17. Oktober 2016

Smart-Chefin Annette Winkler «Die Menschen wollen eine andere innerstädtische Mobilität»

Smart-Chefin Annette Winkler baut das Angebot an Mobilitätsdienstleistungen aus.
Smart-Chefin Annette Winkler baut das Angebot an Mobilitätsdienstleistungen aus. © Daimler

Smart bietet alle seine drei Modelle auch als Elektroversion an. Im Interview mit der Autogazette spricht Smart-Chefin Annette Winkler über die Kaufprämie, neue Mobilitätsdienstleistungen und darüber, weshalb Smart-Kunden Pioniere sind.




Die Daimler-Tochter Smart wird ihr Angebot an Mobilitätsdienstleistungen weiter ausbauen. «Wir wollen den Smart zu einer Dienstleistungszentrale machen. Die Kunden müssen sagen: Dass, was uns Smart bietet, bietet uns sonst kein anderer Hersteller und schon gar nicht in unserer Geschwindigkeit und Vielzahl», sagte Smart-Chefin Annette Winkler im Interview mit der Autogazette.

«Wir haben in Stuttgart mit dem Beta-Launch von ready to drop – der Kofferraumbeladung – bereits begonnen, Köln folgt im November. Weitere Städte wie Berlin und Bonn sind ebenfalls in der Planung», kündigte Winkler an. Dieser Service solle zusammen mit den Kunden zur Marktreife gebracht werden. Im Gegenzug würden die Fahrzeuge der Teilnehmer des Beta-Launches «von uns kostenlos mit der Connectivity Box – der genannten Car2Go-Technik – ausgestattet. Wenn alles stabil läuft, wollen wir auch den Kunden, die bereits Drop nutzen, aber auch neuen Kunden, das private Carsharing anbieten», sagte die Markenchefin. «Auf dem Autosalon Paris kamen bereits Firmen auf mich zu, die sich eine Elektroautoflotte zulegen wollen, die von den Mitarbeitern geteilt wird.»


Pilotprojekt in San Francisco in Startlöchern

Noch in diesem Jahr will der Autobauer zudem ein Pilotprojekt in San Francisco mit dem Namen Care starten. «Die Kunden können sich von uns ihren Smart zu Hause abholen lassen, ihn betanken oder waschen lassen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch vorstellbar, dass man sich das Auto in die Werkstatt bringen lässt», so Winkler. Dabei kalkuliere man durchaus ein, dass nicht jeder Service auch ein Erfolg wird. «Aber wir probieren jede Menge aus, um unseren Kunden Dinge abzunehmen, die ihnen lästig sind und sie so entlasten. Die Vision von Smart war von Anfang an, unseren Kunden das Leben in der Stadt zu erleichtern.»

«Es braucht einen Dreiklang»

Daimler-Chef Zetsche präsentierte in Paris die neuen E-Smarts
Daimler-Chef Zetsche präsentierte in Paris die neuen E-Smarts © Daimler

Autogazette: Frau Winkler, die Elektromobilität in Deutschland kommt trotz Kaufprämie nicht in Schwung. Nun bietet Smart alle seine Modelle auch als Elektroversion an. Macht Sie das nicht nachdenklich, was die Erfolgsaussichten der neuen Modelle betrifft?

Annette Winkler: Es braucht einen Dreiklang für den Erfolg der Elektromobilität: Die Fahrzeuge müssen passen, der Preis muss für den Kunden erschwinglich werden und die Infrastruktur muss vorhanden sein.

Autogazette: Das bedeutet nun was für Smart?

Winkler: Wir bieten den neuen Elektro-Smart ab 21.940 Euro an. Das ist ein niedrigerer Preis als beim Vorgänger und damit für unsere Kunden ein sehr attraktives Angebot. Rechnet man davon die 4000 Euro Kaufprämie in Deutschland ab, dann bekommt man den Smart für unter 18.000 Euro. In unserem Nachbarland Frankreich gibt es sogar eine Prämie von ca. 6000 Euro. Damit wird elektrisches Fahren sehr erschwinglich, was viele bestehende und neue Kunden davon überzeugen wird, jetzt eines unserer Smart Electric Drive zu kaufen.

