieferer, dass darüber eine breite Öffentlichkeit Bescheid weiß?

Mühlon: Wenn man im B2B-Business unterwegs ist, kommt man in der Wahrnehmung der breiten Masse nicht vor. Durch die Formel E erreichen wir aber die breite Masse. Das hilft uns für das Branding in Summe. Damit gelingt es, eine Marke aus dem B2B-Business herauszuheben.

Autogazette: Es heißt ja immer, dass der Motorsport in der Lage ist, für einen Technologietransfer in die Serie zu sorgen. Wo sehen Sie da Ansatzpunkte?

Mühlon: Wir sehen wie bei der Formel 1 etliche Ansatzpunkte. So haben wir für die parallel stattfindende Jaguar I-Pace Trophy die Ladegeräte gebaut. Sie weisen einen anderen Robustheitsgrad auf. Da haben wir viel gelernt, damit letztlich der Endkunde profitiert. Es würde mich nicht wundern, wenn wir in einer der kommenden Saisons in der ABB Formel-E auch einen Ladevorgang bei den Rennen integrieren.

Autogazette: Können Sie sagen, wie viele Schnellladestationen ABB bislang weltweit installiert hat? Vor einigen Monaten war mal die Rede von 6500 Stationen.

Mühlon: Da ist einiges hinzugekommen: Global haben wir mittlerweile 10.500 Schnellladestationen verkauft, wir gehen auf die 11.000 zu.

Autogazette: Die Elektromobilität nimmt derzeit an Fahrt auf. In welchem Land stellen Sie die größte Nachfrage fest? Ist es Norwegen?

Mühlon: In Norwegen haben unsere Kunden rund 600 ABB Schnellladestationen installiert, aber wir sehen derzeit eine große Nachfrage in Deutschland. Hier nimmt die E-Mobilität so langsam Fahrt auf, gleiches trifft auf die USA zu.

Autogazette: Haben Sie den Eindruck, dass seitens der Politik erkannt wurde, dass mehr Engagement beim Ausbau der Infrastruktur nötig ist?

Mühlon: In Deutschland wurde bereits an Fördermitteln einiges zur Verfügung gestellt, aber nach meinem Kenntnisstand wurde das Geld nicht gänzlich abgerufen. Es ist immer einfach, auf die Politik zu schimpfen, doch hier würde ich es nicht machen. Vielmehr ist es für die Betreiber schwer, ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Wenn ich Schnellladestationen mit einem geringen Nutzungsgrad aufbaue, weil wenige Fahrzeuge auf der Straße sind, dann brauche ich für die Amortisation lange. Von daher ist es gut, was Ionity gerade im High-Power Bereich macht, auch motiviert durch die Fahrzeughersteller die dahinter stehen.

«Nur durch eine konzertierte Aktion kommen wir voran»

Eine Schnellladestation von Ionity hat in der Eifel den Betrieb aufgenommen. Foto: dpa

Autogazette: Wessen Aufgabe ist es aus Ihrer Sicht, für die Infrastruktur zu sorgen?

Mühlon: Ich denke, dass alle Parteien von der Politik über die Hersteller bis hin zu den Energieversorgern gefragt sind. Nur durch eine konzertierte Aktion kommen wir voran. Es macht keinen Sinn, dass ein einziger Hersteller, siehe Tesla, seine eigene Ladeinfrastruktur aufbaut. Für Tesla als Pionier war das nötig, aber in der Breite ist das nicht skalierbar. Das Betreiben von Ladestationen ist ein Geschäftsmodell – und es muss sich Tragen. Nur damit kommt man zu einem Hochlauf.

Autogazette: Wir sehen Sie momentan die Modellpolitik der Hersteller?

