«Ich bin drin. Das ist ja einfach»

Daimler baut Internetnutzung im Auto aus

Eine Facebook-App im Command Online-System eines Mercedes. © Daimler

Der Autobauer Daimler will das Auto zu einer mobilen Kommunikationszentrale machen. Fahrer eines Mercedes sollen jederzeit Zugriff zum Internet und mobilen Diensten wie Facebook haben.

Von Frank Mertens

„Ich bin drin!“ Was waren das für Zeiten, als man sich Ende der 90er Jahre mit Boris Becker in seinem Werbespot für AOL gefreut hat, dass auch er es geschafft hat, online zu gehen. Doch was damals noch eine Randerscheinung war, ist längst zu einem Massenphänomen geworden: das Internet bestimmt unseren Alltag – nicht nur im Beruf.

Fast überall ist man mittlerweile online – selten indes im Auto. Doch das soll sich ändern. Mercedes will das Auto sogar zu einer „mobilen Kommunikationszentrale“ machen, wie Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber bei einem Telematik-Workshop des Unternehmens in Stuttgart sagte. Jederzeit solle der Fahrer eines Mercedes Zugang zu allen modernen Medien und Diensten haben.

Mercedes bietet Vielzahl von Apps an

Doch muss man unbedingt auch im Auto ins Internet gehen? Kann nicht wenigsten das Auto das letzte Refugium sein, in dem man nicht sein Facebook-Profil aufruft, wie es mittlerweile 800 Millionen Nutzer weltweit an ihren Computern oder Smartphones tun? Offensichtlich nicht. Natürlich weiß man auch in Stuttgart um derartige Vorbehalte. „Internet im Auto ist komplett überflüssig und bringt keinen Mehrwert.“ Diesen Satz höre man natürlich hin und wieder, sagt Peter Häußermann, der bei Daimler den Bereich Telematik leitet. Doch wer sich die Entwicklung des Infotainments im Auto der letzten Jahrzehnte anschaue, dem seien solche Sätze bekannt.

Auch beim ersten Autoradio in einem Mercedes hätten Technologie-Skeptiker vor rund 60 Jahren ähnliches gesagt. Die Realität hat sie eingeholt. „Heute rollt kaum mehr ein Neufahrzeug bei Mercedes ohne ein Infotainment- oder Navigationssystem vom Band“, sagt Häußermann. So soll es auch beim Internet im Auto sein.

Mit Comand Online über Facebook mit Freunden kommunizieren Daimler

Bereits seit diesem Jahr können Mercedes-Kunden mit dem Multimediasystem Comand Online in einem SLK und der C-Klasse ins Internet gehen, ab November folgt dann mit dem Marktstart der neuen B-Klasse der nächste Schritt. Dann können die Nutzer auch eine Vielzahl von Apps nutzen. Dazu gehört neben Google Street View auch Facebook. Mittelfristig folgen über ein Dutzend weiterer Apps, die im Silicon Valley von dem Team um Johann Jungwirth zusammen mit Partnern entwickelt werden. Dazu gehören beispielsweise Apps für Twitter oder Musikanbietern wie Pandora in den USA oder Aupeo in Deutschland.

Ladezustand des Elektro-Smarts mit App anzeigen

Eine App zeigt den Ladezustand des Elektro-Smart Daimler

Das sind Nettigkeiten, die vor allem der Unterhaltung dienen, aber nicht nur. Denn so bietet bereits heute eine iPhone App für den Elektro-Smart neben dem Abruf eines Internetradios auch die Option, sich durch die Vernetzung mit dem Fahrzeug sich den Ladezustand des Fahrzeuges anzeigen zu lassen – dies natürlich beispielsweise auch von seiner Wohnung aus. Wie man auf Apps für das iPhone setzt, setzt man auch auf Apps für Android. Solche Apps kommen beispielsweise auch im Mercedes SLS zum Einsatz, wo sich der Fahrer beispielsweise über eine App seine Rundenzeiten, seine Beschleunigung oder auch Querbeschleunigung auf dem Nürburgring oder irgendeiner anderen Rennstrecke anzeigen lassen kann.

Aber der Ansatz von Daimler mit seinem komplett Cloud-basiertem Multimediakonzept „@yourComand“ geht weiter. Dem Konzern geht es um eine lückenlose Vernetzung von mobilen Diensten und dem Fahrzeug. „Der nächste Entwicklungsschritt ist die Car-to-Car-Kommunikation“, betont Jungwirth. Und hier geht es schlicht um die Vision des unfallfreien Fahrens. „Dass, was wir derzeit vorstellen, ist der erste Schritt dorthin.“ Und der Weg zur Car-to-Car-Kommunikation ist so weit nicht, wie Jungwirth sagt. Die Kommunikation unter den Fahrzeugen sei technisch sicherlich schon in fünf Jahren darstellbar.

Wichtig sei am Ende, dass es eine ausreichende Masse an Fahrzeugen gibt, die dann miteinander kommunizieren können. An dieser Car-to-Car-Kommunikation arbeitet Daimler, wie Mitbewerber wie beispielsweise BMW oder Audi, mit Nachdruck. Ab dem kommenden Jahr schickt Daimler bereits 120 Fahrzeuge im Rhein-Main-Gebiet an den Start, die neben der Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation auch den Informationsaustausch zwischen dem Auto und der Verkehrsinfrastruktur testen sollen.

Route über Google Maps erstellen

Johann Jungwirth zeigt an einem überdimensionierten iPhone die Smart-App Daimler

Doch im Hier und Jetzt geht es zunächst um die möglichst einfache Nutzung des Internets mit allen seinen Möglichkeiten – und bereits die bieten dem Nutzer einen Mehrwert. Das fängt beispielsweise damit an, dass man sich vor Fahrtantritt über Google Maps eine persönliche Route auswählen kann, die man dann in sein Navigationsgerät einspielt.

Oder man lässt sich, wie beispielsweise in den USA möglich, Verkehrs-Videos direkt ins Auto einspielen. Die Nutzung des Internets soll dabei Kinderleicht von statten gehen. So reicht es aus, sein Smartphone über eine Schnittstelle mit dem Fahrzeug zu verbinden, schon werden die Inhalte auf dem Telefon auf dem Display im Fahrzeug angezeigt.

Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn allein in Deutschland gibt es derzeit 1900 verschiedene Handymodelle mit unterschiedlichen Schnittstellen und Betriebssystemen, wie Bharat Balasubramanian sagt, der bei Daimler die Produktinnovation verantwortet. Deshalb seien heute beispielsweise für eine Bluetooth-Verbindung mindestens drei, teilweise mehr Aktionen nötig, um die Geräte miteinander kommunizieren zu lassen.

Doch das soll bereits 2013 besser werden, denn dann führt Daimler in seinen Fahrzeugen den internationalen Funkübertragungsstandard Near Fied Communication (NFC) ein. Hier wird es dann reichen, ein NFC-fähiges Handy gegen eine Kontaktfläche zu halten, damit es sich automatisch ohne Eingabe von Passwörtern mit dem Fahrzeugsystem „paart“ und dem Nutzer alle Optionen des Internets bietet. Sie sollen dann am Ende wie Boris Becker in dem Werbespot überrascht feststellen: „Ich bin drin. Das ist ja einfach.“