Müller soll bei VW für neue Kultur sorgen

Personelle Entscheidungen

Matthias Müller (l.) an der Seite von Berthold Huber.
Matthias Müller (l.) an der Seite von Berthold Huber. © dpa

Es war der Tag der Entscheidungen bei Volkswagen. Mit Matthias Müller hat Europas größter Autobauer nicht nur einen neuen Vorstandschef, sondern hat auch andere entscheidende Vorstandsposten neu besetzt.

Volkswagen hat mit Porsche-Chef Matthias Müller einen neuen Konzernchef. Seinen Vorgänger Martin Winterkorn hatte der Abgas-Skandal innerhalb weniger Tage aus dem Amt gefegt. Noch immer sind die Folgen, die das Diesel-Desaster für Europas größten Autobauer haben wird, nicht absehbar. Fest steht: Auf Müller wartet eine riesige Herausforderung, denn schon in normalen Zeiten ist ein Konzern wie Volkswagen mit seinen Baustellen und weltweit rund 600.000 Mitarbeitern schwer zu führen. Wie geht es nun weiter im Zwölf-Marken-Imperium?

Weichen auf Neuanfang gestellt

In Wolfsburg tagte der Aufsichtsrat der Volkswagen AG. 20 Mitglieder hat das Gremium - und jene 20 mussten die Weichen für den Neuanfang an der Spitze stellen. Zudem trafen die Aufseher auch noch eine Reihe anderer Personalentscheidungen. Die Sitzung zog sich, denn es standen für die turnusmäßige Sitzung auch ohne Abgas-Skandal gewichtige Themen an - darunter die Entscheidung über die noch von Winterkorn entworfene neue Struktur für den Riesenkonzern, mit der VW schneller und vor allem besser werden will.

Wie zuvor erwartet hat der derzeitige Chef von Porsche, Matthias Müller, das Rennen gemacht. Der seit Juli als VW-Markenchef amtierende Ex-BMW-Vorstand Herbert Diess hatte zuletzt wohl nur Außenseiterchancen. Für Müller sprach, dass er den Konzern gut kennt und als erfahrener Automanager gilt - und auch Rückhalt im Management hat.

Am Ende gab es weniger Personalentscheidungen als Beobachter zuvor vermutet hatten. Im VW-Konzernvorstand verlor Vertriebschef Christian Klingler seinen Job - wegen «unterschiedlicher Auffassungen» über die Strategie. Das aber habe nichts mit dem Abgas-Skandal zu tun, sondern sei bereits länger geplant gewesen. Müller übernimmt Klinglers Aufgaben zunächst mit. Klinglers Posten im Vorstand der Kernmarke VW übernimmt der bisherige Chef der spanischen Tochter Seat, Jürgen Stackmann. Neuer Chef bei Seat wird Luca de Meo, bisher Vertriebschef bei Audi. Das bisher ohnehin nur kommissarisch besetzte Produktionsressort im Konzernvorstand wird komplett gestrichen.

Vahland verantwortet US-Geschäft

Das durch den Abgas-Skandal besonders gebeutelte Geschäft in Nordamerika verantwortet künftig der bisherige Skoda-Chef Winfried Vahland. Er führt die neu gegründete Marktregion Nordamerika. Nachfolger Vahlands bei Skoda soll der bisherige Vertriebschef von Porsche, Bernhard Maier, werden.

Die Liste ist lang. Doch zunächst muss die größte Aufmerksamkeit wohl dem Abgas-Skandal gelten. Der kann sich angesichts drohender Milliardenstrafen, unabsehbar vieler Klagen und Prozesse oder Kosten für die Nach- und Umrüstaktionen der betroffenen Fahrzeuge rasch zu einer wirklich bedrohlichen Mischung entwickeln. Daneben warten weitere Probleme: Die neue Struktur muss mit Leben gefüllt werden, VW muss etwa in China und anderen wichtigen Schwellenländern Antworten auf die schlechte Wirtschaftslage dort finden. Dazu kommen die Digitalisierung und neue Rivalen aus der IT-Branche oder der schleppende Ausbau der Elektromobilität.

«Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden», fordert Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der mächtige Arbeitnehmervertreter spielt damit auf ein Thema an, dass VW schon länger beschäftigt: Es herrscht ein straffer Führungsstil, manche Manager sprechen gar von einem Klima der Angst. Schon früher gab es Berichte über Techniker, die weinend aus Produktabnahme-Gesprächen kamen. Osterloh sagt es so: «Wir brauchen eine Kultur, in der man mit seinem Vorgesetzten um den besten Weg streiten kann und darf. Wir brauchen eine Kultur, in der alle Abteilungen zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen.»

Aufklärung gefragt

Müller muss die Affäre aufklären, aufarbeiten und vor allem versuchen, den Schaden möglichst zu begrenzen. Und aufgeklärt ist längst nicht alles. Noch immer ist nicht völlig klar, wie viele Autos überhaupt betroffen sind, was alles und wo manipuliert wurde. Noch weniger absehbar ist, was juristisch auf den Konzern und seine Manager zukommt. VW selbst hat Strafanzeigen angekündigt, in etlichen Ländern ermittlen Staatsanwälte, es gibt Prüfungen - von teuren Zivilklagen ganz zu schweigen. Auch welche Strafe VW letztlich in den USA wird zahlen müssen, ist noch offen. Schlimmstenfalls könnte sich aber allein dieser Posten auf bis zu 18 Milliarden Dollar summieren.

In Bedrängnis gerät der deutsche Vorzeigekonzern auch von dieser Seite. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat eine Untersuchungskommission nach Wolfsburg geschickt, die Grünen fordern noch weitergehende Tests auch bei anderen Autoherstellern. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte die Manipulationen in den USA «völlig inakzeptabel», auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangte eine rasche und vollständige Aufklärung. Es gibt aber auch Vorwürfe an die Politik, von den Schummeleien bei Abgaswerten schon jahrelang gewusst zu haben. (dpa)

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.