10. März 2010

Fahrbericht Audi R8 5.2 Spyder Offener Traum

Der Audi R8 5.2 Spyder
Der Audi R8 5.2 Spyder © Foto: Audi

Mit dem R8 Coupe hat Audi bereits eine äußerst attraktive Alternative zu Porsche und Co. geschaffen. Das Vergnügen ist nun auch offen zu genießen. Für die meisten bleibt der Spyder leider ein unerreichbarer Traum.




Von Thomas Flehmer

Wow, es schallt es aus den Endrohren, dass die Freude einen gar nicht mehr verlassen will. Vergesst Porsche, hier kommt die Konzernschwester, die ihren Ursprung als Coupe bereits feierte als das Sportunternehmen aus Zuffenhausen die Übernahme von VW noch gar nicht auf der Agenda hatte. Mittlerweile sind Audi und Porsche in den höheren Segmenten als Konzernschwestern auf Augenhöhe, bieten aber in dem Hochpreissegment abseitig der 150.000 Euro verschiedene Fahrzeuge an, wobei der A8 Spyder aufgrund seiner neuen Präsenz sich doch sehr abhebt von den Sportmodellen aus der schwäbischen Metropole.


Wochenendausflug genau planen

Während der 911 Turbo Cabrio mit seinen 500 PS rund daher kommt, hat der Spyder verteilt auf 4,44 Metern und 2, 60 Meter Radstand das Aussehen einer Flunder. Flach und teilweise am Heck protzig nähert sich der laut der Konzernspitze “schönste Audi aller Zeiten” eher den italienischen Potenzpotzern an, um sie gleich zu übertrumpfen. Denn die Verarbeitung im Innenraum ist absolute Spitzenklasse. Rote Nähte umranden die Lederverkleidung,die Sportsitze sind für Schlank und Vollschlanke gleichermaßen sitzbar, die Instrumente übersichtlich ohne zu überborden.

Die Sportsitze passen sich der jeweiligen Figur an. Ein wenig Purismus kommt auf, da die optional bestellbaren Schalen nicht elektronisch verstellbar sind. Will man Komfort genießen, muss man auf die Serienausstattung zurückgreifen, was für einen echten sportlichen Fahrer unter Niveau ist. Die an Komfort gewöhnte Klientel muss dagegen auf gar nichts, aber auch wirklich nichts verzichten - außer natürlich Platz. Zwar haben Fahrer und Beifahrer denselbigen in Hülle und Fülle, doch für die mitgebrachten Sachen wird es eng. Das Heck besetzt der 5,2 Liter große Mittelmotor, vorne können gerade mal 100 Liter verstaut werden, das entspricht in etwa zwei größeren Umhängetaschen. Der Wochenendurlaub muss also wohl geplant sein, damit er nicht von vornherein am Gepäck scheitert.

Wohlklingende Symphonie

Doch die Platzprobleme sind in dem Moment vergessen, in dem die 525 PS von der Leine gelassen werden. Die Instrumentennadeln schwingen beim Starten bis zum Anschlag, ein sanftes Röhren kündigt die bald folgende Symphonie an. Denn ein Wohlklang ist das Stakkato des Zehnzylinders allemal - nicht zu prollig, nicht zu laut, sondern genau proportioniert. Die Anlage von Bang und Olufsen bleibt ausgeschaltet, dafür wird das Heckfenster heruntergelassen, damit das Blubbern beim Gaswegnehmen auch wirklich in den Innenraum eindringen kann, soweit man das Dach geschlossen lässt.

Innerhalb von 19 Sekunden und bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h kann das lediglich 42 Kilogramm schwere Softtop aber geöffnet werden. Sonne ist nicht von Nöten, da der Innenraum auch offen recht gut geschützt ist und die Sitze ja auch erwärmt werden können. Nur wenige sollen laut Audi in diesem Segment des Fön in der Kopfstütze vermissen, den es beim Mercedes SLK und dem Peugeot 308 gibt.. Doch die Konstruktion der Sportsitze verhindert mehr oder weniger einen Einbau.

Dritter Gang für alle Situationen

Aber auch das tritt angesichts der geballten Kraft in den Hintergrund. Die 530 Newtonmeter Drehmoment sorgen schnell für Vortrieb. Ebenso schnell stellt sich die Sucht ein, das Gaspedal herunterzudrücken. Zum einen wird man angesichts eines Spurtvermögens von 4,1 Sekunden bis zur 100 km/h-Marke regelrecht in die Sitze gedrückt, zum anderen verlangt das Ohr so sehr nach dem grandiosen Sound, dass man selbst im Leerlauf Gas gibt. Hört sich prollig an, ist es vielleicht auch, aber es muss sein.

Viel mehr Freude bereitet der Sound natürlich im eingelegten Gang, wobei dem Schaltgetriebe der Vorzug gegenüber der in keinster Weise enttäuschenden R-Tronic, für die sich immerhin rund 80 Prozent der Käufer entscheiden, gegeben werden sollte. Doch das Einlegen der Gänge in der wunderschönen Schaltbox macht den Supersportler noch sportlicher und scheinbar noch kräftiger. Und viel Schalten braucht man eigentlich nicht, der dritte Gang bietet sich für die Kurven der Landstraße ebenso an wie für den Stadtverkehr. Doch die eigentliche Bestimmung erfährt der Spyder beim Speed. Mehr noch als ein Brett liegt der R8 auch dank seines langen Radstandes auf der Straße. Die Kurven können gemeistert werden, als ob sie gar nicht existieren. Die Lenkung ist so direkt, das Zusammenspiel mit dem Fahrwerk so optimal, dass der Supersportler seine Linie selbst bei hohem Kurventempo nicht verlässt. Ein Genuss!

Gurtmikrofon als Freisprechanlage

Während bei anderen Mitbewerbern der Vorwärtsdrang bei 250 km/h elektronisch eingedämmt wird, hält der offene Traumwagen bis 313 km/h durch. Dass dann viel mehr als die angegebenen 14,9 Liter Superplus auf 100 Kilometern durch die Schläuche rauschen, überrascht nicht. Doch wer 156.400 Euro - und somit rund 12.000 Euro mehr als das Coupe - investieren kann, den interessieren die Benzinpreisschwankungen an den Zapfsäulen nur peripher. Unverständlich aber, wieso in diesem Hochpreisbereich der Tempomat nicht gleich mit verbaut wurde, sondern 200 Euro Aufpreis kostet. Überhaupt lässt sich übrig gebliebenes Geld weiter anlegen. Völlig neu im Angebot ist das Gurtmikrofon, das als Freisprechanlage fungiert. Angesichts der kurzen Testzeit und des Fahrvergnügens trat dieser Teil in den Hintergrund. Aber auch das Einparksysttem, sowie Bluetooth-Einrichtung und Fernlichtassistent stehen zur Auswahl. Von diversen Spoilern und Felgen ganz zu schweigen.

Wer nicht so viel Geld übrig hat, muss sich gedulden, bis der 4,2 Liter große Achtzylinder kommt. Der wird bei rund 122.000 Euro beginnen. Aber auch diese Variante wird für die meisten ein unerfüllter offener Traum bleiben.






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