«Werden Elektroautos zeitnah zum Kauf anbieten»

Interview Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber

Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber vor einem Mercedes SLS AMG © dpa

Der Daimler-Konzern drückt beim Thema Elektromobilität aufs Tempo und wird seine Elektroautos in Kürze auch zum Kauf anbieten. Das kündigte Entwicklungsvorstand Thomas Weber im Interview mit der Autogazette an.

Der Autobauer Daimler wird seinen Kunden Elektroautos bald auch zum Kauf anbieten. Wie Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber der Autogazette sagte, werde das Unternehmen die elektrisch angetriebene Mercedes A-Klasse, den Smart, den Vito als auch die B-Klasse F-Cell «zeitnah in die Preislisten aufnehmen und sie zum Kauf anbieten. Der Kunde wird in Kürze Elektroautos ganz normal kaufen können», sagte Weber. Zu Preisen wollte sich der Entwicklungsvorstand noch nicht äußern.

«Wer hat denn vier Serienfahrzeuge im Markt?»

Dass Daimler bei der Entwicklung langsamer sei als die ausländische Konkurrenz, die derzeit die ersten Elektroautos in Serie anbietet, mag Weber nicht sehen. «Mich ärgert diese Interpretation. Wer hat denn derzeit vier Serienfahrzeuge im Markt? Das sind wir. Es gibt derzeit eine Menge Elektroautos, die angekündigt werden, doch ich sehe sie nirgends. Wir haben bereits die A-Klasse, den Smart, den Vito und die B-Klasse F-Cell als Elektroautos im Markt.»

«Mich ärgert diese Interpretation»

Autogazette: Herr Weber, Daimler feiert sich dieses Jahr als Erfinder des Automobils. Wird Ihre Freude dadurch getrübt, dass ausländische Hersteller und nicht Mercedes die ersten Elektroautos auf den Markt gebracht haben?

Thomas Weber: Mich ärgert diese Interpretation. Wer hat denn derzeit vier Serienfahrzeuge im Markt? Das sind wir. Es gibt derzeit eine Menge Elektroautos, die angekündigt werden, doch ich sehe sie nirgends. Wir haben bereits die A-Klasse, den Smart, den Vito und die B-Klasse F-Cell als Elektroautos im Markt.

Autogazette: Sie sprechen von Fahrzeugen, die in Flottenversuchen unterwegs sind.

Weber: Das ist schlicht falsch. Wir waren unter den Ersten, die diese Autos dem Kunden angeboten haben und ihm dafür ein Rundum-Sorglos-Paket geschnürt haben. Der Kunde will die Technik, aber er will kein Risiko, zum Beispiel beim Wiederverkauf. Dafür bieten wir ihm beispielsweise unseren Smart Electric Drive für eine monatliche Mietgebühr von 700 Euro an. Da ist Service und sogar der Strom dabei.

«Kunde wird Elektroautos normal kaufen können»

Ladekabel am Smart Electric Drive Daimler

Autogazette: Das alles mit Blick auf die Stückzahlen doch in homöopathischen Dosen.

Weber: Allein vom Smart sind bald 1000 Autos unterwegs. Und wir werden die Stückzahl weiter steigern. Ich bin diese Diskussion mittlerweile leid, deshalb werden wir diese vier Serien-Autos, die alle den Qualitätsanspruch von Mercedes erfüllen, jetzt auch zeitnah in die Preislisten aufnehmen und sie zum Kauf anbieten. Der Kunde wird in Kürze Elektroautos ganz normal kaufen können.

Autogazette: Zu welchen Preisen?

Weber: Das werden wir zum richtigen Zeitpunkt bekannt geben. Vielleicht waren wir mit dem Leasingangebot nicht präzise genug, weil viele damit verbinden, dass es sich hier nur um einen Flottenversuch handelt. Doch daraus haben wir gelernt.

Autogazette: In Detroit wurde bekannt gegeben, dass der SLS AMG E-Cell 2013 auf den Markt kommen wird. Haben Sie schon eine Vorstellung über mögliche Stückzahlen?

Weber: Wir werden zukünftig mit Blick auf unsere Fahrzeuge mit alternativen Antriebstechnologien nicht mehr über Stückzahlen sprechen, sondern sie in Serie bauen. Der SLS AMG E-Cell ist das coolste Fahrzeug, das es überhaupt auf dem Markt gibt. Wir werden hier für eine Produktionskapazität sorgen, die es jedem Kunden ermöglicht, der ein solches Auto haben will, es auch zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass dieses Auto der erfolgreichste Supersportwagen mit E-Antrieb am Markt werden wird. So sind wir auch an den SLR herangegangen, von dem wir dann 2100 Stück verkauft haben. Für dieses spezielle Segment ist das außergewöhnlich viel.

«Garantieren Kunden Lebensdauer von 10 Jahren»

Der Supersportwagen Mercedes SLS AMG E-Cell Daimler

Autogazette: Ein kleines Berliner Start-Up hat unlängst mit einem elektrisch angetriebenen A2 eine Strecke von 600 Kilometern zurückgelegt. Sie sagen dazu, dass Reichweite nicht alles sei. Machen Sie es sich damit nicht zu einfach?

Weber: Es ist eine beachtenswerte Leistung dieses kleinen Teams, eine solche Strecke rein elektrisch zurückgelegt zu haben. Aber ich finde es fahrlässig, wenn durch eine solche Testfahrt der Eindruck bei Uninformierten geweckt wird, dass mit Batteriefahrzeugen bereits morgen 600 Kilometer Reichweite möglich sind.

Autogazette: Sie sehen hier längst keine Praxistauglichkeit?

