30. Juli 2015

Fahrbericht Vom Klein- zum Kleinstwagen Nissan Micra: Vorübergehende Wechseljahre

Nissan positioniert den Micra preislich eine Klasse tiefer.
Nissan positioniert den Micra preislich eine Klasse tiefer. © Nissan

Der Nissan Micra wartet sehnsüchtig auf seinen für das kommende Jahr angekündigten Nachfolger. Bis dahin verkehrt der Kleinwagen zumindest preislich eine Liga tiefer.




Während die Konkurrenz im Kleinwagen-Segment von Generation zu Generation immer „erwachsener“ wird, hat der Nissan Micra beim letzten Modellwechsel eher einen Schritt zurück in der Entwicklung gemacht. Diese Form der Regression war bislang ein Nachteil, soll nun aber möglichst in einen Vorteil umgemünzt werden. Zu diesem Zweck justieren die Japaner die preisliche Positionierung ihres Einstiegsmodells neu.


Nissan senkt den Preis für Micra auf Kleinstwagenniveau

Der Micra hat derartige Hilfe bitter nötig. Lediglich 5600 Kunden fanden sich deutschlandweit im ersten Halbjahr, elf Prozent weniger als im Vorjahr und ein paar tausend weniger als bei direkten Konkurrenten wie Toyota Yaris, Kia Rio, Suzuki Swift oder Mazda3. Wer sich dem kleinsten Nissan nähert, weiß auch schnell, woran das liegt: Vor allem im Vergleich mit dem neuen und schicken Mazda und Kia wirkt der Micra um eine Klasse schwächer. Selbst im Vergleich mit seinem eigenen Vorgänger (gebaut 2003 bis 2010), schneidet der aktuelle Micra eher schlecht ab.

Konsequent daher, dass Nissan den Fünftürer nun auch preislich nicht mehr wie einen Kleinwagen, sondern wie einen Kleinstwagen behandelt. Seit der letzten Preisrunde im Sommer nämlich kostet das Basismodell nur noch 10.390 Euro – kaum mehr als ein VW Up, Kia Picanto oder Opel Karl in der Einsteigerversion. Und im Vergleich mit diesen Modellen schlägt er sich nun auch deutlich besser.

Ordentliches Platzangebot im Nissan Micra

Beim Kofferraumvolumen kann der Nissan Micra punkten
Beim Kofferraumvolumen kann der Nissan Micra punkten © Nissan

Beim Einsteigen etwa stört das unansehnliche Hartplastik-Cockpit direkt weniger. Und auch Sparmaßnahmen wie den Verzicht auf eine Scheinwerfer-Icons im Zentralinstrument oder das Fehlen einer Motortemperatur-Anzeige nimmt man in einem Kleinstwagen gelassener hin als in einem Kleinwagen. Dass die Sitze zwar verbindlich gepolstert, aber unkonturiert sind, kennt man ebenfalls aus dem kleinsten Pkw-Segment.

Dafür ist der Micra zumindest ergonomisch ordentlich gemacht, die Sitzposition ist rückenfreundlich hoch, die Bedienelemente liegen gut zur Hand und das Platzangebot vorne ist ordentlich. Auch hinten sitzen Kinder einigermaßen bequem, der Einstieg gelingt dank der serienmäßigen Fondtüren leicht. In echten Kleinstwagen geht es meist weniger bequem zu. Ebenfalls deutlich absetzen kann sich der Micra beim Kofferraumvolumen, das selbst im Vergleich mit einem Kleinwagen überzeugen könnte. Auch, weil die Ladekante niedrig und der Laderaum-Ausschnitt relativ großzügig ist.

Nissan Micra im Stadtverkehr wendig unterwegs

Ab Tempo 130 wird der Nissan Micra schlagartig laut
Ab Tempo 130 wird der Nissan Micra schlagartig laut © Nissan

Beim Basismotor war der Micra im Kern immer schon ein Kleinstwagen. Seinen 1,2-Liter-Dreizylinder mit 59 kW/80 PS kennt man so oder so ähnlich auch aus unzähligen anderen Modellen der Mini-Klasse. Anders als die Konkurrenz, wartet der Micra aber auch mit einer aufgeladenen Variante auf, in der ein Kompressor für immerhin 72 kW/98 PS sorgt. Der Direkteinspritzer fährt sich im Prinzip wie ein 1,4-Liter-Saugbenziner, nutzt den Lader erst ab mittlerer Drehzahl und stellt seine maximale Kraft spät, bei 4400 Touren, zur Verfügung. Im Grunde ein angenehmer Begleiter nicht nur für den Stadtverkehr, sondern auch für gelegentliche Fahrten auf Autobahn und Landstraße. Allerdings macht hohes Reisetempo den Motor trotz der langen Übersetzung im obersten Gang des Fünfganggetriebes durstig, so dass man sich von dem normalen 5,8-Liter-Testschnitt rasch in Richtung sieben Liter entfernt. Auch wird das ganze Auto bei Überfahren der 130-km/h-Grenze schlagartig laut.

