Zulieferer ZF und die Mobility Life Balance

ZF arbeitet mit Neurotechnologen der Uni Saarbrücken an der Reisekrankheit. © ZF

Der Zulieferer ZF bietet seinen Kunden längst nicht mehr nur reine Komponenten. Er offeriert ihnen Mobilitätslösungen und kümmert sich um Themen wie die Mobility Life Balance.

Von Susanne Roeder


Dazu gehört beispielsweise die Bekämpfung der Übelkeit beim Fahren, die so genannte „Motion Sickness“. Es ist ein Aspekt, dem mit Blick auf die zunehmende Automatisierung der Autos eine besondere Bedeutung zukommt, weshalb man daran mit der Uni Saarbrücken forscht.

Zusammen mit den Wissenschaftlern aus dem Saarland will ZF Lösungen finden, wie man der Reisekrankheit begegnen kann. Dazu wird durch einen Algorithmus unter Einbeziehung physiologischer Symptome eine Fahrweise kreiert, die die „Motion Sickness“ im Idealfall verhindert oder zumindest abmildern soll.

Konzentration auf vier Geschäftsfelder

Derzeit konzentrieren sich die Friedrichshafener in ihrer Arbeit auf vier Bereiche: Elektrische Mobilität, Integrierte Sicherheit, Fahrzeugsteuerung und automatisiertes Fahren und die Digitalisierung samt dem Internet der Dinge (IoT).

Der zweite Gang der Zwei-Stufen-Automatik übernimmt ab Tempo 70 die Arbeit. Foto: ZF

Dazu zeigte ZF auf dem TecDay auf dem Lausitzring nicht nur Ergebnisse zur Arbeit an der Reisekrankheit, sondern auch seine neue Zweigang-Automatik für Elektroautos, den externen Seitenairbag und das Konzept „Flying Carpet 2.0“, das mit Hilfe des auf Regelalgorithmen basierenden Steuerungssystems cubiX den Fahrkomfort für die Insassen spürbar erhöht.

Forschen vom Fahrrad bis zum 40 Tonner

Zu den gezeigten Innovationen gehört auch das eWallet, ein innovativer, digitaler Assistent im Auto, der Bezahlfunktionen rund ums Auto ermöglicht. In Kooperation mit der Uni Saarbrücken forscht man auch an der Bekämpfung der Übelkeit beim Fahren, der so genannten „Motion Sickness“. Es ist ein Aspekt, dem mit Blick auf die zunehmende Automatisierung der Autos eine besondere Bedeutung zukommt.

Bei den meisten ihrer Innovationen bedienen sich die ZF-Ingenieure verschiedener Elemente ihrer „Werkzeugkiste“, entwickeln diese weiter, kombinieren neu. Klingt einfach. Dahinter verbirgt sich jedoch stets hoch komplexe Technik. Das komplette Mobilitätsprogramm gilt seit dem Kauf des Lkw Bremsenherstellers Wabco vom Fahrrad bis zum 40 Tonner, vom Traktor bis zum Rennboliden. Heißt: ZF ist zum vollumfänglichen Systemlieferant in allen Mobilitätssegmenten erstarkt.

Mobilität ganzheitlich erfassen

Der Seitenairbag von ZF schützt gleich das ganze Fahrzeug. Foto: ZF

Unter dem zusätzlichen Motto „Mobility Life Balance“ zeigt ZF Lösungen auf, wie der Verkehrssituation vor allen in Städten begegnet werden kann. „Wir bleiben deshalb fokussiert auf Forschung und Entwicklung“, betont ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Gerade in Ballungszentren brauche es rasche Lösungen, um die Balance zwischen Mobilität und Lebenszeit zu verbessern. Dafür müsse man Mobilität ganzheitlich erfassen. Die individuelle Mobilität sei dabei „ein wertvolles Gut, das es zu erhalten gilt.“ Die Produkte von ZF sollen dazu beitragen, die „Mobility Life Balance wiederherzustellen“, wie Scheider sagte.

Diese individuelle Mobilität aber ist mehr und mehr gefährdet. „Die durchschnittliche Geschwindigkeit in Städten wie London oder Rom hat die 10 km/h-Marke unterschritten“, berichtet Scheider und verweist auf die Landeshauptstadt Stuttgart als Beispiel einer mittelgroßen deutschen Stadt, wo Pkw-Fahrer „durchschnittlich 34 Minuten am Tag in Staus verbringen.“ Das könne man kaum als Freiheit in der Mobilität bezeichnen.

