26. Dezember 2007

Fahrbericht Benebelung der Sinne

Der Audi S8
Der Audi S8 © Foto: Audi

Autos sind wie Mode, Essen oder noch gehaltvollere Genussmittel. Die schönsten von Ihnen sind Coupés und Limousinen. Wer eine der perfekteste Arten der automobilen Fortbewegung sucht, gerät beim Audi S8 ins Schwärmen.




Von Stefan Grundhoff

CO2, hohe Kraftstoffkosten und alternative Antriebe sind in vieler Munde. Doch es wäre töricht zu glauben, dass jeder Autofahrer bei der Wahl des fahrbaren Untersatzes allein normative Maßstäbe ansetzen würde. Nicht jeder Geschwindigkeitsfanatiker ist ein Raser und nicht jeder Sportler will mit seinen ausladenden Muskelpaketen protzen. Früher und stärker als die Konkurrenz verpasste Audi seinen Limousinen eine besonders sportliche Note. Die Krone trägt seit Jahren der Achter mit dem «S» im Namensschriftzug. So harmlos der S8 auch aussieht. Er hat Suchtpotential ab dem ersten Meter.


Cooler als andere

Wenn etwas beeindruckt, dann ist es seine Lässigkeit. Dazu ist er cool - cooler als andere. Ein Aufschneider sieht anders aus und fährt sich auch so. Mit einem wie dem S8 sollte man sich auf der Straße besser nicht anlegen. Bei der elegant gezeichneten Karosse von 5,06 Metern Länge fallen die 20 Zöller kaum ernsthaft ins Auge.

Der hellgraue Kühlergrill dürfte allenfalls Audi-Experten auffallen und selbst die vierflutige Auspuffanlage dürfte kaum zu den Gedanken veranlassen, dass hier auch ein Hauch Lamborghini Gallardo steht. Der Norditaliener würde auf den ersten Blick in der Pupille brennen, die Massen würden herbeiströmen und der Sound würde die Anwohner aus dem Fenster lugen lassen.

Maßstäbe in Design und Verarbeitung

Elegantes Design
Elegantes Design © Foto: Audi

Beim S8 gibt es nichts von alledem und von alledem ein bisschen. Er ist sportlicher als die sportlichsten Limousinen aus Affalterbach und genau das, was BMW als M7 seit Jahre immer wieder erfolgreich in der Schublade verschwinden lässt. Optisch wird man dem S8 auch nach der jüngsten Modellpflege kaum verfallen. Aber schön und elegant ist er allemal.

Im Innenraum das gleiche Bild. Die Ingolstädter-Neckarsulmer Kombinationslimousine setzt in Design und Verarbeitung nach wie vor Maßstäbe. Auch die junge Mercedes S-Klasse konnte ihn nicht vom Thron stoßen und auch der neue 7er BMW wird es gegen Audis Achter schwer haben. Immer wieder ein Genuss, nach dem Einschalten des Soundsystems zu beobachten, wie die Harman-Kardon-Hochtöner aus der Armaturentafel gleiten. Ein Showeffekt ohne großen Tiefgang und doch ein Genuss, der fast an den grandiosen Klang des mobilen Konzertsaales heranreicht. Graues Leder wohin das Auge auch blickt. Innenhimmel und Dachsäulen sind gegen 3.745 Euro mit handschuhweichen Alcantara überzogen. Kostet sicher ein paar Kilogramm extra - sieht aber klasse aus.

Lust am Unermesslichen wird gedämpft

Sportwagen nicht erwünscht
Sportwagen nicht erwünscht © Foto: Audi

Ein Druck auf den Starterknopf und man nimmt das lässige Fauchen des Zehnzylinders mit Wohlwollen zur Kenntnis. Der S8 ist auf dem Sprung, bereit für jede Schandtat. Mit ihm macht das schnelle Schnellfahren besonders viel Spaß. Auf langen Touren mit langen Kurven und endlosen Geraden wächst die Lust auf einen S8 ins Unermessliche. Kein Gedanke an die 15 bis 23 Liter, die durch die Horde an Einspritzdüsen donnern, wenn der viertürige Bolide im Grenzbereich fährt.