Weber: Was dort demonstriert wurde, hat mit einer Praxisrelevanz überhaupt nichts zu tun. Mit dem heutigen Stand der Technik lässt sich keine Batterie bauen, die sicher und zuverlässig eine Reichweite von 600 Kilometern bietet. Man darf Marketing für seine Arbeit machen, doch man darf nicht den Eindruck erwecken, hier gäbe es bereits eine alltagstaugliche Technologie.

Autogazette: Nach diesem Versuch kam die Frage auf, warum eine solche Testfahrt nicht auch den Konzernen gelungen ist...

Weber: ...ja, nach diesem Versuch haben sich sicher viele gefragt, warum eine solche Leistung nicht auch den Großen gelingt. Doch die Antwort ist einfach: Wir arbeiten an der Entwicklung einer Batterie, bei der der Kunde die Gewissheit hat, dass die Technologie immer zuverlässig funktioniert. Deshalb garantieren wir unseren Kunden eine Lebensdauer von zehn Jahren. Mercedes bringt nur Technologien in den Markt, die entsprechend erprobt sind und auch alle Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Autogazette: Gibt es nichts an dem Konzept der Berliner, dass für Sie interessant sein könnte?

Weber: Wir stehen allen neuen Technologien offen gegenüber. Als alle anderen noch Tesla belächelt haben, sind wir eine Kooperation mit ihnen eingegangen und haben uns sogar an Tesla beteiligt. Heute ist es die einzige Batterie, die wirklich in Großserie auf dem Markt verfügbar ist. Und niemand stellt mehr infrage, ob man mit Handy- oder Laptopzellen eine vernünftige Batterie für E-Autos bauen kann.

Autogazette: Und was heißt das mit Blick auf die Berliner?

Weber: Lange bevor diese Testfahrt stattfand, kannten wir das Unternehmen und baten darum, uns eine solche Batterie zum Test zur Verfügung zu stellen, doch dazu kam es nicht. Wir würden mit den Kollegen in Berlin durchaus zusammenarbeiten, doch das wurde bisher abgelehnt. Dabei ist deren Technologie kein Geheimnis.

«Werden uns schnell auf vier Zelltypen konzentrieren»

Thomas Weber in Detroit vor einer B-Klasse F-Cell Daimler

Autogazette: Welche Zelle wird sich Ihrer Meinung nach in Zukunft durchsetzen?

Weber: Wir werden mindestens noch zehn Jahre einen Wettbewerb alternativer Batterie- und Zelltechnologien erleben, bevor sich hier die Spreu vom Weizen trennt. Danach werden wir die besten Konzepte haben. Für unser eigenes Portfolio schätze ich, dass wir uns ziemlich schnell auf drei bis vier Zelltypen konzentrieren werden, die wir dann in einem Baukastensystem für die entsprechenden Anwendungen kombinieren. Deswegen bin ich im hohen Maße interessiert, die Zellhersteller in eine Wettbewerbssituation zu bekommen.

Autogazette: Ihre Kollegen von Toyota haben gerade angekündigt, dass sie spätestens 2015 ein bezahlbares Brennstoffzellenfahrzeug anbieten werden. Wird Daimler auch bei dieser Technologie nur zweiter Sieger sein?

Weber: Keineswegs, wir starten Ende des Monats mit der B-Klasse F-Cell zu einer weltweiten Tour über 30.000 Kilometer und zeigen damit die Alltags- und Langstreckentauglichkeit unseres Fahrzeuges.

«Brauchen dringend Partner für Infrastruktur»

Die Mercedes B-Klasse F-Cell Daimler

Autogazette: Wobei Sie bei dieser Technologie vor dem Problem der fehlenden Infrastruktur stehen.

Weber: Absolut, wir brauchen jetzt dringend Partner, die sich um die Infrastruktur kümmern. Bisher waren wir davon ausgegangen, dass wir ab 2015 mit einer entstehenden Infrastruktur rechnen können. Doch jetzt merken wir, dass wir das nur erreichen werden, wenn wir jetzt mächtig Gas geben. Und das tun wir.

Autogazette: Wer schafft denn nun diese Infrastruktur?

Weber: Es gibt ja den Zusammenschluss verschiedener Unternehmen im Projekt H2 Mobility in Deutschland, mittlerweile sind übrigens auch VW und BMW dabei. Wir werden jetzt sehen, wie schnell diese Initiative greift. Durch die 125-tägige Welttour mit unserer B-Klasse F-Cell möchten wir eine größere Aufmerksamkeit für dieses Thema schaffen. Im Anschluss an diese Tour wollen wir die notwendigen Allianzen schmieden, damit es richtig los geht.

Autogazette: In den vergangenen Monaten hat China für eine Verknappung der Seltenen Erden auf dem Weltmarkt gesorgt. Sehen Sie dadurch für die weitere Entwicklung alternativer Antriebe ein Problem?

Weber: Seltene Erden werden zwar so genannt, aber sie sind gar nicht so selten. Außerdem findet man sie nicht nur in China, sondern auch an anderen Stellen der Welt. Zudem glaube ich, dass der Verbrauch an Seltenen Erden nicht in dem Maße steigen wird wie prognostiziert. Durch eine geschickte Kooperationspolitik mit Partnern kann man dieses Problem handeln und den Preisschub, der derzeit entsteht, in den Griff bekommen. Wir haben zugleich die Möglichkeit, mit Blick auf Motoren oder Batterien von E-Autos auf Alternativen ohne oder zumindest mit deutlich weniger Seltenen Erden zurückzugreifen. Dieses Thema haben wir im Griff.

Das Interview mit Thomas Weber führte Frank Mertens