VW Grand California 600: Reisen ohne Kompromisse

Nach 30 Jahren bekommt der VW California endlich einen großen Bruder. © VW

Es hat lange gedauert, doch jetzt ist es soweit: Mit dem neuen VW Crafter Grand California 600 bringt die Nutzfahrzeugsparte von VW ein vollwertiges Reisemobil auf den Markt.

Der normale California verkaufte sich stets gut, doch fehlten ihm die Eigenschaften eines richtigen Campingmobils. Mit Nasszelle, Toilette und deutlich mehr Platzangebot zieht sein großer Bruder jetzt nach.


Rund ein Vierteljahrhundert nachdem der letzte LT-Ausbau Florida vom Band rollte, kommt nun erstmals wieder ein vergleichbar dimensioniertes Fahrzeug der Wolfsburger. Diesmal auf Basis des Crafters. Unsere Erfahrungen nach einer ausführlichen Testtour mit dem Grand California 600 waren gemischt.

Hingucker auf dem Campingplatz

Für einen ausgiebigen Test auf der Nordseeinsel Pellworm stand uns mit dem 600er die kompaktere und preisgünstigere (ab 57.775 Euro) von zwei Ausbauvarianten zur Verfügung. Im Gegensatz zum Typ 680 muss sie mit einem Doppel-Querbett auskommen. Sie ist als Sechs-Meter-Camper aber auch 80 Zentimeter kürzer und handlicher. 

An Familien mit Kleinkindern wurde nicht nur bei den Isofix-Halterungen in der Sitzbank gedacht, sondern auch mit einem optionalen Kinderbett im vorderen Hochdachteil

Der Grand California 600 fällt auf jedem Stellplatz sofort auf. Denn der drei Meter hohe Reisemobil-Riese ist verglichen mit einer Vielzahl seiner Wettbewerber im Kastenwagen-Segment beheimatet. Der Grand California fällt mit seinem Außendesign und seinem  markanten Hochdach sowie einer hellen Wagenlackierung auf. Sie kann optional auch mit einer zweiten Farbe kombiniert werden. Der Innenraum ist ganz in Weiß möbliert und das ist alternativlos. 

Dies scheint den Zeitgeschmack zu treffen. Den meisten Neugierigen, die auf den Stellplätzen einen Blick ins Innere werfen durften, gefiel das taghelle, frische Ambiente mit der durchgängig großzügigen Stehhöhe von über zwei Metern ebenso gut wie uns bei der ersten Begehung.

Antriebskonzept ermöglicht entspanntes Reisen

Lob verdient sich der VW Crafter als Basisfahrzeug. Er wird ausschließlich als 2,0-Liter-Diesel mit 177 PS und einer 8-Gang-Wandlerautomatik angeboten. Das Triebwerk ist durchzugsstark und so leise, wie man es hinter dem Steuer eines vollwertigen Wohnmobils sonst nicht gewohnt ist. 

Der serienmäßige Seitenwindassistent hat bestenfalls bei starken Böen etwas zu kämpfen. Ansonsten hält der Grand California trotz seiner Höhe unbeirrt seine Spur und erweist sich mit einem Testverbrauch von 10,2 Liter auf 100 Kilometer auch bei voller Beladung bis zu 3,5 Tonnen als äußerst genügsam. Das die Euro-6d-Temp-Norm erfüllende Reisemobil reinigt die Abgase mit SCR-Technik und Adblue-Einspritzung.

Raumaufteilung mit durchdachten Features

Der Küchenblock befindet sich auf der Beifahrerseite vor der großen Schiebetür. Foto: VW

Die Raumaufteilung folgt weitgehend dem klassischen Muster. Die Sitzgruppe besteht aus den beiden drehbaren Frontsesseln, einer Zweier-Sitzbank und einem großen Tisch, der seitlich in einer Schiene eingehängt wird, während der Fahrt aber hinten festgezurrt auf dem Bett ruht. Die Vordersitze lassen sich nur bei geöffneten Fronttüren leicht drehen, scheuern andernfalls an der Türinnenverkleidung.

An Familien mit Kleinkindern wurde nicht nur bei den Isofix-Halterungen in der Sitzbank gedacht, sondern auch mit einem optionalen Kinderbett im vorderen Hochdachteil. Es lässt sich bis zu einer Länge von 1,70 Metern über die Sitzgruppe ausziehen und kostet inklusive Aufstiegsleiter und Panoramadach satte 3000 Euro extra. Leider sind dann keine Dachstauschränke über der Essecke mehr möglich, sondern lediglich zwei Mini-Ablagefächer.

