5. April 2015

1,3 Milliarden Euro Investitionen London plant Fahrrad-Autobahn

London will sich zur Radstadt mausern.
London will sich zur Radstadt mausern. © Transport for London/dpa

Es gibt Fahrradstädte wie Münster, Kopenhagen, oder Amsterdam. London gehört nicht dazu. Doch das soll sich nun ändern. Die britische Hauptstadt investiert 1,3 Milliarden Euro in die Rad-Infrastruktur.




Mit dem Fahrrad durch London zu fahren ist nichts für schwache Nerven. Rote Doppeldeckerbusse, schwarze Taxis und weiße Lieferwagen verstopfen die Straßen. Radwege enden ohne erkennbaren Grund. Wartebereiche für Radler vor Ampeln ignorieren die Motorisierten hartnäckig. Dazu ist die Luft so mies, dass Atemschutzmasken weit verbreitet sind. Eine «Fahrradstadt» wie etwa Kopenhagen, Amsterdam oder Münster ist London derzeit beim besten Willen nicht - auch wenn der Bürgermeister das gern hätte.

Boris Johnson inszeniert sich als Radel-Politiker. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich auf einem Zweirad ablichten zu lassen, und schenkte Prinz George (1) ein maßgeschneidertes Dreirad. «Boris Bikes» heißen Mieträder, die, ähnlich wie in Berlin, Hamburg oder Paris, an vielen Orten bereitstehen.


1,3 Milliarden Euro für die Rad-Infrastruktur

Johnson, seit 2008 Londons Bürgermeister, zählt das System zu seinen Erfolgen - auf den Weg gebracht hat sie allerdings sein Vorgänger. Im Frühjahr 2013 kündigte Johnson an, über zehn Jahre 913 Millionen Pfund (derzeit rund 1,3 Milliarden Euro) in die Rad-Infrastruktur zu stecken. Vier «Cycle Superhighways» führen zurzeit von Randbezirken ins Zentrum. In Deutschland würde man sie ganz normale Radwege nennen, die Autos überqueren oder zuparken. Mehrere Radfahrer sind in diesem Jahr schon ums Leben gekommen. Rund 23 000 Unfälle motorisierter Fahrzeuge mit Radlern gab es laut Versicherer Aviva von 2009 bis 2013 in der Stadt, 80 davon waren tödlich.

Die Innenstadt-Maut, eingeführt 2003, soll den Verkehr um etwa zehn Prozent reduziert haben. Staus gibt es trotzdem in vielen Ecken von frühmorgens bis in die Nacht. In der jüngsten Copenhagenize-Liste der 20 fahrradfreundlichsten Metropolen kommt London nicht vor.

Johnson löste Versprechen ein

Kein Wunder, dass Pläne für zwei baulich getrennte, zweispurige Radwege viel Aufmerksamkeit bekommen. Der längere der beiden soll als 29 Kilometer lange «Fahrrad-Autobahn» quer durchs Zentrum den Westen mit dem Osten verbinden - durch den Hyde-Park, am Buckingham-Palast vorbei sowie dem Parlament mit Big Ben. Wie man es vom charismatischen Bürgermeister erwartet hat, eröffnete er die erste Baustelle, indem er sich selbst in den Bagger setzte.

Bestimmte Bezirke sollen zu «Mini-Hollands» umgebaut werden und bekommen dafür Extrageld. Infrastruktur und Sicherheit im Verkehr sind auch Themen im derzeit tobenden Wahlkampf auf der Insel. Die politischen Parteien haben die Menschen ohne Auto als Zielgruppe entdeckt. Der Schatten-Verkehrsminister der Labour-Partei etwa verspricht eine Planungskommission, in der Radfahrer und Fußgänger sitzen sollen. Auch andere Metropolen bauen Radwege aus, etwa Paris oder New York.

Bei Londons Fahrrad-Lobbyisten, der London Cycling Campaign, ist man zufrieden: «Wir freuen uns, dass der Bürgermeister endlich sein Versprechen einlöst», sagt Sprecherin Rosie Downes. «Bisher bestanden die Londoner "Cycle Superhighways" aus Streifen blauer Farbe, die keinen physischen oder rechtlichen Schutz geboten haben.» Die geplanten beiden Wege seien nicht perfekt, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Dass Touristen und Londoner ab Frühjahr 2016 wirklich ungefährdet quer durchs Zentrum der Themse-Metropole radeln können, wollen viele noch nicht so recht glauben. Derweil bieten schon kreativere Ideen Gesprächsstoff: Etwa unterirdische Radrouten in ungenutzten U-Bahn-Tunneln, 220 Kilometer Radstraßen auf Pfeilern hoch über dem Auto- und Schienenverkehr oder gar schwimmende Radwege auf der Themse. Dabei wären die meisten radelnden Londoner wohl schon froh, wenn das ihnen zugedachte Stück Straße durchgehend befahrbar wäre. (dpa)



Lesen Sie mehr aus dem Ressort Politik



Mehr aus dem Ressort

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt.
Zugeständnis bei KoalititonsverhandlungenGrüne verabschieden sich vom Aus für Verbrennungsmotor 2030

Die Grünen haben sich vom Aus für den Verbrennungsmotor im Jahr 2030 verabschiedet. Parteichef Özdemir sagte, dass man dieses Enddatum allein nicht durchsetzen könne. Kritik kommt von Greenpeace.


Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt
Jamaika-VerhandlungenCSU lehnt nicht nur Diesel-Fahrverbote ab

Die Verhandlungen für eine Jamaika-Koalition gehen in die nächste Runde. Die CSU lehnt dabei nicht nur ein Dieselfahrverbot ab, sondern auch einen Zulassungsstopp für Verbrenner.


Am 1. Oktober war Paris autofrei
Keine Fahrverbote geplantFrankreich terminiert Ende der Verbrennungsmotoren

Dass in Frankreich im Jahr 2040 kein Verbrennungsmotor mehr über die Straßen knattern soll, ist bekannt. In Paris wurden nun die Daten für die Vorlaufzeit terminiert.