«Formel E ist eine tolle Bühne für jeden Hersteller»

Audi-Pilot Lucas di Grassi

Lucas di Grassi im neuen Audi e-tron FE05. © Audi/Kunkel

Lucas di Grassi blickt zuversichtlich in die neue Formel E-Saison. Im Interview mit der Autogazette spricht der Audi-Pilot über das neue Reglement, den neuen e-tron FE05 und seine Ziele nach seiner Rennfahrerkarriere.

Die Formel E startet an diesem Samstag in Riad in ihre fünfte Saison. Erstmals wird die elektrische Rennserie mit den neuen Gen2-Fahrzeugen gestartet. Doch nicht nur das wird neu sein, wenn die Teams den Kampf um die Fahrer- und Teamwertung aufnehmen. Es gibt eine Vielzahl von Änderungen am Reglement. Dazu gehört auch, dass das Rennen nur noch 45 Minuten plus eine Runde dauert.


Neue Regeln machen Rennausgang unberechenbar

„Diese neue Regel ist eine echte Herausforderung für die Strategen der Teams, denn sie macht den Rennausgang unberechenbar“, sagte Lucas di Grassi im Interview mit der Autogazette.

Wie der Brasilianer sagte, der für das Team Audi Sport Abt Schaeffler startet, werde diese gerade in der Schlussphase des Rennens zu so mancher Positionsänderung führen.

Autogazette: Zu den Neuerungen der Formel E gehört, dass zukünftig nicht mehr eine bestimmte Anzahl von Runden gefahren wird, sondern nur noch 45 Minuten plus eine Runde. Ändert sich dadurch etwas an Ihrer Strategie?

Lucas di Grassi: Diese neue Regel ist eine echte Herausforderung für die Strategen der Teams, denn sie macht den Rennausgang unberechenbar. Ich glaube, wir werden in dieser Saison besonders in der Schlussphase noch so manche Positionsveränderung und Überraschung sehen.

Autogazette: Gibt es irgendetwas an den neuen Regeln, was Sie besonders stört?

di Grassi: Die Regeln sind für alle gleich und bieten jede Menge Spielmöglichkeiten, deshalb gibt es keinen Grund zu klagen. In dem engen Rennformat der Formel E geht es darum, wer sie im „Heat of the Moment“ am besten und effektivsten einsetzt.

„95 Prozent des Antriebsstranges sind neu“

Der neue Audi e-tron FE05 von Lucas di Grassi. Foto: Audi/Kunkel

Autogazette: Audi geht mit dem e-tron FE05 wie alle anderen Teams mit einem komplett neuen Auto in die fünfte Saison. Haben Sie nach den Testfahrten in Valencia den Eindruck, über ein besseres Fahrzeug als zuvor zu verfügen?

di Grassi: Ja, auf jeden Fall. Der e-tron FE05 ist definitiv in allen Belangen ein Schritt vorwärts. Die Entwicklung des Autos, mit dem wir jetzt unterwegs sind, hat ja schon im vergangenen Jahr begonnen. Die Ingenieure bei Audi und bei unserem Partner Schaeffler haben seitdem jedes Detail auf den Prüfstand gestellt. 95 Prozent aller Teile unseres Antriebsstrangs sind neu, dabei wurden zehn Prozent Gewicht eingespart. Ziemlich guter Job, oder?

Autogazette: In der zurückliegenden Saison konnten Sie mit dem Team den Titel gewinnen und wurden in der Einzelwertung Zweiter. Mit welchen Zielen starten Sie in die neue Saison?

di Grassi: Ich war einmal Dritter, zweimal Zweiter und einmal Champion in den vergangenen vier Jahren. Zuletzt haben wir außerdem die Teamwertung gewonnen. Schon deshalb ist es unser Anspruch, wieder um Siege und den Titel zu fahren. Das ist übrigens immer so, wenn Audi – in welcher Disziplin auch immer – Motorsport betreibt.

Autogazette: Wer wie Sie schon einmal wie im Jahr 2017 die Meisterschaft in der Einzelwertung gewonnen hat, will einen solchen Erfolg wiederholen. Sind die Aussichten mit dem neuen Auto besser als im Vorjahr?

di Grassi: Die Karten werden in der neuen Saison komplett neu gemischt, und die Formel E wird noch unberechenbarer als jemals zuvor. Das ist eine tolle Sache für alle Fans und Medien, die ein spannendes Jahr erleben werden. Wir haben uns vor der Saison konzentriert, akribisch und optimal vorbereitet – jetzt werden wir im Laufe der nächsten Rennen sehen, was das im Vergleich zur Konkurrenz wert ist.