CO2-Emissionen reduzieren

ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Foto: dpa

Bei ZF, so der Vorstandschef, habe man das Gebot der Stunde verstanden. Das Unternehmen übernehme Verantwortung und suche nach technologischen Lösungen, die unter anderem Standards für strikte CO2-Grenzen im Jahr 2030 erreichen müssen, so Scheider. Man sehe beide Seiten – den Anspruch auf individuelle Mobilität und den, das ökologische Gebot bei den Entwicklungen groß zu schreiben: „Wir bei ZF begrüßen den derzeitigen Paradigmenwechsel und die Initiativen der Industrie. Sie geben uns nicht zuletzt die Gelegenheit, weiter zu wachsen und zusammen mit der Industrie den Transformationsprozess in Sachen Mobilität zu vollziehen.“

Das zusätzliche Motto #MobilityLifeBalance passt daher sehr gut zur ZF Strategie „See.Think.Act“. Für schwerfällige Tanker bleibt keine Zeit. Schon längst unterhält Friedrichshafen deshalb eine agile Flotte von Schnellbooten, die untereinander gewissermaßen in ständigem Funkverkehr stehen, aktuelle Entwicklungsstände austauschen, immer im Hinblick auf schnellstmögliche Tauglichkeit für die Serienentwicklung und damit als Angebot an die Kunden, die Fahrzeughersteller, diese Entwicklungen in ihre nächste Fahrzeuggeneration zu integrieren.

Schnell wollen die Entwickler sein, aber nicht bloß um der Schnelligkeit willen. Es geht um präzise Technik, und dabei sind die Friedrichshafener Weltspitze. Nicht von ungefähr erhielten sie für ihr 8hp Getriebe den für ZF bei weitem größten Einzelauftrag von BMW in ihrer Geschichte und nur wenige Wochen später den zweitgrößten von FCA (Fiat Chrysler Automobile).

Turbulente Zeiten in der Automobilindustrie verlangen größtmögliche Agilität und Flexibilität insbesondere auch von den Zulieferern. Welcher Antrieb, welche Antriebe machen kurzfristig, mittelfristig und langfristig das Rennen? Ist es die E-Mobilität, welche Rolle spielt der Verbrenner? Bei ZF glaubt man bestmöglich für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Hervorragendes Beispiel hierbei ist das erwähnte flexible Acht-Gang Hydraulik-Planetengetriebe (8hp)

Beteiligung an „2getthere“

ZF hat 60 Prozent an 2getthere B.V. übernommen. Foto: ZF

ZF vertritt die Ansicht, wonach die Automatisierung der Mobilität im Privatverkehr und damit auf öffentlichen Straßen nicht hastig übertrieben werden solle. „Wir glauben, dass wir dem Endkunden Zeit geben müssen, sich an diese Art der Fortbewegung zu gewöhnen“, skizziert Scheider die Strategie seines Unternehmens. Auf der Skala von eins bis fünf automatisierten Fahrens biete man den Kunden bewusst Level 2+ an, eine kostenoptimierte Version teilunterstützten Fahrens, die skalierbar und damit für den durchschnittlichen Kunden erschwinglich sei.

Technisch kann der Zulieferer aber deutlich mehr. Zum Beispiel realisiert das niederländische Unternehmen „2getthere„, an dem ZF im März 2019 eine Mehrheitsbeteiligung von 60 Prozent übernommen hat, automatisierte Personen- und Lastentransportsysteme, die auf getrennten Infrastrukturen, speziellen Fahrspuren oder im gemischten Verkehr operieren können. Bisher hat das Unternehmen in zahlreichen Großstädten, Häfen wie Rotterdam und Flughäfen mehr als 14 Millionen Personen rein elektrisch befördert und über 100 Millionen Kilometer real zurückgelegt.

Die Realisierung der beim TecDay gezeigten Entwicklungen in allen vier ZF-Geschäftsbereichen könnte recht zügig verlaufen, sofern die Automobilhersteller anbeißen. Nun darf man gespannt sein, wie die Innovationen bei den ZF-Kunden ankommen.

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.

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