Zero SR/S: Elektrischer Sporttourer auf Eroberungskurs

Zero SR/S: Elektrischer Sporttourer auf Eroberungskurs
Die neue Zero SR/S markiert einen Sporttourer klassischer Prägung, nur eben mit einem Elektromotor. © Zero

Der US-Hersteller Zero hat sich längst als ernstzunehmender Anbieter elektrischer Motorräder etabliert. Bereits seit 14 Jahren bieten die Amis E-Bikes an.

Jetzt versuchen die Amis ein bislang von Elektromotorrädern nicht abgedecktes Segment zu erobern: Die neue SR/S markiert einen Sporttourer klassischer Prägung, nur eben mit einem Elektromotor.


Deshalb kommt die Zero mit einer Vollverkleidung und zweigeteiltem Sitzmöbel, das dem Fahrer tatsächlich ein tourentaugliches Ambiente anbietet: In niedrigen 80,5 Zentimetern Höhe ergeben sich auf dem straffen, aber nicht unbequemen Polster entspannte Kniewinkel und ein erstaunlich hoher Lenker, an den sich der Pilot über die etwas zu lang geratene Tankattrappe strecken muss.

Nahtlose Kraftentfaltung

Wie bei einem normalen Motorrad wird der Zündschlüssel gedreht, das bunte TFT-Display leuchtet auf und schon beim ersten Dreh am Gasgriff geht‘s richtig ab. Wer nicht damit gerechnet hat, wird ganz schön überrascht sein. Deshalb sollte man zunächst den Fahrmodus „Rain“ einlegen, um sich an die nahtlose Kraftentfaltung zu gewöhnen. Über die linke Lenkerarmatur stehen vier werksseitig vorgegebene und ein im Stand über eine kostenlose App frei konfigurierbarer Fahrmodus parat, die Geschwindigkeit, Leistung, Drehmoment und den Grad der Rekuperation und die Traktionskontrolle kombinieren.

Die Zero SR/S bietet eine Reichweite von 180 Kilometer. Foto: SP-X

Aus dem Stand begeistert die Zero mit gleichmäßigem Druck in allen Lebenslagen, und das vom ersten Dreh am Gasgriff bis zum Ende – ohne Getriebe zoomt sich die Zero nahtlos mächtig vorwärts, nicht unterbrochen von irgendwelchen Gangwechseln. Das technische Datenblatt weist für die Zero maximal 110 PS Leistung aus, im Fahrzeugschein steht bei Elektrofahrzeugen aber die Dauerleistung, die über 30 Minuten erbracht werden kann – bei der SR/S schafft der quer eingebaute bürstenlose Synchronmotor 54 PS. Ausgefahren stehen kurzfristig echte 196 km/h an, bei Gefahr von Überhitzung durch viel Vollgas reduziert die Zero den luftgekühlten Motor und lässt maximal voll autobahntaugliche 173 km/h zu.

Gewaltiges Drehmoment

Ihr großes Pfund ist aber das gewaltige Drehmoment von 190 Newtonmeter, das die Zero zusammen mit dem fehlenden Getriebe konkurrenzlos durchzugsstark macht. Beispielsweise vergehen bei ihr beim Beschleunigen von 50 auf 120 km/h gerade mal 4,2 Sekunden, eine 165 PS starke BMW S 1000 R benötigt im letzten Gang dafür 5,9 Sekunden.

Als Besonderheit bietet die Zero wie andere Elektromotorräder auch, via App das Maß der Rekuperation zu bestimmen, also die Energierückgewinnung durch den vom Schub angetriebenen E-Motor, der als Generator arbeitet und die Batterie lädt. Im Fahrbetrieb wirkt das wie eine Motorbremse. Dazu setzt die Elektronik Schubbefehle gut regulierbar und nur mit minimaler, kaum wahrnehmbarer Verzögerung exakt um. Hat man sich darauf eingelassen lässt sich die SR/S schwungvoll und mit viel Zug um die Radien bewegen.
Ohne Fahrgeräusche besteht allerdings die Gefahr, zu schnell in die nächste Kurve einzubiegen. Dann hilft die gute Dosierbarkeit der Zero-Stopper, die zwar nicht vehement zubeißen, dafür ein sehr gutes Gefühl für die Verzögerung ermöglichen.

Akkurates Handling inklusive

Richtig wendig flitzt die 234 Kilo schwere SR/S über kleine Asphaltbänder und zischt mit sauberer Linienwahl akkurat und ohne Stabilitätsprobleme durch schnelle Kurven. Die geringeren bewegten Massen im Motorinneren im Vergleich zum Verbrenner machen die Fahrt leicht und genussvoll. Dazu agiert die schräglagengesteuerte Traktionskontrolle sehr sensibel, die den Vortrieb nur sehr behutsam zähmt.

Das liegt daran, dass beim Elektromotor das Drehmoment direkt reduziert wird und nicht indirekt über geschlossene Drosselklappen und verschobene Zündzeitpunkte wie beim Ottomotor. Hochwertige, voll einstellbare Showa-Federelemente erlauben zudem eine Justage nach Gusto. In der Grundabstimmung komfortabel, sprechen sie gut auf Bodenunebenheiten an und stellen mit progressiver Dämpfung eine satte Straßenlage sicher. Nur über schnell aufeinanderfolgende kleine Wellen stottert die Gabel leicht hinweg.

Reichweite von 180 Kilometer

Das technische Datenblatt weist für die Zero 110 PS Leistung aus. Foto: SP-X

Doch kein Elektrotest kommt ohne einen Blick auf die Knackpunkte Reichweite, Ladezeit und Kosten aus. Bei gemischter und alles andere als zurückhaltender Fahrweise reicht der voll geladene 14,4-kWh-Akku der Zero für rund 180 Kilometer Reichweite; weil bei knappem Akku-Stand die Leistung gekappt wird, sind in der Praxis sogar mehr als 200 Kilometer drin.

Die Ladezeit ist eine Frage der Ausstattung: Die Premium-Version (23.740 Euro) bietet für 2.200 Euro mehr als die Standardversion (21.540 Euro) Heizgriffe, Alu-Lenkerenden und ein schnelles 6-kW-Ladesystem statt 3 kW. Über ein optionales Typ2-Ladekabel (300 Euro) zieht die Zero an einer Schnellladesäule – die es auf dem Land kaum gibt – gut fünf Kilowatt, bis zur Vollladung vergehen etwa zweieinhalb Stunden. An der Haushaltssteckdose fließen 2,7 kW in die Batterie, das bedeutet fünf Stunden und 20 Minuten Ladezeit. Bei einem Energiepreis von 30 Cent je kWh kostet eine Akkuladung weniger als fünf Euro – umgelegt auf knapp 200 Kilometer Fahrstrecke ist das ziemlich günstig.

Doch die Zero SR/S ist weit mehr als bloß ein gutes Elektro-Mobil mit praktischen Features wie dem Staufach in der Tankattrappe. Sie kann als grundsolides Motorrad überzeugen – Fahrwerk, Platzangebot und Tourentauglichkeit liegen auf konkurrenzfähigem Niveau. Ihr Elektroantrieb steuert reichlich, jederzeit beherrschbaren Schub bei, die Reichweite erlaubt immer noch keine Urlaubsreisen. Preislich nähern sich vollausgestattete Verbrenner langsam an. Die Zero ist sicher noch nicht massenkompatibel – ein faszinierendes Fahrerlebnis bietet sie trotzdem. (SP-X)

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