18. Oktober 2016

Schaeffler-Entwicklungschef Peter Gutzmer «Industrie und Politik müssen Werbung für E-Mobilität machen»

Peter Gutzmer ist Entwicklungsvorstand von Schaeffler Fotos ▶
Peter Gutzmer ist Entwicklungsvorstand von Schaeffler © AG/Mertens

Der Mobilitätswandel verändert das Geschäft der Zulieferer. «Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel», sagte Schaeffler-Entwicklungs-Chef Peter Gutzmer. Im Interview mit der Autogazette spricht er über Innovationen, sinkende Batteriepreise und darüber, weshalb Fahrverbote der E-Mobilität einen Schub verleihen werden.




Trotz der Kaufprämie bleibt die Nachfrage nach Elektroautos in Deutschland verhalten. «Das Thema ist leider kein Selbstläufer. Wir müssen den Menschen vermitteln, dass es ohne Elektromobilität nicht geht», sagte Schaeffler-Entwicklungs-Vorstand Peter Gutzmer im Interview mit der Autogazette.

Wie der Manager sagte, müssten Industrie und Politik «jetzt Werbung für die E-Mobilität machen. So, wie es cool ist, ein iPhone zu nutzen, muss es cool sein, ein Elektroauto zu fahren. Ich bin sicher, dass der erwartete Schub für die Elektromobilität kommen wird».


Verbote helfen nicht weiter

Auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität hält Gutzmer indes nichts von einem Verbot von Diesel- und Benzinmotoren. «Für mich sind das keine Lösungen, die uns weiterhelfen. Denn wir werden noch auf Jahre eine gemischte Mobilität von E-Autos, Plug-in-Hybriden und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor haben und benötigen.»

Gutzmer rechnet nicht damit, dass es zu bundesweiten Restriktionen seitens der Politik kommen wird. Allerdings gehe er davon aus, dass Städte wie beispielsweise «Stuttgart, München oder Paris wegen der Feinstaubbelastung oder der Verkehrsdichte mit restriktiven Maßnahmen wie Fahrverboten darauf reagieren». Ein gerade ergangenes Urteil würde dazu den Weg ebnen. «Das wird zu einer Veränderung im Denken und Nutzungsverhalten der Endkunden führen», sagte Gutzmer, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Schaeffler ist.

«Trotz Kaufprämie bleiben Elektroautos teuer»

Das Konzept Step2 besitzt einen Zweigang-Elektroantrieb
Das Konzept Step2 besitzt einen Zweigang-Elektroantrieb © Schaeffler

Autogazette: Herr Gutzmer, Anfang des Jahres hatten Sie die zögerliche Haltung der Regierung bei der Förderung der Elektromobilität beklagt. Nun gibt es eine Kaufprämie, doch die Nachfrage ist verhalten. Ist die Zeit noch nicht reif für die E-Mobilität?

Peter Gutzmer: Offensichtlich gibt es derzeit noch unterschiedliche Einschätzungen. Doch dass die Bundesregierung etwas unternimmt, ist der richtige Schritt. In China sehen wir Ähnliches: auch dort führt die Förderung noch nicht zum erhofften Volumen, aber sie ist ein Zeichen dafür, dass die Politik das Thema als wichtig erachtet.

Autogazette: Warum greift die Förderung noch nicht?

Gutzmer: Da gibt es mehrere Gründe: Trotz der Kaufprämie bleiben Elektroautos nach wie vor teuer. Dann haben sie noch nicht den Nutzwert, den sie vom Auto mit Verbrennungsmotor kennen. Daneben ist die Infrastruktur noch unzureichend. Ferner reicht die Kapazität der Batterien noch nicht aus. Zu guter Letzt: Zwar redet fast jeder von Klimaschutz, doch nur Wenige sind bereit, dafür auch mehr Geld auszugeben.

Autogazette: Hat die Politik zu lange gebraucht, um dem Thema E-Mobilität Fahrt zu verleihen?