„Ich werde meine Karriere in der Formel E beenden“

Daniel Abt (l.) und Lucas di Grassi freuen sich über den Titel in der Teamwertung. Foto: Audi/Kunkel

Autogazette: Welche Fahrer gehören für Sie in dieser Saison zu den ganz heißen Favoriten auf den Titel?

di Grassi: In den vergangenen Jahren hat sich der Titelkampf recht schnell um zwei oder drei Fahrer gedreht. Ich glaube, dass diese Saison mehr Fahrer vorn dabei sein werden. Es würde mich wundern, wenn irgendeine Titelentscheidung schon vor dem letzten Rennen am Sonntag in New York fallen würde.

Autogazette: Sie haben derzeit noch einen Zweijahresvertrag als Werksfahrer bei Audi. Wie lange haben Sie vor, noch Rennen zu fahren?

di Grassi: Die abgelaufene Formel-E-Saison war vielleicht die bisher beste in meiner Karriere. Wie lange ich noch fahren möchte, kann ich jetzt nicht sagen. Aber ich werde meine Karriere ganz sicher in der Formel E beenden und nicht mehr in eine andere Serie wechseln.

Autogazette: Neben Ihrer Rennfahrerkarriere entwickeln Sie in Brasilien bereits E-Bikes und sind zudem Geschäftsführer von Roborace, einem Unternehmen, dass das autonome Fahren vorantreiben will. Was reizt Sie am autonomen Fahren?

di Grassi: Die Zukunft der Mobilität ist autonom: In Zukunft werden immer weniger Menschen selbst Auto fahren. Carsharing oder pilotiertes Fahren – die Gesellschaft wird nicht mehr dieselbe Affinität zum Auto haben wie heutzutage. Dadurch wird sich auch das Verhältnis zum Motorsport verändern.“

Autogazette: Ist die Technik der bessere Fahrer?

di Grassi: Das ist bereits jetzt der Fall: Aktuell kann das Robocar einen durchschnittlichen Fahrer problemlos schlagen. Die Herausforderung ist noch, besser als ein Profi-Rennfahrer zu sein. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Roborace wird niemals den Motorsport ersetzen. Aber auch der Motorsport braucht einen Bereich, um die Technologie für autonomes Fahren, Vernetzung und Elektroantrieb zu entwickeln.

Autogazette: Sie haben zusammen mit Formel E-Chef Alejandro Agag die Rennserie mitgestaltet, sind Gründungsmitglied. Können Sie sich vorstellen, dass Sie irgendwann auch in die Fußstapfen von Herrn Agag als Formel E-Chef treten?

di Grassi: Ich finde, dass Alejandro und sein ganzes Team von der ersten Minute an und mit allen Herausforderungen einen exzellenten Job machen. Ich bin schon seit der Zeit vor der Gründung mit dabei und tue alles, um die Serie mit meiner Erfahrung und meinen Ideen nach vorn zu bringen. Damit, mit meiner Rolle als Audi-Werksfahrer und meinen anderen Aktivitäten bin ich sehr zufrieden.

„Die Formel E hat ein perfektes Timing erwischt“

Lucas di Grassi
Lucas di Grassi freut sich über seinen zweiten Platz in Rom. Foto: Audi/Kunkel

Autogazette: Immer mehr Autobauer drängen in die Formel E. Audi ist von Anfang an dabei, BMW nun auch und Porsche und Mercedes folgen. Was macht die Rennserie für die Autobauer so interessant?

di Grassi: Es ist keine Frage, ob die automobile Zukunft elektrisch ist, sondern nur wann. Die Formel E ist eine tolle Bühne für jeden Hersteller und Partner, seine Kompetenz auf diesem Gebiet unter Beweis zu stellen. Keine Frage: Die Formel E hat im Zusammenhang dessen, was gerade in der Welt passiert, ein perfektes Timing erwischt.

Autogazette: Können Sie sich mit Ihrer Erfahrung vorstellen, auch irgendwann einmal an der Spitze des Weltverbandes FIA zu stehen?

di Grassi: (lacht) Jean Todt hat mich bei einem gemeinsamen Termin schon mal halb scherzhaft mit „Ah, da ist ja mein Nachfolger“ begrüßt. Ich habe schon immer meine Meinung zu aktuellen Motorsportthemen gesagt, besonders, wenn es um die Verbesserung der Sicherheit für uns Fahrer geht. Also: Ja, das könnte ich mir grundsätzlich vorstellen.

Autogazette: Die Formel 1 gilt nach wie vor als Königsklasse des Motorsports. Wird Sie das auch noch in zehn Jahren sein oder wird ihr dieser Status von der Formel E streitig gemacht worden sein?

di Grassi: Die Formel 1 gibt es seit fast 70 Jahren, die Formel E ist mit vier dagegen noch wie ein Start-up. Bis jetzt entwickelt sie sich prächtig, aber sie hat auch noch einige Herausforderungen vor sich. Ich sehe Formel 1 und Formel E übrigens auch nicht im Konkurrenzkampf – es sind einfach zwei Disziplinen einer großartigen Sportart.

Das Interview mit Lucas di Grassi führte Frank Mertens