Toyota Land Cruiser: 60 Jahre durch den Schlamm

Sekt trinken im Gelände

Toyota verzeichnete in Deutschland einen massiven Gewinneinbruch © AG/Flehmer

Der Toyota Land Cruiser fährt seit 60 Jahren durch Matsch und Pfützen. Der legendäre Geländewagen aus Japan startete dabei als Militärfahrzeug, heute avanciert die Geländefahrt zur komfortablen Spazierfahrt.

Von Thomas Flehmer

Zu Beginn stand eine heikle Mission an. Keine fünf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, nach den Abwürfen der Atombomben durch die Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki, bewarb sich ausgerechnet Toyota an einer Ausschreibung der US-Streitkräfte, die nach neuen, leichten Fahrzeuge für das Gelände suchten. Wahrscheinlich um die Chancen zu erhöhen nannten die Japaner ihren Bewerber Toyota Jeep BJ, hatte sich doch der so genannte Willy Jeep gerade in den letzten Kriegsjahren Legendenstatus erkämpft. Und nicht nur der Name, sondern auch das Äußere ähnelte den Modellen des ehemaligen Kriegsgegners, ebenso die technische Ausstattung mit Starrachse und harten Blattfedern.

Namenswechsel im Jahr 1954

Doch zu viele Gemeinsamkeiten ließen die Jeep-Originalvertreter nicht zu und ab dem Jahr 1954 verschwindet der Name Jeep aus dem Toyota-Programm und der Name Land Cruiser taucht erstmals auf. Zu diesem Zeitpunkt fährt der BJ bereits in fünf Versionen vom Band und hat seine Exportkarriere schon gestartet.

Nach Pakistan und Saudi-Arabien erobert der schwere Geländegänger ab 1955 mit dem J2 bereits die USA und wird kurze Zeit später quasi auf der ganzen Welt eingeführt. Spätestens mit dem ab 1960 gefertigten J4 ist der Land Cruiser etabliert. Der 26 Jahre lang produzierte Geländewagen ähnelt immer noch ein wenig den US-Jeeps, aber das stört keinen mehr. Der J4 gilt als der robusteste Vertreter und erreicht ähnlichen Kultstatus wie das amerikanische Vorbild.

Harte Arbeit nicht nur im Gelände

Viel Kraft wird beim Toyota Land Cruiser J4 benötigt AG/Flehmer

Und J4-fahren bedeutet immer noch harte Arbeit. Keine Servolenkung, keine Klimaanlage, nicht einmal die Sitze lassen sich verschieben. Kleinere Fahrer haben Schwierigkeiten, die Kupplung richtig herunter zu drücken und die Gänge einzulegen. Komfortelemente fehlen ganz, das Cockpit ist karg und die Sitze hart.

Ruckelnd setzt sich der J4 in Bewegung, wenn der linke Fuß langsam das Kupplungspedal nach oben führt. So wird der ganze Körper durchgerüttelt, wenn der J4 seine Qualitäten zwischen Wasserdurchfahrten und Schlammbergen unter Beweis stellt. Die Oberarme sind beim Lenken hart gefordert. Dass der Motor bei der Geländedurchquerung schon einmal ausgeht, kann passieren. Dann heißt es: Wieder einschalten und langsam weiter voran.

Zahlreiche Assistenten zeigen den Weg

650 Newtonmeter und Automatik unterstützen den Toyota Land Cruiser AG/Flehmer

Welten trennen Fahrer und Beifahrer bei der Geländefahrt mit einem aktuellen Land Cruiser. Im J20 arbeiten wahlweise ein Vierzylinder-Turbodiesel mit 140 kW/190 PS oder ein V8 mit 210 kW/286 PS und einem bärenstarken Drehmoment von 650 Newtonmetern, die zwischen 1600 und 2800 Kurbelwellenumdrehungen anliegen. Angereichert mit zahlreichen Assistenzsystemen avanciert hier die Fahrt durch das Gelände zum Kinderspiel.

Dank der Sechsgang-Automatik kann man sich auf Gasgeben und Lenken konzentrieren, ohne dass der 4,5 Liter große Achtzylinder abstirbt. Unwegsames Gelände und nicht einsehbare Stellen werden durch Kameras auf den Monitor in der Mittelkonsole übertragen. Die Crawl-Control regelt die Geschwindigkeit bei steilen Auf- und Abfahrten, eine aktive Niveauregelung und Dämpfungssystem sorgen selbst im matschigen Terrain für Wohlfühlatmosphäre an Bord. Geländegierige Outlaws werden dabei den Charme von Abenteuer vermissen in diesem VIP-Geländewagen, bei dem der Schweißgeruch fehlt, der im J4 dank harter Arbeit fast schon in Strömen den Rücken hinunterläuft.

Komfortabel durch das Gelände

Bei 58.900 Euro startet der Toyota Land Cruiser AG/Flehmer

Wer also den ehrlichen Ritt durch das Gelände sucht, muss sich in der Vergangenheit bedienen, wer jedoch zwischen Matsch und Schlamm gerne das Gläschen Sekt an den Mund führt, ist im aktuellen Modell gut aufgehoben. Dass dieses wirklich so passieren kann, belegt die Gelände-Affinität der Land Cruiser-Anhänger. Rund 30 Prozent der Kunden - so viel wie bei keinem anderen SUV - suchen den Untergrund abseits des Asphalts auf. Doch bevor dann der Schampus die Kehle hinunterlaufen kann, müssen mindestens 58.900 Euro für den Vierzylinder ausgegeben werden.

Gleich 87.900 Euro kostet die Jubiläumsversion des Land Cruiser V8, der rund 10,2 Liter Diesel auf 100 Kilometern verbraucht. Am Preis lag es damals nicht, dass der Toyota Jeep nicht den Zuschlag der US-Streitkräfte erhalten hatte, den Siegeszug konnte die Absage auch nicht verhindern. Rund sechs Millionen Abnehmer fand der Land Cruiser in den 60 Jahren seines Werdegangs vom Missverständnis zum Erfolgsgaranten.

Bilderschau vom Toyota Land Cruiser