Die zehn Brennkammern geben auf Wunsch alles - zumindest bis Tempo 250. Hier hat Audi dem Kraftprotz seine Zähne gezogen. Weshalb, das wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Überflüssig ist eine derartige Kastration in dieser Klasse allemal und das verkehrspolitische Gewissen sollte beim Kauf eines S8 mindestens ebenso geschärft sein, wie das Bankkonto.

Lederpaket für 17.000 Euro

Ein Schmankerl sind die versenkbaren Hochtöner
Ein Schmankerl sind die versenkbaren Hochtöner © Foto: Audi

Für den Einstieg in die S8-Liga sind mindestens 100.800 Euro fällig. Dafür gibt es nicht nur dezenten Sportluxus, sondern auch eine Luxusausstattung, die kaum Wünsche offen lässt und sich trotzdem weit über die 130.000-Euro-Marke pressen lässt. Allein das teuerste Sonderlederpaket kostet fast 17.000 Euro Aufpreis.

Peinlich, dass in der Liga der Gentleman Selbstverständlichkeiten wie Autotelefon (1.465 Euro), Einparkhilfe (ab 770 Euro), Reifenkontrolle (565 Euro) und TV-Empfang (1.280 Euro) nicht serienmäßig sind.

Beeindruckende Potenz

Der Motor des S8
Der Motor des S8 © Foto: Audi

Doch wer im S8 sitzt, bekommt seine Sinne erfolgreich vernebelt. 0 auf 100 km/h in fünf Sekunden sind bei mehr als zwei Tonnen Leergewicht nicht nur beeindruckend. Der Allradantrieb hilft dem S8, sodass die Kraft ungemein lässig auf die Straße kommt. Der 5,2 Liter große Zehnzylinder verfügt über 450 PS.

Durch die Benzindirekteinspritzung stehen knapp 90 Prozent des maximalen Drehmoments von 540 Nm bereits unter 2.500 Touren zur Verfügung. Wie würde sich der S8 nur treiben lassen, wenn er einen Turbo hätte? Die optimale Keramikbremse zeigt in den Bergen und bei hohen Tempi ihre Klasse; im Komfortbereich und bei langsamen Geschwindigkeiten sind die Stahlteller jedoch die bessere Wahl.

Lenkung zu leichtgängig

Einzig die Lenkung ist für ein sportliches Auto dieser Kategorie zu leichtgängig. Etwas mehr Rückmeldung von der Vorderachse würde gerade bei schnellen Richtungswechseln nur mehr Pluspunkte geben. Ab Werk rollt der Audi S8 auf Aluminium-Gussrädern im Parallelspeichen-Design. Ihre Dimension beträgt 9 J x 20, die Breitreifen haben das Format 265/35 R20. Für souveräne Verzögerung sorgt eine 18-Zoll-Bremsanlage. Gegen 8.125 Euro als Keramikversion.

Doch der Pilot strahlt so oder so. Im Fond könnte die Feder-Dämpfer-Abstimmung gerade bei groben Fahrbahnunebenheiten etwas feinfühliger sind. Hier kommt auch die sportliche Luftfeder an ihre Grenzen. Trotzdem kann man mit dem S8 nicht nur rasend schnell, sondern auch ungemein komfortabel reisen. Mehr Komfort bietet nur die Stuttgarter Doppelspitze aus Mercedes S63 AMG und S 65 AMG. Sportlicher sind allein BMW M5 und der noch kompromisslosere Maserati Quattroporte GT-S. Man ist in dieser Liga eben gerne unter sich und begrüßt sich mit einem dezenten Kopfnicken. Man fährt aus Überzeugung eine Limousine und keinen Sportwagen.






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