15. Juli 2017

Formel E-Pilot Nick Heidfeld «In der Formel E jagt ein Highlight das nächste»

Nick Heidfeld beim Rennen in Berlin Fotos ▶
Nick Heidfeld beim Rennen in Berlin © dpa

Nick Heidfeld wartet in der Formel E weiter auf seinen ersten Sieg. Gibt es die Angst des Rennfahrers Nick Heidfeld vor dem Sieg? Nein, sagte der 40-Jährige kurz vor dem Rennen in New York im Interview mit der Autogazette.




Die Formel E startet an diesem Wochenende erstmals in New York. Vor der Skyline von Manhattan absolviert die Elektro-Rennserie gleich zwei Rennen. Im Interview mit der Autogazette sprach Nick Heidfeld vom indischen Mahindra-Team nicht nur über seine Ziele an diesem Wochenende, sondern auch darüber, weshalb die Formel E bei den Zuschauern so beliebt ist.


Formel E als Konkurrent für die Formel 1

Ohne Frage liege dies auch an der zukunftsträchtigen Technologie, sagte der 40-Jährige. Heidfeld glaubt sogar, dass die Formel E langfristig in der Lage sei, der Formel 1 den Rang abzulaufen. Bei den beiden anstehenden Rennen in New York hofft der Deutsche auf ein ähnlich gutes Abschneiden wie zuletzt in Berlin. Dort fuhr er auf Rang drei; im Gesamtklassement liegt er derzeit auf Platz fünf. «Es besteht die Hoffnung, dass es ebenso gut läuft wie in Berlin, vielleicht auch besser. Denn bei den letzten Tests haben wir noch ein paar Kleinigkeiten gefunden.»

«Im Rückblick war das Timing perfekt»

Autogazette: Herr Heidfeld, Sie sind seit Beginn der Formel E im Jahr 2014 dabei. Hätten Sie nach der ersten Saison daran geglaubt, dass es diese Rennserie auch noch im Jahr 2017 geben wird?

Nick Heidfeld: Ja, ich habe es gehofft. Es sah zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2014 vielleicht etwas verfrüht aus, aber im Rückblick war das Timing perfekt. Das sieht man daran, wie die verschiedenen Hersteller bereits seit Jahren die E-Mobilität pushen.

Autogazette: Was macht aus Ihrer Sicht die Formel E so attraktiv?

Heidfeld: Es sind mehrere Dinge: Es ist zum einen eine zukunftsträchtige Technologie, mit der wir unterwegs sind. Sie spricht aus welchen Gründen auch immer ein jüngeres Publikum an, gerade auch Familien sieht man an der Rennstrecke. Es mag daran liegen, dass unsere Rennserie viel leiser als die Formel 1 ist. Daneben tragen auch die Locations zur Attraktivität bei.

Autogazette: Derzeit sind Sie in New York...

Heidfeld: ...ja, dieses Wochenende sind wir in New York, im Hintergrund sieht man die Skyline von New York. Wir waren in Paris. In Moskau sind wir über den Roten Platz gefahren. Ein Highlight jagt das nächste. Das ist etwas anderes, als wenn man irgendwo an einer Rennstrecke außerhalb der Stadt unterwegs ist. Zudem bekommen die Zuschauer auch mehr zu sehen. An einem Tag hat man Training, Qualifying und das Rennen. Das kommt an.

«Formel 1 nach wie vor die Sperrspitze des Motosports»

Autogazette: Hat die Formel E perspektivisch das Potential, der Formel 1 den Rang abzulaufen?

Heidfeld: Langfristig schon, kurzfristig glaube ich es nicht. Die Formel 1 ist nach wie vor die Sperrspitze des Motorsports. Perspektivisch würde ich das aber nicht ausschließen, wenn man sich anschaut, welche Anstrengungen im Bereich der Elektromobilität stattfinden.

Autogazette: BMW hat sich bereits 2009 aus der Formel 1 zurückgezogen, Audi startet nicht mehr in Le Mans. Ist der Motorsport mit Autos mit Verbrennungsmotor ein Auslaufmodell?

Heidfeld: Ein Auslaufmodell, was aber noch lange Bestand haben wird. Es ist unrealistisch zu glauben, dass in zwei, drei Jahren alles elektrisch durch die Gegend fährt. Es gibt nach wie vor Firmen, die das pushen werden. Zudem gibt es Abermillionen von Autos, die mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sind. Die werden auch nicht einfach verschwinden. Aber wie gesagt: Die Hersteller arbeiten mit Nachdruck an der Elektromobilität.

Autogazette: BMW hat seinen Einstieg in die Formel E zur Saison 2018/2019 verkündet. Ist das ein Indiz dafür, dass sich das Verständnis von Motorsport ändert?

