26. November 2014

Interview Mercedes-AMG-Chef Tobias Moers «Die Kunden rennen uns schlicht die Bude ein»

Tobias Moers bei der Weltpremiere des Mercedes AMG GT. Fotos ▶
Tobias Moers bei der Weltpremiere des Mercedes AMG GT. © Daimler

Mercedes-AMG befindet sich auf Wachstumskurs. Im Interview mit der Autogazette spricht AMG-Chef Tobias Moers über Absatzziele, die Kooperation mit MV Agusta und darüber, weshalb die Marke einen Sportwagen wie den GT benötigt hat.




Mercedes-AMG befindet sich auf Wachstumskurs. Nach einem Absatz von 32.200 Fahrzeugen im Jahr 2013 erwartet AMG-Chef Tobias Moers für dieses Jahr ein Wachstum von deutlich über 40.000 Einheiten. «Ich gehe davon aus, dass wir im Vergleich zum Vorjahr rund 30 Prozent zulegen werden», sagte Moers im Interview mit der Autogazette.

Mit Blick auf die Zukunftsstrategie «AMG Performance 50» hält es Moers für möglich, dass die Sportwagenmarke bis zum 50-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2017 weltweit auf einen Absatz von 60.000 Fahrzeugen kommen kann. «Wenn man die damalige strategische Ausrichtung von 30.000 Einheiten mit Blick auf 2017 verdoppelt, liegt man damit vielleicht gar nicht so falsch.» Die im Jahr 2012 verkündete Zukunftsstrategie hatte bis zum Firmenjubiläum einen Absatz von über 30.000 Einheiten vorgesehen. Dieses Ziel hatte AMG bereits im Vorjahr erreicht.


Weiteres Wachstum mit MV Agusta

Die Wachstumsziele von Mercedes-AMG sollen auch durch die Beteiligung in Höhe von 25 Prozent an der Motorradmarke MV Agusta befördert werden. «Beide Firmen passen perfekt zueinander, da wir die Technik bis ans Limit bringen. Die Kooperation ermöglicht uns, neue Kunden für AMG zu gewinnen.» Eine Zustimmung der Behörden für diese Beteiligung erwartet Moers noch in diesem Jahr.

Eine weitere Aufstockung der Beteiligung an MV Agusta schließt Moers aus. «Nun haben wir gerade erst den Kooperations-Vertrag unterzeichnet. Die 25 Prozent Beteiligung passen für uns.»

«Beide Firmen passen perfekt zueinander»

Daimler hat sich mit 25 Prozent an MV Agusta beteiligt
Daimler hat sich mit 25 Prozent an MV Agusta beteiligt © Daimler

Autogazette: Herr Moers, wie ausgeprägt ist bei Ihnen die Leidenschaft fürs Motorradfahren?

Tobias Moers (lacht): Stark, sie liegt im Vergleich zum Auto bei 25 Prozent.

Autogazette: Also haben Sie auch einen Motorradführerschein?

Moers: Natürlich.

Autogazette: Und welche Maschine steht bei Ihnen in der Garage?

Moers: Momentan keine.

Autogazette: Auch keine Ducati mehr?

Moers: Nein, wenngleich ich bislang immer italienische Maschine gefahren bin.

Autogazette: Dann passt es ja gut, dass Mercedes-AMG sich gerade 25 Prozent der Anteile an der Motorradmarke MV Agusta gesichert hat. Was erwarten Sie sich von dieser Beteiligung?

Moers: Es ist eine Marken- und Vertriebs-Kooperation, von der wir uns viel versprechen. Beide Firmen passen perfekt zueinander, da wir die Technik bis ans Limit bringen. Die Kooperation ermöglicht uns, neue Kunden für AMG zu gewinnen.

«Die 25 Prozent Beteiligung passen für uns»

Autogazette: Werden Sie Ihre Anteile bei MV Agusta aufstocken?

Moers: Nun haben wir gerade erst den Kooperations-Vertrag unterzeichnet. Die 25 Prozent Beteiligung passen für uns.

Autogazette: Synergien bei der Technik sehen Sie nicht?

Moers: Wir sehen Schnittmengen bei den Zielgruppen. MV Agusta hat Kunden, die die Marke AMG bisher nicht auf der Rechnung hatten. Und umgekehrt.