Gutzmer: Vielleicht. Das Thema ist leider kein Selbstläufer. Wir müssen den Menschen vermitteln, dass es ohne Elektromobilität nicht geht. Es ist wie beim Kauf eines iPhones von Apple. Hierfür bezahlen die Kunden auch mehr Geld, obwohl es ein vergleichbares Produkt auch günstiger gibt. Wir müssen Emotionen wecken. Industrie und Politik müssen jetzt Werbung für die E-Mobilität machen. So, wie es cool ist, ein iPhone zu nutzen, muss es cool sein, ein Elektroauto zu fahren. Ich bin sicher, dass der erwartete Schub für die Elektromobilität kommen wird.

«Wir müssen das Thema aktiv unterbringen»

Schaeffler engagiert sich auch in der Formel E
Schaeffler engagiert sich auch in der Formel E © Schaeffler

Autogazette: Nach wie vor will Deutschland Leitmarkt bei der E-Mobilität werden. Ist das überhaupt noch zu schaffen?

Gutzmer: Die Menschen schauen sich den Nutzwert des Fahrzeuges an, sie schauen auf den Wiederverkaufswert. Noch sind sie es nicht gewohnt, dass ihr Fahrzeug einer Subventionierung unterliegt, wenn man vom Diesel absieht. Wir müssen das Thema aktiv unterbringen. Die Förderung allein reicht nicht. Es muss ein Zutrauen in diese Technologie geschaffen werden.

Autogazette: Braucht es unpopulärer Vorgaben seitens Politik, um die Menschen zum Umstieg auf nachhaltige Verkehrsmittel zu bewegen? In Norwegen sollen ab 2025 beispielsweise keine Benziner und Diesel mehr neu zugelassen werden

Gutzmer:
Für mich sind das keine Lösungen, die uns weiterhelfen. Denn wir werden noch auf Jahre eine gemischte Mobilität von E-Autos, Plug-in-Hybriden und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor haben und benötigen.

Autogazette: Aber bereits heute kollabiert der Verkehr in einigen Städten; die zudem unter der Feinstaubbelastung leiden...

Gutzmer: ...deshalb gehe ich davon aus, dass es zwar keine nationalweit gültigen Restriktionen seitens der Politik geben wird, aber das beispielsweise Städte wie Stuttgart, München oder Paris wegen der Feinstaubbelastung oder der Verkehrsdichte mit restriktiven Maßnahmen wie Fahrverboten darauf reagieren. Ein gerade ergangenes Urteil ebnet zudem dazu den Weg. Das wird zu einer Veränderung im Denken und Nutzungsverhalten der Endkunden führen.

«Partielle lokale Fahrverbote werden kommen»

Autogazette: Können Fahrverbote der beste Anschub für die E-Mobilität sein?

Gutzmer: Ob wir es in der Autoindustrie gut finden oder nicht: partielle lokale Fahrverbote werden kommen. Das wird der nächste Schritt sein - und er wird der E-Mobilität einen Schub verleihen. Der nächste Schub wird daneben durch niedrigere Batteriepreise kommen.

Autogazette: Mit welchen Preisen rechnen Sie?

Gutzmer: In den kommenden fünf Jahren wird sich der Preis für die Kilowattstunde um mehr als die Hälfte reduzieren. Ich gehe bis dahin von einem Preis zwischen 100 bis 150 Euro für die Kilowattstunde aus. Je nach Fahrzeugklasse brauchen sie aber eine Leistung von mindestens 40 bis 80 Kilowattstunden oder sogar mehr. Damit liegen sie dann immer noch bei einem Preis zwischen mindestens 4000 und 8000 Euro allein für die Batterie, aber bei systemischer Betrachtung wird auch der elektromotorische Antrieb günstiger und Mehrkosten kompensieren.

Autogazette: Rechnen Sie dann in fünf Jahren mit dem Markthochlauf?

Gutzmer: Ja, davon gehe ich aus. Das Henne-Ei-Problem werden wir bis 2020 lösen. Bis dahin haben wir nicht nur eine ausreichende Modellauswahl mit der notwendigen Effizienzsteigerung, sondern auch die nötige Infrastruktur und die niedrigeren Batteriekosten. Durch diese Aspekte und die bis dahin kommenden Fahrverbote werden wir einen Markthochlauf erleben.