Mühlon: Die Modelle bleiben noch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dass es keinen Weg mehr zurück gibt, kein Weg mehr an der Elektromobilität vorbeiführt, das ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. Es gibt noch ein ziemliches Trägheitsmoment. Wenn ich zum Beispiel auf Volkswagen schaue, dann waren die Ankündigungen doch recht vollmundig, doch das erste Modell kommt nun erst Mitte 2020. Da klemmt es noch an ein paar Stellen.

Autogazette: Liegt der Knackpunkt in den Batteriezellen? Bei koreanischen Herstellern muss ich über ein Jahr auf ein E-Auto warten.

Mühlon: Es sind zwei Themen: A ist es die Profitabilität. Ich muss meinen Shareholdern sagen, dass die Ausschüttung erstmal kleiner ausfällt, was Vorstände unter Druck setzt. Das andere Thema ist die Verfügbarkeit an Batterien und die Schlachten, die auf Zuliefererseite geführt werden.

Autogazette: Nach Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft gab es 2018 in Deutschland 16.100 Ladepunkte, darunter waren 12 Prozent Schnelllader. Gibt es ihrerseits Berechnungen, wo der Bedarf liegt?

Mühlon: Wir gehen davon aus, dass man pro Elektroauto 1,1 Lader im AC-Bereich und pro 200 E-Autos einen Schnelllader benötigt.

Autogazette: Wer E-Auto fährt, möchte sein Auto nicht stundenlang an eine Steckdose hängen. Kommt vor diesem Hintergrund nicht gerade dem Ausbau von Schnellladern eine große Bedeutung zu?

Mühlon: Absolut. Aber es gibt verschiedene Use-Cases: lade ich zu Hause, lade ich unterwegs oder lade ich auf der Langstrecke? Die Ladeinfrastruktur muss zu diesen Use-Cases passen. Wenn ich auf die 1,5 Prozent der Autofahrer schaue, die heute elektrisch fahren, dann sind das zu fast 100 Prozent Personen, die eine Garage und eine Solaranlage auf dem Dach haben. Doch wenn ich E-Mobilität in die Masse bringe, habe ich Mehrfamilienhäuser oder die Laternenparker. Dadurch verschiebt sich der Use-Case.

«Für uns ist es ein großes Investment»

Schnellladestation von ABB in Chicopee im US-Bundesstaat Massachusetts. Foto: ABB

Autogazette: Was tut ABB, um den Ausbau von Schnellladesystemen voranzutreiben?

Mühlon: Für uns ist es ein großes Investment. Wir bei ABB stehen für das Thema, wir bringen das Thema in die Breite. Unsere Forschung und Entwicklung schreitet voran. So bringen wir seit über einem Jahr schon auch Schnelllader mit einer Ladeleistung von 350 Kilowatt auf die Straße. Mittlerweile gibt es auch Mitbewerber, die so etwas anbieten, aber wir waren vor über einem Jahr die Ersten und haben mit Industriepartnern die Basis für die Technologieentwicklung geschaffen. Das zeigt das Engagement von ABB.

Autogazette: Nur dumm, dass es bislang kein Auto gibt, das bislang mit einer solchen Leistung geladen werden kann.

Mühlon: (lacht) Ja, aber die 350 Kilowatt sind nicht vom Himmel gefallen. Hier gibt es mit Porsche Ende des Jahres einen Hersteller, der das mit dem Taycan können will. Wenn der Hersteller es schafft, hat er die Ladeinfrastruktur und andere werden folgen.

Autogazette: VW-Chef Herbert Diess hat unlängst ein Ende der Technologieoffenheit und eine Fokussierung auf die reine E-Mobilität gefordert? Wird dies von ABB begrüßt?

Mühlon: Ich bin persönlich für eine Technologieoffenheit. Ich glaube, dass die E-Mobilität nicht mehr aufzuhalten ist und auf dem Weg zu einem hohen zweistelligen Bereich bei den Zulassungen kommen wird. Aber es geht nicht über Zwang.

Das Interview mit Frank Mühlon führte Frank Mertens