Gerne bleibt man daher im Stadtverkehr, wo der Micra seine Wendigkeit und die gute Übersichtlichkeit der Karosserie am besten ausspielen kann. Das Fahrwerk bügelt dazu Unebenheiten ordentlich weg und hat auch bei voller Beladung noch Federungsreserven. Kurven und schnelle Richtungswechsel mag der hochbauende Nissan hingegen eher wenig. Auch die wenig präzise Lenkung und die hakelige Fünfgangschaltung verhindern, dass gehobener Fahrspaß aufkommt. Den aber würde man von einem Kleinstwagen auch nicht erwarten.

Preisnachlass bringt Nissan Micra Vorteile

Das Cockpit des Nissan Micra passt besser in die Kleinstwagenliga
Das Cockpit des Nissan Micra passt besser in die Kleinstwagenliga © Nissan

So gesehen ist die - in der Pkw-Branche sehr ungewöhnliche - Preissenkung ein kluger Schritt. Auch wenn die Basisversion nur um gut 1000 Euro günstiger geworden ist: In den kleinen Klassen sind das Welten. Natürlich sind die 10.390 Euro trotz allem nur ein Lockpreis. Wer nicht nur das nackte Auto, sondern auch ein wenig Komfort will, muss schon die zweite Ausstattungsvariante „Acenta“ wählen, deren Preisliste bei 12.390 Euro startet. Dort ist der Preis allerdings noch stärker gesunken als beim Einstiegsmodell: um 1780 Euro. Den gleichen Preisvorteil bietet die Variante mit dem Kompressormotor, die nun ab 14.090 Euro zu haben ist.

Es kommt unterm Strich also immer auf die Gegner an, die man sich aussucht. Solange der Micra eher im Kleinwagen-Segment antrat, war er bestenfalls unteres Mittelmaß. Im Kleinstwagen-Segment hingegen kann er nun allein aufgrund seiner überlegenen Größe den Anschluss an die Spitzengruppe halten. Ob das reicht, auch beim Absatz zu den neuen Wettbewerbern aufzuschließen, bleibt jedoch abzuwarten. Allzu große Hoffnung auf einen späten Erfolg des Micra scheint man sich auch bei Nissan nicht zu machen: Anfang des Jahres gab es auf dem Genfer Salon bereits einen inoffiziellen Nachfolger zu sehen, der wieder deutlich schnittiger und moderner als das aktuelle Modell auftritt und direkt gegen Mazda2 und Co. positioniert zu sein scheint. (SP-X)






Mehr zur Marke Nissan

Nach Skandal um SicherheitschecksNissan-Chefs verzichten auf Teil ihres Gehalts

Das Vorgehen ist nicht überall üblich. Nach einem Skandal um Sicherheitschecks bei Nissan stellen sich die Mitglieder der Chefetage der Verantwortung – auch im finanziellen Bereich.


Premiere des Elektroautos in TokioNeuer Nissan Leaf teilautonom unterwegs

Nissan verknüpft mit dem neuen Nissan Leaf die Elektromobilität mit dem autonomen Fahren. Zudem erhöhten die Japaner die Reichweite des bislang meist verkauften Elektroautos.


Premiere am 6. SeptemberNissan Leaf mit intelligentem Pedal

Der neue Nissan Leaf wird nicht nur mit erhöhter Reichweite ab September vorfahren. Das Elektroauto kann auch mit nur einem Pedal auskommen.



Mehr aus dem Ressort

Marktstart im Frühjahr 2018Volvo XC40: Cool sein hat seinen Preis

Volvo will wachsen – und dazu beitragen soll insbesondere das Kompakt-SUV XC40. Er wird im März auf den Markt kommen. Das Auto bringt alles mit, um ein Erfolg zu werden. Wenn da nur nicht der Preis wäre.


Der VW Golf GTI TCR darf nur auf Rennkursen bewegt werden
Bei Seat gebautVW Golf GTI TCR: Nur für die Rennstrecke

65 Prozent aller Bauteile sind identisch mit einem normalen Serienmodell. Trotzdem darf der VW Golf GTI TCR nicht am Alltagsverkehr teilnehmen – und das ist auch gut so.


Porsche hat auch den Panamera Kombi hybridisiert
Turbo S E-Hybrid Sport Turismo mit 680 PSHybrider Porsche Panamera Kombi: Teilzeit-Stromer der Superlative

Porsche hat die Kombivariante des Panamera an den Stecker gepackt. Die hybride Zufuhr dient dem Turbo S E-Hybrid Sport Turismo dabei sowohl der Leistungssteigerung als auch der emissionsfreien Fahrt durch urbane Umweltzonen.