«Wir benötigen weiter den Diesel»

Drei Autos, drei Konzepte
Drei Autos, drei Konzepte © Schaeffler

Autogazette: Sehen Sie vor dem Hintergrund der Diskussion um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge weiterhin eine Zukunft für diesen Antrieb?

Gutzmer: Um die ab 2021 geltenden strengen CO2-Grenzwerte von 95 g/km in Europa zu erreichen, benötigen wir weiter den Diesel.

Autogazette: Vor dem Hintergrund der von Schaeffler angebotenen Technologien wie dem E-Clutch müssten Ihnen die strengen CO2-Grenzwerte ganz gelegen kommen.

Gutzmer: Wir haben derzeit weltweit 40 Millionen Handschalter. Und da stellt sich die Frage, warum die Kunden nicht auf Automatik umsteigen. Wir müssen schauen, dass wir die Elektrifizierung auch beim Handschalter an die Leute heranbringen, und das probieren wir mit dem E-Clutch System. Es ist ein System, das dem Handschalter eine teilweise Automatikfunktion mit Hybridisierung bringt. Es geht jetzt darum, die Elektrifizierung in verschiedenen Segmenten in den Markt zu bringen.

Autogazette: Auch weil Sie ein Volumen benötigen, damit sich Ihre Investitionen auszahlen?

Gutzmer: Natürlich, denn wir betreiben einen großen Aufwand. Keiner von uns, der in die E-Mobilität investiert, geht davon aus, dass sich das vor 2018 rechnet – und das ist sehr optimistisch. Erst zwischen 2025 bis 2030 ist damit zu rechnen, dass der Anteil der Autos mit reinem Verbrennungsmotor auf unter 50 Prozent fällt.

«Die Sonne scheint ja nicht 24 Stunden»

Autogazette: Für die E-Mobilität braucht man grünen Strom. Wie schaut es mit dessen Gewinnung und der Speicherung der Energie aus. Arbeiten Sie da an Konzepten?

Gutzmer: Natürlich muss man sich die Frage stellen, woher der Strom kommt und was wir mit ihm anfangen. Die Sonne scheint ja nicht 24 Stunden. Auch ist der Wind manchmal so stark, dass dessen Energie nicht gespeichert werden kann. Es wird eine Energiemenge zur Verfügung gestellt, die wir gar nicht nutzen können. Da gibt es eine Vielzahl von Lösungen, die jedoch hochkomplex sind. Deshalb forscht Schaeffler daran, wie beispielsweise aus der Überschussenergie ein synthetischer Kraftstoff entstehen kann.

Autogazette: Autobauer wie beispielsweise VW versuchen sich gerade neu zu erfinden. Müssen sich vor dem Wandel der Mobilität auch die Zulieferer neu erfinden?

Gutzmer: Absolut, auch wir werden uns massiv verändern. Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Einer ist der Antrieb, der andere das automatisierte Fahren und die Vernetzung. Schaeffler wird sich allein durch die Elektromobilität verändern. Dadurch bietet sich uns die Chance, ein Partner zu sein, der deutlich mehr Wertschöpfung liefert als nur eine Komponente wie beispielsweise ein Lager anzubieten. Aber das ist aufwendig. Denn wir müssen das eine tun, ohne das andere zu lassen.

«Die Brennstoffzelle ist heute noch zu teuer»

Der Radnabenantrieb von Schaeffler
Der Radnabenantrieb von Schaeffler © Schaeffler

Autogazette: Wieviel Anteil wird die Elektromobilität bis zum Jahr 2025 am Umsatz ausmachen?

Gutzmer: Eines ist klar: nach 2025 wird der Anteil der Elektromobilität an unserem Umsatz für die größte Steigerung sorgen. Wenn die Fahrzeughersteller bis 2025 einen Anteil von 25 Prozent ihres Absatzes auf dem Feld der E-Mobilität haben werden, dann müssen wir uns darauf einstellen. Denn ein Elektrofahrzeug wird ein Drittel weniger Wertschöpfung haben als ein verbrennungsmotorisches Fahrzeug.

