Bristol Brigand: Ein Pionier mit Schrulligkeiten

Bristol Brigand: Ein Pionier mit Schrulligkeiten
Der Bristol Brigand wurde nur in geringen Stückzahlen gebaut. © SP-X

Bristol Brigand? Kennen Sie nicht? Gut möglich, denn von dem Fahrzeug wurden nur ein paar Tausend Exemplare gebaut.

Zudem wurde Bristol Cars, der kleine britische Hersteller von Nobel-Autos, 2020 abgewickelt und ist nun endgültig Geschichte. Dabei hätte sich 2015 fast der Kreis geschlossen, denn die Marke bediente sich in der Frühphase, also in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, BMW-Technik und hatte mit einem neu aufgelegten Fahrzeug unter dem Projectcode „Pinnacle“ einen Newcomer mit der Technik aus München in der Pipeline.


Doch es kam anders – die offizielle Pressemeldung, in der das neue Fahrzeug angekündigt wurde, war quasi das letzte Lebenszeichen von Bristol. Nach etwa 2.600 jemals gebauten Bristol-Modellen soll also Schluss sein.

Zeitreise ins letzte Jahrhundert

Zeitreise ins Jahr 1982. Es gab bei Bristol schon ausgefeilter proportionierte Modelle als die Serie 603 sowie der darauf basierende Nachfolger Britannia und dessen stärker motorisiertes Schwestermodell namens Brigand. Die war ein Pionier mit ihrer Turbo-Antriebstechnik. Bentley kam erst drei Jahre später mit einem aufgeladenen Triebwerk in dieser Liga um die Ecke, dem berühmten Turbo R. Dabei war der Grundmotor – ein Chrysler-Achtzylinder mit 5,9 Litern Hubraum beileibe kein Schwächling.

Nun kam noch der von Zulieferer Rotomaster beigebrachte Turbolader ins Spiel, der den Brigand auszeichnet und seine Leistung gemäß Prüfstand beim besprochenen Exemplar auf über 300 PS hievt. Nicht dass man die Werte einheitlich aufbereitet in der Sekundärliteratur nachlesen könnte, manche Quellen sprechen gar von 400 PS, aber das ist auch nicht entscheidend – schließlich verpufft ein großer Teil des ebenfalls nicht offiziell bezifferten Drehmoments ohnehin im Wandler des automatischen Dreiganggetriebes.

Gewicht von 1,7 Tonnen

Dafür ist die ausgefallene zweitürige Limousine mit etwas über 1.700 Kilogramm Leermasse nicht so schwer, wie man vielleicht denken könnte und zumindest auf dem Papier zu erstaunlichen Fahrleistungen fähig: 240 km/h lautet die Topspeed. Auch die Beschleunigung auf zumindest 97 km/h (60 mph) frappiert mit 5,9 Sekunden – das ist selbst für heutige Verhältnisse proper.

Ein Selbstversuch hinter dem auf der rechten Seite installierten Steuer führt allerdings zu der Erkenntnis, dass der klangvoll V8-intonierte Brigand den Fahrer zu keiner Zeit wirklich fordert. Das Cruisen steht dem 4,90 Meter-Zweitürer eindeutig besser als die Hatz, der sich übrigens tatsächlich so ein bisschen anfühlt wie die damaligen Wettbewerber Bentley Turbo R oder Rolls-Royce Silver Spirit.

Ohne Turboloch

Wer es wissen will, gönne dem Achtzylinder-Vergaser – die Kombination eines Vergasers mit einem Turbolader ist recht exotisch – ruhig ein bisschen Drehzahl, dann erhebt sich die Motorhaube mit der augenfälligen Hutze, und der Brite schiebt durchaus ungestüm an.

Ein richtiges Turboloch will sich übrigens nicht erfühlen lassen, denn untenherum wuchert der Benziner mit seiner hubraumbedingt bärigen Zugkraft, und den später einsetzenden Leistungssprung streicht die Flüssigkeitskupplung dank ihres immerwährenden Schlupfs glatt. Geschmeidig selbst unter Last wechselt die Automatik ihre Fahrstufen, wobei der große Gang gefühlt von 10 km/h bis Endgeschwindigkeit reicht.

Erinnerungen an Bentley

Auch in vielen weiteren Punkten erinnert der Bristol an Bentley und Rolls-Royce, als da wären die feinen Lederfauteuils oder aber die mächtigen Wurzelnuss-Paneele im Bereich der Armaturentafel. Liebenswert-klobige Kippschalter finden wir ebenso wie die aus anderen Großkonzern-Vehikeln entliehene Komponenten. Die Scheinwerfer stammen beim Fotoexemplar wegen des Umbaus auf Rechtsverkehr aus dem Hause MAN, die Rückleuchten aus dem Opel-Regal (der Bedford Blitz lässt grüßen).

Derlei zählt zu den üblichen Schrulligkeiten eines Kleinserien-Fahrzeugs. Hinzu kommen noch typische Bristol-Eigenheiten wie das Reserverad, das in einem seitlich angebrachten Fach vor dem Vorderwagen steckt.

2600 Exemplare verkauft

Das Heck des Bristol Brigand. Foto: SP-X

Irgendwie schade, dass die Londoner Adresse Kensington High Street 368-370 – hier residierte das weltweit einzige Bristol-Autohaus – nicht mehr zu den verschrobenen Neuwagen führt. Hier hatte der langjährige, jedoch vor rund sieben Jahren verstorbene Markenchef Tony Crook noch persönlich Prospekte von seinen Produkten ausgegeben und dabei wohl immer auch amüsante Geschichten erzählt, wie man kolportiert.

Rund achttausend Bristol sollen in Kundenhand gegangen sein, tat er kund, obwohl man heute gut abschätzen kann, dass es in 74 Jahren kaum mehr als 2.600 Stück waren. Immerhin, wann hat man es schon mit einer solch exklusiven Marke zu tun, deren Produkte auf dem Klassikermarkt zu halbwegs bezahlbaren Preisen erwerbbar sind, wenn man zumindest nicht auf Ware aus der frühen Phase besteht. Nur Geduld müssen potenzielle Interessenten mitbringen, denn ein Bristol wird nicht jeden Tag inseriert – zumindest nicht in Deutschland. Doch das macht die Suche ja gerade spannend. (SP-X)

Keine Beiträge vorhanden