Heidfeld: Das ist ein wichtiges Signal für die breite Masse des Publikums, dass solche Hersteller mit so einer Motorsporttradition und solch sportlichen Autos in eine Elektroserie einsteigen. Die Wahrnehmung zu dieser Rennserie hat sich auch deutlich geändert: Vor drei Jahren war es noch ein Anliegen zu zeigen, dass Elektromobilität etwas spannendes, nichts langweiliges ist. Fragt man heute die Menschen, kämen sie gar nicht auf die Idee, so etwas zu denken.

«Beides fordert enorm»

Nick Heidfeld unterwegs in Berlin
Nick Heidfeld unterwegs in Berlin © dpa

Autogazette: Sie kennen als Fahrer sowohl die Formel 1 als auch die Formel E. Welche Rennserie hat Sie als Fahrer mehr gefordert?

Heidfeld: Beides fordert enorm. Doch es gibt große Unterschiede. In der Formel E versucht man noch stärker als in der Formel 1 das ganze Potential gemeinschaftlich auszunutzen, an einem Strang zu ziehen.

Autogazette: Audi ist in der Formel E dabei, bald BMW. Würde es Sie reizen, auch wieder für einen deutschen Rennstall zu fahren?

Heidfeld: Natürlich würde es mich reizen, als Deutscher für einen deutschen Rennstall zu fahren. Doch momentan fühle ich mich beim indischen Mahindra-Team sehr wohl. Es ist vielleicht eine Firma, die man in Deutschland nicht so gut kennt, doch es ist ein riesiger indischer Konzerns. Wir haben es in den zurückliegenden drei Jahren geschafft, aufs Podium zu fahren. Es macht mir sehr, sehr viel Spaß mit diesem Team.

Autogazette: In der Formel 1 haben Sie 183 Rennen absolviert, davon keines ohne Sieg. In der Formel E hat es bisher auch noch nicht zu Platz eins gelangt. Gibt es die Angst des Fahrers Nick Heidfeld vor dem Sieg?

Heidfeld: Nein!

Autogazette: Woran liegt es, dass es bisher noch nicht zum Sieg gereicht hat? Gibt es dafür eine Erklärung?

Heidfeld: Ich habe in meiner Karriere die Rennen so gut wie immer erfolgreicher abgeschlossen als meine Teamkollegen. Auch in der Formel 1 war ich, bis auf die Zeit bei BMW, nie in einem Auto unterwegs, in dem ein Teamkollege besser abgeschnitten hat als ich. Dieses Jahr hat mein Teamkollege in der Formel E (Felix Rosenqvist, Anm. d. Red.) mit seinem Sieg beim Rennen in Berlin einen besseren Job gemacht als ich. Das gönne ich ihm auch. Ich habe das Rennen in Berlin genau analysiert und ich kann sagen, dass ich dieses Rennen hätte gewinnen können. In der Vergangenheit war das nicht der Fall.

«Mein Ziel ist nach wie vor Dritter zu werden»

Nick Heidfelds Rennwagen in der Box in Berlin
Nick Heidfelds Rennwagen in der Box in Berlin © Jon Mortimer

Autogazette: Wie fällt die Bilanz der bisherigen Saison für Sie aus? In den bisherigen acht Rennen sind Sie immerhin viermal auf Rang drei gefahren und liegen derzeit im Gesamtklassement auf Platz fünf?

Heidfeld: Tendenziell eher positiv. Wir hatten ein oder zwei Probleme in der Saison, was aber üblich ist. Derzeit liege ich im Gesamtklassement auf Platz fünf. Mein Ziel ist nach wie vor, am Ende der Saison Dritter zu werden. Das wird nicht einfach. Doch es ist eine geile Situation, in einem Auto unterwegs zu sein, das voll konkurrenzfähig ist.

Autogazette: An diesem Wochenende starten Sie im vorletzten Saisonrennen in New York. Mit welcher Erwartungshaltung gehen Sie ins Rennen?

Heidfeld: Man will immer um den Sieg mitfahren, doch man muss realistisch bleiben. Wenn man in einem schlechten Auto sitzt, dann kann man nicht zur Rennstrecke kommen und sagen, man möchte gewinnen. Erwartungen sind schwierig, auch wenn es beim letzten Rennen in Berlin und den Rennen davor gut lief, sind die Strecken doch alle recht unterschiedlich. Es besteht die Hoffnung, dass es ebenso gut läuft wie in Berlin, vielleicht auch besser. Denn bei den letzten Tests haben wir noch ein paar Kleinigkeiten gefunden.

Autogazette: Wie ist denn die Streckencharakteristik in New York?

