Ducati Multistrada 1200: Frei von Statusdenken

Neues Bike der Italiener

Die Ducati Multistrade bekommt Konkurrenz von der S-Variante.
Die Ducati Multistrade bekommt Konkurrenz von der S-Variante. © Ducati

Die Ducati Multistrada 1200 ist das Aschenbrödel der Baureihe. Im Gegensatz zur S–Variante muss sie indes auf einige Nice-to-Haves verzichten. Die Konkurrenz für das neue Bike kommt aus dem eigenen Haus.

Es ist immer undankbar, die Rolle des Aschenbrödels spielen zu müssen, wenn eine noch attraktivere Erscheinung alle Blicke auf sich zieht. Diese uralte Erkenntnis trifft auch für die neue Ducati Multistrada 1200 zu: Verglichen mit der außer in Rot auch in einem strahlenden Weiß lieferbaren S-Variante wirkt die S-lose Basisversion auf den ersten Blick magerer als es der um 2.000 Euro niedriger angesetzte Preis von 16.490 Euro erscheinen lässt. Einige „nice-to-haves“ fehlen aus Kostengründen.

Die ausschließlich in Herzensbrecher-Rot lieferbare 1200er ist trotz mancher Ähnlichkeit und auch einiger Gleichteile mit dem Vormodell ein neues Motorrad: Neuer Motor, neuer Rahmen, neue Karosserie und neue Technik-Details prägen die dritte Multistrada-Generation. Keinerlei Unterschied gibt es beim DVT-Triebwerk (Ducati Variable Timing) mit der variablen Ventilsteuerung. Mehr Laufkultur und mehr Kraft dank geringerer Ventilüberschneidung bei niedrigen Drehzahlen, volle Power dagegen dank größerer Überschneidung von Ein- und Auslassventilen bei hohen Drehzahlen.

Sanft unterhalb von 4500 Touren

Unterhalb von etwa 4.500 Touren kennzeichnet eine bisher für unmöglich gehaltene Sanftheit diesen Ducati-V2. Er lässt es tatsächlich zu, mit Viertelgas und knapp 2.000/min. im dritten oder auch vierten Gang durch Ortschaften zu schleichen und danach bedacht zu beschleunigen. Die 11°-Motoren quittieren solches Verlangen mit Ruckeln und Kettenpeitschen. Vier unterschiedlich weiche bzw. aggressive Fahrmodi (Sport, Touring, Urban, Enduro) stehen zur Verfügung.

Mit 118 kW/160 PS hat der Motor um 10 PS und einige Newtonmeter zugelegt und ist damit so bärenstark, dass die Regelsysteme (Traktions- und neue Wheelie-Kontrolle) ihre Berechtigung haben. Die Drehfreudigkeit des V2 oberhalb von 4.500 Umdrehungen hat als Folge der variablen Ventilsteuerung nicht gelitten. Ein feines Triebwerk, das zudem laut Ducati acht Prozent weniger verbraucht als der bisherige Motor. Der Bordcomputer meldete beim Eintages-Test zwischen 5,8 und 6,4 Litern/100 Kilometer.

Tadelloses Fahrverhalten

Cockpit der Ducati Multistrada
Das Cockpit der Multistrada Ducati

Auch wenn die Basis-1200er ohne semiaktives Fahrwerk geliefert wird, so lässt sie sich tadellos fahren: Die voll einstellbaren Federelemente können auf den guten Straßen Lanzarotes durchaus überzeugen; natürlicherweise macht es mehr Mühe, die jeweils optimale Einstellung zu finden. Gewachsen ist das Talent der Multistrada, auch nicht asphaltierte Abschnitte freudvoll zu bewältigen: Die Bodenfreiheit ist um 2 Zentimeter größer, die Fahrzeugtaille um 4 Zentimeter schmäler geworden. Letzteres verhilft zu einer besseren Fahrzeugkontrolle beim Fahren im Stehen.
Lieferbar ist ein „Enduro Pack“; er besteht aus einem massiven Stahl-Schutzbügel, ein Alu-Kühlergitter, ein solider Aluminium-Motorunterschutz, LED-Zusatzscheinwerfer, Offroad-Fußrasten und ein verbreiterter Standfuß für den Seitenständer. Sie kosten zusammen exakt 1.063,19 Euro extra.

Für sich betrachtet ist das LCD-Display der Multistrada 1200 gelungen: Die Anzeigen für Tempo und Gangwahl sind bestens ablesbar, auch der gekrümmte Balken-Drehzahlmesser passt. Ungünstig erscheint, dass die Anzeigen der Fahrprogramme sehr klein und damit schwer zu unterscheiden sind. Insgesamt kann das Multifunktions-Instrument jedoch gefallen.

Sehr gelungen sind die neuen Schaltereinheiten am Lenker, die teilweise sogar hinterleuchtet sind, so dass ihre Bedienung bei Nacht leichter fällt. Die Tasten sind gut geformt, die Belegung folgt dem Prinzip „ein Knopf – eine Funktion“. Gut ist auch die Bedienlogik für die Funktionssteuerung der diversen Assistenzsysteme mittels der neuen Schaltereinheiten am linken Lenker-Satelliten. Hohen Bedienungskomfort verheißt auch das schlüssellose Startsystem; es genügt, den Transponder bei sich zu haben. Der Tankdeckel ist allerdings nicht integriert, kann aber gegen Zuzahlung ebenfalls schlüssellos bedient werden. Eine feine Sache ist die einhändig bedienbare Verstellung des Windschilds, das einen guten Schutz bereitstellt.

Einige Wünsche bleiben offen

Die Ducati Multistrada
Konkurrenz für die Multistrada kommt aus dem eigenen Haus Ducati

Das noch zur Vorserie zählende Testfahrzeug ließ allerdings in einigen Punkten noch Wünsche offen: So stellen sich oberhalb von etwa 6.500 U/min deutliche Vibrationen ein, die unziemlich auf des Fahrers Gesäß einwirken. Auf schnellen Etappen nervt das. Auch die Motorabstimmung kann noch nicht voll befriedigen, denn die Reaktionen auf das Drehen des Gasgriffs verlaufen etwas schleppend.

Wie gut die Multistrada 1200 im Verkauf auf Touren kommen wird, muss sich zeigen. Sie hat mehrere Konkurrenten – genannt seien vor allem die BMW R 1200 GS, die KTM 1190 Adventure und neuerdings auch die Aprilia Caponord 1200 Rally –, die ungefähr im selben Preissegment angesiedelt sind.

Am schwersten wird der 16.490 Euro kostenden Multistrada 1200 das Leben aber voraussichtlich die S-Version machen, deren Preis zwar um 2000 Euro höher liegt, die aber dem sehr hohen Technologie-Anspruch von Ducati dank semiaktiven Fahrwerks, feinster Bordelektronik samt farbiger TFT-Displays und anderer hübscher Details eben auch noch besser gerecht wird. Von Statusdenken freie Kunden erhalten mit der Basisversion ein Bike, das sich auf Grund seiner Eigenschaften am Markt nun nicht zu verstecken braucht. (SP-X)