«Wir leiden am Brüssel-Syndrom»

Interview mit ACEM-Präsident Stefan Pierer

Stefan Pierer © Foto: KTM

Die Finanzkrise hat auch die Motorradindustrie erfasst. Im Interview mit der Autogazette spricht der Präsident des Verbandes der europäischen Hersteller, Stefan Pierer, über den Zustand der Branche und seine Erwartungen an die Politik.

Unter der Finanzkrise hat auch die Motorradbranche zu leiden. Allein im Oktober mussten die Hersteller in Europa einen Absatzeinbruch von 20 Prozent hinnehmen. «Uns würde es schon helfen, wenn die von Brüssel vorgegebenen Konjunkturpakete umgesetzt würden», sagte der Präsident des Verbandes der europäischen Motorradhersteller (ACEM), Stefan Pierer, im Interview mit der Autogazette.

Steueranreize schaffen

Um den Absatz anzukurbeln, spricht sich Pierer für Steueranreize aus. «Man muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, um Kaufanreize zu schaffen», sagte Pierer, der auch Chef des österreichischen Motorradherstellers KTM ist.

«Wir sind nur ein Nischenanbieter»

Das Hybrid-Modell Yamaha Tesseract Foto: Yamaha

Autogazette: Auch die Motorradbranche steckt in einer tiefen Krise. Doch im Gegensatz zur Autoindustrie spricht darüber niemand. Sind Sie nicht wichtig genug?

Stefan Pierer: Im Vergleich zur Autobranche sind wir nur ein Nischenanbieter, der offensichtlich nicht diese Aufmerksamkeit genießt...

Autogazette: ...dabei beschäftigen Sie in Europa 200.000 Arbeitnehmen und kommen auf einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro.

Pierer: Unser Markt ist auf einige wenige Märkte in Europa konzentriert. Ich nenne Deutschland, Italien, Spanien oder England. Angesichts dieses Umstandes ist es schwierig, bei der EU-Kommission in Brüssel Gehör zu finden.

Autogazette: Im Oktober musste die Zweiradindustrie einen Absatzrückgang von 20 Prozent hinnehmen. Wie erklären Sie sich diesen dramatischen Rückgang?

Pierer: Es liegt an der schlechten konjunkturellen Situation. Es gibt keine Mittel mehr auf dem Finanzmarkt. Wenn wir in die USA schauen, dann ist dort sogar ein Einbruch von über 40 Prozent zu verzeichnen. Selbst in Europa haben sie Schwierigkeiten, sich ein Motorrad finanzieren zu lassen.

«Der Mittelstand wird ausgetrocknet»

KTM Supermoto R Foto: KTM

Autogazette: Die Autoindustrie erhofft sich finanzielle Hilfen von der EU. Was erwarten Sie aus Brüssel?

Pierer: Uns würde es schon helfen, wenn die von Brüssel vorgegebenen Konjunkturpakete umgesetzt würden. Auch Monate nach dem Beginn der Krise haben wir immer noch kein Interbanking-Geschäft. Zudem erreichen die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank nicht den Kunden. Die mittelständische Wirtschaft wird durch fehlende Kredite ausgetrocknet.

Autogazette: Ihre Kritik richtet sich also an die Banken...

Pierer: ...natürlich, die sind für die Situation verantwortlich. Darüber hinaus leiden wir am Brüssel-Syndrom. Dass, was hier entschieden wird, wird von den Ländern in Europa unterschiedlich interpretiert. Bis man zu einer Einigung kommt, sind alle verstorben.

Autogazette: In Deutschland versucht die Bundesregierung mit einer Befreiung von der Kfz-Steuer zum Neuwagenkauf zu animieren. Würde so etwas auch der Zweiradbranche helfen?

Pierer: Das wäre auch für uns hilfreich. Man muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, um Kaufanreize zu schaffen.

Autogazette: Derzeit wird viel über nachhaltige Mobilität gesprochen, doch die Hersteller haben bis auf Concept-Bikes wie beispielsweise die aus Ihrem Hause stammende Elektro-Enduro nichts anzubieten. Haben Sie einen Trend verschlafen?

Pierer: Sie können sich als Nischenanbieter keine Grundlagenforschung leisten. Deshalb müssen sie neue Produkte auf die Großserie aufsetzen und sie dann runter brechen. Das wird auch bei uns getan. Doch jeder weiß, wie schwierig beispielsweise das Thema der Batterietechnologie ist.

Keine Abkehr vom Verbrennungsmotor

KTM Zero Emission-Bike mit Elektroantrieb Foto: KTM

Autogazette: Eine komplette Abkehr vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antrieben wie Elektro, Hybrid oder Brennstoffzelle sehen Sie für die Zukunft demnach nicht?

Pierer: Nein, das hat man auch in der Autoindustrie erkannt. Zunächst wird es für uns darum gehen, die Verbrennungsmotoren effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten. Kurzfristig sehen wir eine Verbrauchsersparnis von bis zu 25 Prozent. So werden wir bis 2012 für Motorräder die Abgasnorm Euro4 erreichen, ab 2015 dann die EU5.

«Chance liegt im Scooter-Markt»

Vespa GTS 250 Foto: Vespa

Autogazette: Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus dieser Krise?

Pierer: Eine unserer großen Chancen liegt im Scooter-Markt. Darunter verstehe ich die Mobilität für Ballungsräume. Das ist ein großes Wachstumsthema. Wir rechnen damit, dass der Scooter-Markt in den kommenden zehn Jahren um über 40 Prozent wachsen wird. Daneben gilt es vor allem in Europa die Zuliefererindustrie für unsere Anforderungen am Leben zu erhalten.

Autogazette: Muss sich die Produktpalette nicht grundlegend verändern?

Pierer: Ich denke, dass wir verstärkt auf den Elektromotor setzen werden. KTM hat nicht ohne Grund eine Enduro mit Elektromotor entwickelt. Wir versuchen mit dieser Maschine 2010 in Serie zu gehen.

Autogazette: Zu welchem Preis werden Sie die Maschine anbieten?

Pierer: Sie darf nicht teurer sein als ein vergleichbares Produkt mit Verbrennungsmotor.

Das Interview mit Stefan Pierer führte Frank Mertens