Autogazette: Wie wollen Sie diese Zielgruppen von Agusta erreichen? Wird es bei einem AMG-Händler auch eine Agusta zu kaufen geben?

Moers: Soweit wird es sicher nicht gehen. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir in unseren AMG-Performance-Centern auch einmal ein MV Agusta Modell präsentieren.

Autogazette: Wann rechnen Sie denn mit kartellrechtlichen Genehmigung für die Beteiligung?

Moers: Ich gehe davon aus, dass das noch in diesem Jahr der Fall sein wird.

Autogazette: Vor dem Einstieg bei MV Agusta hatte AMG mit Ducati kooperiert, bis Ihnen Audi die Marke vor der Nase weggeschnappt hat. Ärgert es Sie noch sehr, dass Sie damals nicht zum Zuge gekommen waren?

Moers: Gar nicht. Das ist Vergangenheit, damit beschäftigen wir uns nicht mehr.

«Die technischen Ansprüche müssen passen»

Der Mercedes AMG GT
Der Mercedes AMG GT © Daimler

Autogazette: War Ihnen Ducati damals mit einem Kaufpreis von über 850 Millionen Euro schlicht zu teuer.

Moers: Ganz ehrlich: Wir haben gar nicht so weit überlegt, um uns über einen Kaufpreis Gedanken zu machen.

Autogazette: Erst Ducati, jetzt Agusta: Es hat den Anschein, dass es egal ist, mit welcher Marke man zusammen arbeitet, Hauptsache sie ist im oberen Preissegment unterwegs.

Moers: Die technischen Ansprüche müssen passen. Und das, was der Partner anzubieten hat, muss unseren Ansprüchen ebenso entsprechen wie die Performance, die wir unseren Kunden bieten. MV Agusta ist eine coole Marke mit einer phantastischen Rennsport-Heritage. Sie hat vielleicht nicht die weltweite Bekanntheit wie Ducati, aber wir werden sicherlich dazu beitragen, das zu ändern.

Autogazette: Die 2012 bekannt gegebene Zukunftsstrategie «AMG Performance 50» sah bis zum 50-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2017 einen Absatz von deutlich mehr als 30.000 Einheiten vor. Doch dieses Ziel haben Sie mit 32.200 Einheiten bereits 2013 erreicht. Wie sieht denn das modifizierte Absatzziel bis zum Geburtstag aus?

Moers: Morgen werden wir in Affalterbach über unsere neuen Absatzziele sprechen.

Autogazette: Wenn ich das Wachstum von AMG von 2012 bis 2014 zu Grunde lege, haben Sie jedes Jahr um über 30 Prozent zugelegt. Rechnet man dieses Wachstum konservativ hoch und führt sich vor Augen, dass sie noch etliche Derivate auf den Markt bringen, dann kommt man auf deutlich über 60.000 Einheiten bis 2017. Würden Sie das bejahen?

Moers: Sie erfahren von mir heute noch keine konkreten Zahlen. Doch wenn man die damalige strategische Ausrichtung von 30.000 Einheiten mit Blick auf 2017 verdoppelt, liegt man damit vielleicht gar nicht so falsch.

«Gehe davon aus, dass wir um rund 30 Prozent zulegen»

Mercedes A45 AMG
Mercedes A45 AMG © Daimler

Autogazette: Lassen Sie uns über das aktuelle Jahr reden: Sie planen mit mehr als 40.000 Einheiten. Geht das genauer?

Moers: Ich gehe davon aus, dass wir im Vergleich zum Vorjahr rund 30 Prozent zulegen werden.
Autogazette: Den Mercedes AMG GT sehen Sie als Meilenstein in der AMG-Geschichte. Warum messen Sie gerade diesem Auto so viel Bedeutung bei?

Moers: Es ist deshalb ein Meilenstein, weil wir bislang im traditionellen Sportwagensegment nicht vertreten waren. Der SLS ist hier mit seinem Layout fast konkurrenzlos gewesen, was ohne Frage eine sehr komfortable Situation war. Mit dem GT beziehungsweise dem GT S suchen wir bewusst den Wettbewerb. Der GT ist unser Markenbotschafter, er dient auch der Schärfung des Markenprofils.