Autogazette: Es wurde viel über eine Zellproduktion in Deutschland gesprochen. Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber sieht nicht, dass die Autobauer hier einsteigen, aber die Zulieferer. Sehen Sie das auch so?

Gutzmer: Da kann ich mir durchaus einen Einstieg von bestimmten Zulieferern vorstellen, aber diesbezüglich müssen sie jene Adressaten befragen. Allerdings glaube ich nicht, dass wesentliche Anteile der Lithium-Ionen-Technologie perspektivisch aus Deutschland kommen werden. Doch für Schaeffler kann ich sagen, dass wir uns das Thema Speicher in seiner Gesamtheit anschauen. Es gibt da noch weitere elektrochemische Speicher – und diesbezüglich befinden wir uns in Forschungskooperationen mit Hochschulen.

Autogazette: Sie wollen in diesen Bereich einsteigen?

Gutzmer: Ich sage nicht, dass wir da einsteigen, aber wir wollen das verstehen. Wir wollen sehen, ob das Thema elektrochemischer Energiespeicher auch in Deutschland darzustellen ist und schauen, ob dass das Ende des Verbrenners beschleunigen kann. Denn auch wenn die Kosten einer Lithium-Ionen-Batterie sich in den nächsten fünf Jahren halbieren werden, bewegen sich die Kosten noch nicht dort, damit es sich für die gesamte Breite der Mobilität lohnt.

Autogazette: Und wie schaut es mit der Brennstoffzelle aus?

Gutzmer: Natürlich schauen wir uns auch das an. Die Brennstoffzelle ist heute auch noch zu teuer und sie bedarf erneut einer anderen Infrastruktur, doch Schaeffler ist prädestiniert dafür, die Kosten dieser Technologie zu reduzieren.

Autogazette: Wieso?

Gutzmer: Weil da Technologien, die wir beherrschen, für die Kostenreduktion eine Rolle spielen. Das ist die Umform- und Beschichtungstechnologie.

«Überall sind wir mit Serienentwicklungen dabei»

Schaeffler setzt auf die 48 Volt-Technik
Schaeffler setzt auf die 48 Volt-Technik © Schaeffler

Autogazette: Schaeffler investiert bis 2020 eine Milliarde Euro in die Elektromobilität. Welche Schwerpunkte setzen Sie dabei? Erst Hybridisierung, dann das reine E-Auto?

Gutzmer: Genau. Erst Hybrid-Lösungen. Hier haben wir drei Lösungswege anzubieten: die 48 Volt-Hybridisierung, den Plug-in-Hochvolt-Hybrid und die elektrische Achse. Überall sind wir mit Serienentwicklungen dabei, sodass wir ab 2018 mit Herstellern in Serie gehen werden. Da ist das neue Geschäft, das Hauptwachstumsgeschäft.

Autogazette: Mit welcher Komponente gehen Sie in Serie?

Gutzmer: Zunächst dem P2-Hybridmodul, danach kommt E-Clutch und dann werden wir 2018/2019 mit einer E-Achse in Serie gehen.

Autogazette: Schaeffler hat auch einen Radnabenantrieb im Angebot, der alle Bauteile wie beispielsweise E-Motor und Bremse in der Felge verbaut hat. Ist es das Angebot, was Ihrerseits am meisten in die Zukunft weist?

Gutzmer: Das kann man so sehen, es ist eine der Innovationen für die Folgegeneration der E-Mobilität, die nach 2020 wichtig wird. Ich bin tief davon überzeugt, dass aus Raumgründen zukünftige Stadt-Fahrzeuge einen Radnabenantrieb haben werden. Ich sehe ein Potenzial dafür ab 2023 bis 2025. Die Nutzung der produzierten Fahrzeuge werden Flottenfahrzeuge und nicht individuell genutzte Fahrzeuge sein, vor allem in urbanen Bereichen Wir werden hier immer mehr Carsharing-Fahrzeuge sehen, die perspektivisch dann auch autonom fahren.

Das Interview mit Peter Gutzmer führte Frank Mertens



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