Heidfeld: Im Vergleich zu Berlin haben wir hier deutlich mehr Bumps, die Strecke ist langsamer, mit engeren Kurven. Man weiß nie, was einen erwartet.

Autogazette: In New York ist die Rennserie erstmals zu 100 Prozent emissionsfrei unterwegs, nachdem man den Strom für die Autos von einem Windkraftbetreiber erhält. Wie wichtig ist das für Sie?

Heidfeld: Es hat nicht die oberste Priorität. Aber es ist durchaus wichtig. Und ich fand das Thema der Nachhaltigkeit auch von Beginn der Rennserie interessant. Es ist auch ein Grund, weshalb man in die Städte geht, um zu zeigen, dass man es emissionsfreier betreiben kann. Unser erste Rennen war in Beijing, wo die Luftqualität teilweise katastrophal ist. Vor diesem Hintergrund erlaubt man es der Rennserie auch, in die Städte zu kommen.

«Für mich als Fahrer ist es fantastisch, dies zu verbinden»

Autogazette: Liegt der Erfolg der Rennserie auch darin begründet, dass es um Nachhaltigkeit geht?

Heidfeld: Ich denke schon. Denn das Interesse der Rennställe, Städte und Sponsoren ist größer als bei anderen Rennserien, weil es zukunftsträchtiger ist. Man will ökologischer agieren. Für mich als Fahrer ist es fantastisch, dies zu verbinden. Als ich als Kind mit dem Motorsport anfing, habe ich mir über solche Dinge keine Gedanken gemacht. Da war für mich Rennfahren das geilste der Welt. Dass man dabei Abgase in die Luft bläst oder nicht, darüber habe ich mir mit acht Jahren keine Gedanken gemacht. Dass man es jetzt kombinieren kann, ist besser als zuvor. Man trägt eine Message nach draußen, die hoffentlich ihren Beitrag leisten kann.

Autogazette: Wie sehr legen Sie im privaten Bereich auf nachhaltige Mobilität wert? Fahren Sie ein E-Auto.

Heidfeld: Ich fahre unter anderem auch ein E-Auto...

Autogazette: ...was für eines?

Heidfeld: Ich habe seit Jahren einen Nissan Leaf. Ich nutze ihn für kurze private Fahrten und für Fahrten zum Flughafen.

«Stärken der Alternativen hervorheben»

Autogazette: In Deutschland befindet sich die Elektromobilität nach wie vor in der Nische. Überrascht Sie diese geringe Nachfrage nach E-Autos?

Heidfeld: Ein Hauptgrund dürfte die Reichweite und die Ladedauer sein. Die Werke, die jetzt auf die E-Mobilität setzen, haben zudem auch noch keine große Auswahl an E-Autos zu bieten. Das wird sich ändern. Im Vergleich zu Deutschland wird die E-Mobilität in anderen Ländern stärker gepusht. Sei es mit Subventionen oder mit gesetzlichen Regelungen. Dafür braucht man nur nach China zu schauen.

Autogazette: Braucht es Restriktionen wie ein Dieselfahrverbot, um die Autofahrer zu einem Umdenken bei der Mobilität zu bringen?

Heidfeld: Statt etwas zu verbieten, ist es immer besser, die Stärken der Alternativen hervorzuheben.

Autogazette: Es heißt ja immer wieder, dass die Technologie aus dem Motorsport auch in der Serie Einzug hält. Sehen Sie das auch mit Blick auf die E-Mobilität?

Heidfeld: Das ist eine schwierige Frage. Doch ich denke, dass im Motorsport aufgrund des extremen Wettbewerbs Dinge schneller entwickelt werden, die dann auch zum Einsatz in der Serie kommen können.

Autogazette: Derzeit müssen Sie die Rennen mit zwei Autos absolvieren, weil die Energie nicht reicht. Ab der Saison fünf soll es nur noch ein Auto geben. Sehnen Sie diesen Augenblick herbei?

Heidfeld: Nein, gar nicht. Für die Hersteller ist es ein wichtiger Aspekt zu zeigen, dass die Technik voranschreitet und nicht die Message hängenbleibt, dass die Batterie nicht für eine Renndistanz reicht. Aus Sicht der Spannung für das Rennen finde ich es aber wichtig, dass wir einen Boxenstopp machen müssen, weil da immer etwas passiert.

Autogazette: Sie sind gerade 40 geworden. Wie lange wollen Sie noch Rennen fahren

Heidfeld: So lange es Spaß macht und ich einen vernünftigen Platz finde. Es ist auch für mich spannend zu sehen, inwieweit ich mit diesem Alter noch competitiv bin. Momentan ist das noch der Fall. Ich sehe nicht, dass ich langsamer werde.

Das Interview mit Nick Heidfeld führte Frank Mertens



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