Der Küchenblock befindet sich auf der Beifahrerseite vor der großen Schiebetür. Eine kluge Detaillösung ist sicher der 70-Liter-Kühlschrank, der seitlich am Küchenblock über einen Auszug geöffnet wird und so gut von innen und von außen zugänglich ist. Dafür sind die Schubladen für Küchenutensilien extrem klein. Große Teller, Pfannen und Töpfe müssen woanders Platz finden. Die Küchenzeile mit Zwei-Flammen-Kocher und Spüle kann an beiden Seiten mit ausklappbaren Brettern verlängert werden, was eine üppige Arbeitsfläche zur Verfügung stellt. 

Vereinzelte Mängel auf die man gut verzichten könnte

Konzeptionell sind die Oberschränke sehr überzeugend. Foto: VW

Die Spüle bereitete uns allerdings eine unangenehme Überraschung. Nach dem ersten Geschirrspülen landete das ablaufende Spülwasser nämlich nicht im Abwassertank, sondern ergoss sich in den Innenraum über dem glücklicher Weise pflegeleichten Schiffsdielenboden. Nach intensiver Fehlersuche stellte sich heraus, dass das Abflussrohr der Spüle nicht im Eckgelenk zur Abwassertank-Leitung steckte, sondern irgendwo im Nirgendwo hinterm Küchenblock endete.

Ein Montagefehler, der bei einem mit viel Handarbeit erstellten Produkt immer mal vorkommen kann. Mit etwas handwerklichem Geschick war er letztlich schnell behoben. Hoffentlich ein Einzelfall. In puncto Verarbeitungsqualität ist man von Volkswagen anderes gewohnt. 

Doppelbett bietet ausreichend Platz

Auf dem hinten quer eingebauten Doppelbett mit bequemer Matratze auf Tellerfedern können zwei Personen schlummern, wenn sie denn erst mal die gut ein Meter hohe Schlafstätte erklommen haben. Unbequem kann es lediglich für Zeitgenossen mit Basketballermaßen werden. Da der Crafter mit 2,04 Metern Breite verhältnismäßig schmal gebaut ist, waren rechts und links Karosserie Verbreiterungen in Betthöhe notwendig, um wenigstens ein Kojenmaß von 1,95 x 1,40 Meter zu ermöglichen. 

Größere Gepäckstücke finden ohnehin nur unter dem Doppelbett Platz. Während die beiden Unterschränke auf der Beifahrerseite mit den Tanks (Frischwasser 110 Liter, Abwasser 90 Liter) und den beiden 11-kg-Gasflaschen belegt sind, können die großen Staufächer auf der Fahrerseite für sperrige Utensilien genutzt werden. Fahrräder oder Surfbretter lassen im Mittelgang unterbringen, sofern das Doppelbett seitlich hochgeklappt wird. Die Gemütlichkeit ist dann freilich weitgehend dahin. Ansatzweise vom kleineren California-Bruder übernommen ist die platzsparende Idee, zwei Campingstühle samt Außentisch in den beiden Hecktüren unterzubringen. Der Aufpreis von gut 500 Euro dafür ist allerdings recht happig.

Campingplatz-Toiletten gehören Vergangenheit an 

Der Grand California 600 fällt auf jedem Stellplatz sofort auf. Foto: VW

Wesentliches Differenzierungsmerkmal zum T6-California ist das vollwertige Bad – natürlich ganz in Weiß – mit klug durchdachtem Konzept. Regale, ein Unterschrank und ein Oberschrank mit schwenkbarem Spiegel nehmen alle notwendigen Bad- und Toilettenartikel auf. Der Clou ist das klappbare Waschbecken, das genügend Platz zum Duschen schafft. Und zwei Abflüsse sorgen dafür, dass das Wasser auch bei leicht schrägem Stand immer abläuft. Einen Duschvorhang sucht man allerdings ebenso vergebens wie einen Lichtschalter. 

Praktische Details wie eine Außenbeleuchtung über der Schiebetür, eine Außendusche (mit einstellbarer Wassertemperatur) im Heckbereich, eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an der Schiebetür, Moskitonetze in der Schiebetür und an den ausstellbaren Camper-Fenstern lernt man zu schätzen. Weniger durchdacht scheinen die Magnetgardinen die den Camper bei Nacht verdunkeln sollen.

Etliche Assistenzsysteme, Markise, Dachklimaanlage, Solaranlage, SAT-Schüssel, WLAN-Hotspot und, und, und – das alles sind Positionen einer langen Aufpreisliste, die den zunächst noch recht günstig klingenden Basispreis von 57.775 Euro in die Höhe treiben. Mit unserem Testwagen war bei knapp unter 80.000 Euro noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Denn weitere Extras bedeuten auch mehr Gewicht. Bei uns betrug die Zuladekapazität gerade noch rund 400 Kilogramm. Bei noch mehr Sonderausstattung kommt man um eine Auflastung auf 3,88 Tonnen kaum herum – und welche Nachteile damit verbunden sind, wissen nicht nur Pkw-Führerscheininhaber, die ihre Fahrerlaubnis nach 1999 gemacht haben. (SP-X)

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