23. März 2011

Fahrbericht Sparsamer Turbobenziner Opel Meriva: Familienflieger im Business-Look

Der Opel Meriva auf Tour
Der Opel Meriva auf Tour © Opel

Mit der Neuauflage seines deutlich gewachsenen Vans Meriva will Opel an alte Erfolge in diesem Segment anknüpfen. Im Praxistest präsentiert sich der Rüsselsheimer als familienfreundlicher Raum-Gleiter.




Von Markus Henrichs

Mit Opels Familien-Van Meriva ist es wie mit dem Ferienflieger: Wer Glück hat, wird "upgegradet" und findet sich mir-nix-dir-nix eine Komfort-Klasse höher wieder. Was Reisenden bei großen Airlines hochwillkommen ist, offerieren die Rüsselsheimer nun auch den Passagieren an Bord des Meriva. Nicht dass sie ihren Van-Passagieren der ersten Generation bisher nur Holzklasse und automobiles Fertigfutter serviert hätten. Aber in seiner seit vergangenem Sommer erhältlichen Neuauflage ist der Meriva um fast 25 Zentimeter auf 4,29 Meter Gesamtlänge gewachsen.


Schmetterlings- statt Schiebetüren

Das klingt immer noch klein, ist es aber nicht. "Billige", weil unbequeme Plätze? Gibt es zumindest vorne nicht. Hierfür sorgt im Testwagen der vielfach verstellbare Ergonomie-Fahrersitz. Er ist vom Expertengremium "Aktion Gesunder Rücken" (AGR) mit dem Gütesiegel für gesundes Sitzen ausgezeichnet worden. Wenn man als 1,93-Meter-Mensch auf ihm Platz nimmt, die ausziehbaren Oberschenkelauflage in Position bringt und sich genüsslich zurück lehnt, dann spürt man schnell, warum.

Stichwort "Platz nehmen": An Bord gelangen Passagiere der zweiten Reihe nicht über Schiebetüren wie bei Wettbewerbern wie Mazda5 oder Ford C-Max, sondern durch hinten angeschlagene Schmetterlingstüren. Sie öffnen im 84 Grad- statt dem sonst üblichen 67 Grad-Winkel. Das schafft eine Einstiegsbreite von geradezu Rolls-Royce-haften Ausmaßen. Beim Vorfahren vorm Kindergarten sorgt das unkonventionelle Türkonzept für andächtiges durch-die-Zähne-Zischen der umstehenden autoaffinen Väter. Allerdings erfordert der unkonventionelle Zustieg auch einiges an Übung. Anfangs nämlich stehen sich zeitgleich einsteigende Front- und Fond-Passagiere des Öfteren im Wege.

Bis zu 1500 Liter Stauraumvolumen

Ein guter Einstieg ist beim Opel Meriva auch hinten möglich
Ein guter Einstieg ist beim Opel Meriva auch hinten möglich © Opel

Einmal an Bord, fühlt man sich dagegen schnell zu Hause. Der Innenraum ist nicht nur auf reinen Nutzwert fokussiert, sondern fühlt sich dank gut verarbeiteter Kunststoffe hochwertig an. Zur neuen Bequemlichkeit im bisher als automobile Holzklasse verschrienen Familien-Van-Segment passt die optionale Lenkradheizung. Nach klaren Winternächten erweist sie sich als prima Wegbegleiterin, die nach einiger Anlaufzeit für warme Hände sorgt. Dabei "erzieht" sie einen zum schulbuchmäßigen Lenkradgriff. Denn nur auf den Griffpositionen zehn und zwei "Uhr" entfaltet sie ihre volle, wärmende Wirkung.

"Hinterbänkler" reisen im Meriva bis zu einer Körpergröße von etwa 1,80 Meter komfortabel. Die bis zu drei Passagiere beherbergende Rücksitze sind längs und quer verschiebbar. Sitzen nur zwei Mitfahrer hinten, können diese den Mittelplatz mit wenigen Handgriffen wegklappen. In dieser Konfiguration verbleiben 400 Liter fürs Gepäck. Bei umgeklappten Rücksitzen wächst der Stauraum auf 920 Liter. Stapelt man bis unters Dach, können 1500 Liter an Bord genommen werden.

Fahren wie ein "Großer"

Im Innenraum ist der Opel Meriva höherwertiger geworden
Im Innenraum ist der Opel Meriva höherwertiger geworden © Opel

Aber nicht nur in Sachen Raumangebot und Verarbeitung hat der Meriva einen weiteren Sprung nach vorn gemacht. Er fährt sich jetzt auch wie ein "Großer". So wartet der Rüsselsheimer im alltäglichen Fahrbetrieb mit Charaktereigenschaften auf, die sonst eher großen SUVs zugeschrieben werden: Dazu zählen die hohe, subjektive Sicherheit vermittelnde Sitzposition und der leicht zu erreichende Schalthebel. Die Bedienung der Instrumente erfolgt durch gut im Blickfeld des Benutzers liegende, aber sehr kleine Knöpfe und Drehregler. Zu Nickbewegungen neigt der Meriva trotz des hohen Schwerpunkts nicht. Wohl aber zu gefühlten Wankbewegungen, die den Fahrer bei rasant durchfahrenen Kurven hin- und herschunkeln lassen, als wäre er ungebetener Gast bei der Aufzeichnung einer Volksmusiksendung.

Aber ein Auto wie der Meriva ist ja auch nicht zum Rasen, sondern für Langstrecken und die Erledigung von Alltagsaufgaben gedacht. Dazu passt die besonnene Art des "EcoFlex"-Ottomotors: Der 1,4-Liter-Turbobenziner kommt aus dem Stand trotz seiner 88 kW/120 PS zwar nur schwer "aus den Puschen", erreicht dann aber unangestrengt die Höchstgeschwindigkeit von 188 km/h.

Sechster Gang fehlt

Der Opel Meriva ist ein Leisetreter
Der Opel Meriva ist ein Leisetreter © Opel

Auch verrichtet er dank vorbildlicher Geräuschdämmung erstaunlich leise seine Arbeit. Einmal in Fahrt gekommen, genehmigt er sich mit einem Testverbrauch von rund 8,5 Litern Super rund 2,5 Liter mehr Sprit als vom Hersteller angegeben. Die gutmütige Art des Opels in Verbindung mit dem neutralen, auf Komfort getrimmten Fahrwerk macht den Meriva zu einem waschechten Raum-Gleiter. Dafür, dass die Zeit an Bord wie im Flug vergeht, sorgt auch eine in allen Lagen überdurchschnittlich gut klingende Musikanlage. Das großflächige, aber leider nicht zum Öffnen gedachte Panoramadach gibt nicht nur Licht, sondern vermittelt auch ein gutes Komfortgefühl auf langen Fahrten.

Ein kleines Manko für den Fahrer: Bei Kurvenfahrten blockiert die langgezogene A-Säule einen tieferen Einblick in die Kurve. Ein sechster Gang hätte dem mittleren Benziner genauso gut getan wie eine Start-Stopp-Automatik. Diese soll noch im Laufe dieses Jahres nachgereicht werden. Und damit wäre der Meriva endgültig in der Business-Class unter den "Familien-Frachtmaschinen" angekommen. (mid)






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