Mercedes SLR Roadster: Einfach perfekt

Mercedes SLR Roadster: Einfach perfekt
Mercedes SLR Roadster © Foto: DaimlerChrysler

Der Mercedes SLR, längst automobiler Rennwagentraum für die Bestgestellten, bekommt einen sommerlichen Bruder. Ohne Dach, 332 km/h schnell und ein Grollen zum Dahinschmelzen.

Von Stefan Grundhoff

Weckt ein solcher Sportroadster dieses unnachgiebige Will-ich-haben-Gefühl? Der SLR macht aus seinem Anspruch keinen Hehl. Er ist ein Formel-1-Rennwagen für die Straße. Einer wie es kaum ein anderen gibt. Wer Metall- und Leichtbaukomponenten entfernt und den Renner mit der Stupsnase strippen lässt, sieht Rennsporttechnik pur. Mit einem gewöhnlichen Sportcoupé hat der in Woking produzierte Zweisitzer nicht mehr als Lenkrad und Automatik gemeinsam. Was auf die seit vier Jahren auf dem Markt befindliche Coupéversion zutrifft, kann auch der SLR Roadster für sich in Anspruch nehmen. Er ist gerade einmal 60 Kilogramm schwerer und steht dem geschlossenen Modell fahrdynamisch in nichts nach. Der Suchtfaktor ist ohne die Kopfbedeckung noch größer. Schließlich dringt das Grollen des mächtigen Kompressors noch ungefilterter an die Ohren des Pilotiers. Wer da nicht süchtig wird, dem ist auf der Straße wohl kaum mehr zu helfen.

Enormes Interesse

Wieso das 4,66 Meter lange Cabriolet so spät auf den Markt kommt, wird wohl für immer ein Geheimnis zwischen McLaren und Mercedes-Benz bleiben. Schließlich war die erste SLR-Studie von 1999 auch ein Roadster und zudem noch einer, der dem neuen Realmodell zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Kunden für den flachen Sonnenanbeter stehen bereits Schlange - und zwar so lange, dass die Produktion des Coupés zumindest aktuell auf Eis gelegt wurde, um der immensen Nachfrage nach dem offenen Verführer Herr zu werden. In Anbetracht dessen, dass es sich im britischen Produktionsstandort um eine kleine McLaren-Manufaktur handelt, in der die beiden Versionen von Hand erschaffen werden, ist ein Output von bis zu 500 Einheiten pro Jahr gigantisch. Durch die aufwendige Bauweise aus Stahl, Aluminium und Kohlefaser dauert der Bau eines der rund 1,8 Tonnen schweren Modelle mehrere Wochen. Sonderwünsche nicht eingeschlossen.

Dicker Lapsus

Kennzeichen: die Flügeltüren Foto: DaimlerChrysler

So viel Manufaktur- und Ingenieursgeist hat seinen Preis und über den spricht man im erlauchten Dreieck zwischen Dubai, Los Angeles und München nur äußerst ungern. Auch wenn die 500er-Marke nicht ganz gefallen ist, muss man doch zweimal hinhören. Mit über 493.000 Euro ist der Roadster nochmals rund 60.000 Euro teurer als der Standard-SLR. Das sollte man als Otto-Normal-Fahrer mit einem Passat, 5er BMW oder VW Golf erst einmal mit einem kühlen Getränk sacken lassen. Für 500.000 Euro bekommt man in sehenswerten Ecken von Hamburg, Frankfurt oder Berlin bereits eine nette Wohnung, sogar mit beheizter Garage. Denn zumindest die sollte man dem SLR Roadster gönnen. Der SLR sieht mit offenem oder geschlossenem Cabriodach gleichermaßen hinreißend aus.

Doch gerade hier gibt es einen dicken Lapsus, für den sich nach Mercedes-Angaben kein Kunde interessiert. Das Dach lässt sich nur teilelektrisch öffnen und kann zudem nur im Stand bedient werden. Cabrioprodukte der 30.000- oder 50.000-Euro-Liga würden in der Luft zerrissen, wenn man zum Verriegeln noch Hand anlegen müsste. Und auch wenn der extravagante Kunde, dies nicht monieren mag: Es passt ebenso wenig zu einem Fahrzeug dieser Klasse wie das Fehlen einen zeitgemäßen DVD-Navigationsgerätes mit Bildschirmanzeige. Purismus ist nicht immer das höchste der Gefühle.

Andere Werte zählen

Der Motor ermöglicht ein Formel-1-Gefühl Foto: DaimlerChrysler

Anders herum ist es auch ein Beweis dafür, dass den SLR-Kunden so ziemlich alle normativen Bezugspunkte schnurz sind. Die grandiosen Fahrleistungen, das kaum zu überbietende Formel-Gefühl und das bei aller Leistung nahezu narrensichere Fahrverhalten eines 626-PS-Renners lassen einen die kargen Kritikpunkte und ein paar Sekunden auch den astronomischen Preis vergessen. Vielmehr drehen sich die Gedanken um 0 auf 100 in atemberaubenden 3,8 Sekunden, 332 km/h Spitze und die neue 19-Zoll-Bremsanlage, die bisher nur in der Sonderedition SLR 722 erhältlich war. Angesichts dieser immensen Wutausbrüche unter nicht enden wollenden Motorhaube ist eine der größten Überraschungen der Verbrauch. Mercedes verspricht 14,5 Liter Super auf 100 Kilometer und dass ist nicht mehr als die meisten Coupés in der 300- bis 400-PS-Liga. Doch Mercedes legt Wert darauf, dass Geschwindigkeiten jenseits der 300 km/h nicht allein dem Reich der Träume entspringen. Das optisch leicht melierte Stoffdach wurde so verstärkt, dass es sich beim Vollgasvergnügen auf der Döttinger Höhe oder der A5 nicht ausbläst die Aerodynamik stört.

Gewichtsprobleme

Das maximale Kofferraumvolumen von 204 Litern ist für einen solchen Rennwagen durchaus beachtlich. Dass die Zuladung nur 155 Kilogramm beträgt und bei vielen Doppelbesatzungen das Gewicht schon ohne Kofferset überschritten wird, ist ein zwiespältiger Nebeneffekt. Doch in den allermeisten Fällen sitzt in einem SLR nur einer - der Fahrer und genießt. Der Karbonschalensitz wird präzise auf ihn angepasst; Steuer und Sitzposition passen perfekt und außer beim Anbremsen im Renntempo kommt keiner auf die Idee in die exzellent abgestimmten Gangwechsel der Fünfgang-Automatik einzugreifen. Das kann man von einem 500.000-Euro-Traum aber auch verlangen.

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