Autogazette: Der Preis ist das eine, die Infrastruktur das andere. Ausreichend Ladestationen gibt es immer noch nicht.

Winkler: Auch da wird jetzt ja massiv investiert. Deshalb wird sich die Elektromobilität über kurz oder lang in den Städten durchsetzen. Wir haben beim Elektro-Smart zudem das Thema Schnellladung im Blick gehabt: Mit der entsprechenden Wallbox lässt sich das Fahrzeug von 20 auf 100 Prozent in 45 Minuten aufladen. Ich bin ganz sicher: Wir kommen mit dem Elektro-Smart zum richtigen Zeitpunkt.

«Wir sind in unseren Werken komplett flexibel»

Smart-Produktion im Werk Hambach
Smart-Produktion im Werk Hambach © Daimler

Autogazette: Sie feiern den Marktstart der Elektroversionen in Kürze in den USA und nicht in Europa, wo die Modelle erst 2017 auf den Markt kommen werden. Erwarten Sie sich da schlichtweg einen höheren Absatz oder ist das Zufall?

Winkler: Nein, es ist kein Zufall. In der Vergangenheit war der Erfolg des Elektro-Smart in den USA am höchsten, insbesondere in Kalifornien. Dort waren zuletzt ein Viertel bis ein Drittel aller verkauften Smart ein Smart Electric Drive. Gerade in Kalifornien gibt es eine Offenheit, die richtige Haltung für die E-Mobilität. Doch wir glauben ebenso an Europa als Markt für diese Technologie.

Autogazette: Welchen Anteil am Gesamtabsatz von Smart sollen weltweit auf die Elektroversionen entfallen?

Winkler: Zum einen kommunizieren wir keine Prognosen, zum anderen ist der Anteil auch nicht vorhersehbar. Aber wir sind in unseren Werken komplett flexibel, weil wir die Verbrenner- und Elektrovarianten auf dem gleichen Band produzieren und uns somit sehr schnell auf die von uns vermutete steigende Nachfrage einstellen können, sprich: Wir sind bereit für die Elektromobilität! Entsprechend überlegen wir uns mit unseren Partnern im Handel auch, unseren Kunden ein Elektroauto nicht nur für ein, zwei Stunden für eine Probefahrt zu geben, sondern auch für ein, zwei Tage. Nur wer Elektromobilität richtig erlebt, weiß, wie faszinierend sie ist.

«Ich glaube stark an den Erfolg unserer E-Modelle»

Autogazette: Derzeit wird aufgrund der Feinstaubbelastung in den Innenstädten viel von Fahrverboten gesprochen. Ist das etwas, was der nachhaltigen Mobilität einen Schub verleihen kann?

Winkler: Klar. Wenn es dazu kommen sollte, dann kann das zu einem zusätzlichen Schub für die Elektromobilität sorgen. Bereits bei der letzten Generation des E-Smarts war es so, dass viele Kunden ihn als ihr Erstfahrzeug genutzt haben. Viele unserer Kunden wollen auch einen Beitrag für die Umwelt leisten. Als es in Stuttgart den Feinstaubalarm gab, habe ich mich richtig gut gefühlt, als ich mit meinem E-Smart unterwegs war. Jeder von uns trägt ein Stück Verantwortung für die Luft- und Lebensqualität in der Stadt.

Autogazette: Doch dieser Verantwortung wird nicht jeder gerecht. Braucht es deshalb nicht Vorgaben seitens der Politik wie Fahrverbote oder wie in Norwegen eine Ankündigung, ab 2025 keine Benziner und Diesel neu zuzulassen?

Winkler: Ich bin kein Freund von Verboten. Wir brauchen eine entsprechende Haltung seitens der Kunden; sie müssen elektrisch unterwegs sein wollen. Wir bieten die elektrischen Smart zu einem Preis an, der nach Abzug der Subvention in den Bereich eines vergleichbar ausgestatteten Benziners kommt. Das wird viele zum Nachdenken bringen, ob sie jetzt nicht doch umsteigen. Ich glaube stark an den Erfolg unserer E-Modelle.

«Politik hat begonnen, dem Rechnung zu tragen»

Ein E-Smart bei der Aufladung
Ein E-Smart bei der Aufladung © Daimler

Autogazette: Spricht daraus nicht ein Denken von vorgestern? Wenn man eine andere Mobilität will, dann muss man dafür vielleicht auch unpopuläre Vorgaben machen.