Autogazette: Mit dieser Eigenentwicklung treten Sie in Konkurrenz mit einem Audi R8, aber vor allem dem Porsche 911. Sehen Sie den GT hier als Porsche-Schreck, wie er von vielen nach seiner Vorstellung bezeichnet wurde?

Moers: Natürlich wissen wir, wer in diesem Segment das dominierende Modell ist und wer in diesem Segment außer uns noch mitspielt.

Autogazette: Wie viele Vorbestellungen gibt es denn schon für den GT S?

Moers: Die Kunden schlagen sich gerade um dieses Auto. Ich bekomme sogar jeden Tag Anrufe von Kollegen aus unseren Märkten wie zuletzt aus Australien, die nachfragen, ob sie nicht noch ein paar Autos mehr bekommen könnten.

Autogazette: Wie lange muss ich denn warten, wenn ich jetzt einen GT S bestelle?

Moers: Wenn Sie nächstes Jahr einen haben wollen, müssen Sie sich schon sehr beeilen.

Autogazette: So wie bei der Kernmarke Mercedes sorgt die neue Kompaktklasse-Familie auch bei AMG für steigende Absatzzahlen. Hätten Sie ohne die Kompakten wie die A-, CLA- und GLA-Klasse dieses Wachstum erreichen können?

Moers: Die kompakten Modelle haben einen entscheidenden Anteil an unserem Wachstum.

«China enorm wichtiger Markt»

Tobias Moers gibt bei AMG die Richtung vor
Tobias Moers gibt bei AMG die Richtung vor © Daimler

Autogazette: Das Wachstum in China wird sich nach Expertenmeinung bereits im kommenden Jahr abkühlen. Statt auf hohe zweistellige Wachstumsraten rechnet man nur noch mit einstelligen. Der Markt in Russland ist eingebrochen. Bereitet das Ihnen Sorgen?

Moers: Wenn man an Russland denkt, dann ist der dortige Markteinbruch für uns nicht dramatisch. Und auch wenn wir auf China schauen, machen wir uns keine Sorgen, denn das Wachstum pendelt sich damit auf ein gesundes Niveau ein. Es wird damit nachhaltiger als bislang sein. China ist für uns natürlich ein enorm wichtiger Markt, wo die Nachfrage nach dem A 45 AMG teilweise so hoch war, dass wir die Kunden mit Verzögerung beliefern konnten. Die Kunden haben uns schlicht die Bude eingerannt.

Autogazette: Wo liegen denn derzeit bei Ihnen die Produktionskapazitäten?

Moers: Wir sind voll ausgelastet.

Autogazette: Ab 2021 kommen auf die Hersteller neue CO2-Grenzwerte zu, die einen Flottenverbrauch von für Premiumhersteller gewichtsbasierten 99 g/km vorsehen. Wie sieht hier Ihre Roadmap aus?

Moers: Wir liegen derzeit mit unserer Flotte bei einem CO2-Ausstoß von etwas mehr als 200 g/km und sind damit unserer Ziellinie etwas voraus. Ein Auto wie der AMG C 63 kommt schon jetzt auf einen CO2-Ausstoß von 192 g/km, ein sehr guter Wert in diesem Segment, der A 45 AMG auf 161g/km.

Autogazette: Bis 2017 wollten Sie auf einen CO2-Wert von 200 g/km kommen. Schaffen Sie das?

Moers: Ja, ich gehe davon aus, dass wir das bis 2017 sicher erreichen werden.

Autogazette: Wie kann Ihnen diese Reduktion gelingen? Allein durch innermotorische Maßnahmen, Leichtbau und Aerodynamik wohl kaum?

Moers: Die Aerodynamik wird im neuen Verbrauchszyklus, dem WLPT, immer wichtiger, was uns aufgrund unserer Kompetenz in diesem Bereich sehr entgegen kommt.

Autogazette: Aber ohne eine weitere Elektrifizierung bzw. Hybridisierung wird das nicht gelingen?

Moers: Stimmt, daran arbeiten wir. Wir brauchen diese Technologie zur Erreichung der CO2-Ziele. Wir haben bereits einen SLS AMG Electric Drive gebaut, verfügen bei diesem Thema also über große Kompetenz. Mit diesem Know-How sind bestens aufgestellt.

Das Interview mit Tobias Moers führte Frank Mertens



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