Winkler: Nein, das glaube ich nicht. Wir sind bereits an einem Punkt, wo es einen Wandel der Mobilität gibt und die Kunden erkannt haben, dass es perspektivisch nicht so weiter gehen kann wie bisher. Die Menschen wollen selbst eine andere innerstädtische Mobilität haben und die Politik hat begonnen, dem Rechnung zu tragen.

Autogazette: Sie haben unlängst zusammen mit DHL einen neuen Service vorgestellt, bei dem Kunden sich Pakete in den Kofferraum liefern lassen können. Haben Sie sich dabei von Volvo inspirieren lassen, die so etwas ja schon vor ihnen hatten?

Winkler: Diese Idee stammt aus unserem Smart lab Team. Inspiriert wurde sie vor über einem Jahr von der Technologie, die wir in unseren Car2go-Fahrzeugen haben, mit der ein Fahrzeug lokalisiert, geöffnet, geschlossen und gefahren werden kann, wenn man per App dazu eine Ermächtigung bekommt. Mit diesen Funktionen lassen sich eine große Vielzahl von Services anbieten. Dazu gehört zum einen die Anlieferung von Paketen in den Kofferraum, aber genauso kann ich mir auch Lebensmittel von meinem örtlichen Händler anliefern lassen. Im Gegensatz zu manchen Wettbewerbern haben wir die Kofferraumbelieferung allerdings erst vorgestellt, als sie erprobt und einsatzreif war. Deswegen können wir jetzt einen großen Piloten in mehreren deutschen Städten starten, mit tollen Partnern wie Fashion ID oder Amazon. Daneben ist künftig übrigens auch privates Carsharing möglich.

Autogazette: Ab wann wird es denn den Piloten für das private Carsharing geben?

Winkler: Wir haben in Stuttgart mit dem Beta-Launch von „ready to drop“ – der Kofferraumbeladung – bereits begonnen, Köln folgt im November. Weitere Städte wie Berlin und Bonn sind ebenfalls in der Planung. Mit den Teilnehmern des Beta-Tests möchten wir Erfahrungen unter realen Bedingungen sammeln und mit den Kunden das Produkt zur Marktreife bringen. Als Gegenzug werden ihre Fahrzeuge von uns kostenlos mit der Connectivity Box – der genannten Car2Go-Technik – ausgestattet. Wenn alles stabil läuft, wollen wir auch den Kunden, die bereits Drop nutzen, aber auch neuen Kunden, das private Carsharing anbieten. Auf dem Autosalon Paris kamen bereits Firmen auf mich zu, die sich eine Elektroautoflotte zulegen wollen, die von den Mitarbeitern geteilt wird.

«Smart-Kunden sind Pioniere»

Der Smart fungiert als Paketstation
Der Smart fungiert als Paketstation © Daimler

Autogazette: Welche anderen Services sind noch angedacht?

Winkler: Eine ganze Reihe, mit der wir unsere Kunden weiterhin überraschen wollen, denn Smart-Kunden sind Pioniere und Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir wollen den Smart zu einer Dienstleistungszentrale machen. Die Kunden müssen sagen: Dass, was uns Smart bietet, bietet uns sonst kein anderer Hersteller und schon gar nicht in unserer Geschwindigkeit und Vielzahl. Vor diesem Hintergrund planen wir noch in diesem Jahr ein Pilotprojekt in San Francisco mit dem Namen Care. Die Kunden können sich von uns ihren Smart zu Hause abholen lassen, ihn betanken oder waschen lassen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch vorstellbar, dass man sich das Auto in die Werkstatt bringen lässt. Es mag sein, dass nicht jeder dieser Services ein Erfolg wird. Aber wir probieren jede Menge aus, um unseren Kunden Dinge abzunehmen, die ihnen lästig sind und sie so entlasten. Die Vision von Smart war von Anfang an, unseren Kunden das Leben in der Stadt zu erleichtern. Mit der Verbindung von Smart mit dem Smartphone wird das in einer ganz neuen Dimension möglich.

Das Interview mit Annette Winkler führte Frank Mertens



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