Zulieferer ZF arbeitet am fahrenden Wohnzimmer

ZF arbeitet am Innenraum der Zukunft

So könnte das Cockpit der Zukunft aussehen. Foto: ZF
Trotz zahlreicher Komfortelemente steht die Sicherheit im Cockpit der Zukunft an erster Stelle. © ZF

Auf dem Weg zum automatisierten Fahren spielt die Sicherheit die entscheidende Rolle. Der Zulieferer ZF beschäftigt sich derzeit intensiv mit dem Innenraum der Zukunft.

Denn der Umbruch in der Automobilindustrie macht auch vor der Gestaltung des Innenraums nicht Halt. „Mit Abstand betrachtet sind die bisherigen Innenräume sehr standardisiert aufgebaut. Durch die neuen Assistenzfunktionen befinden wir uns das erste Mal seit langer Zeit in einer Umbruchsituation bei der Entwicklung von Innenräumen“, sagt Stefan Knöß, Projektleiter Integrated Safety bei ZF, der Autogazette.


Besonders das Ziel des automatisierten Fahrens beschert den Entwicklern des Zulieferers vom Bodensee neue Aufgaben. Waren die früheren Anforderungen der Cockpit-Gestaltung laut Knöß auf die Rolle des Fahrers konzentriert, so „haben wir heute vor allem durch die Assistenzsysteme eine kontinuierlich steigende Komplexität im Fahrzeug, die uns bei der Entwicklung künftiger Fahrzeuginnenräume vor spannende Herausforderungen stellt.“ Gemeinsam mit Faurecia schaffen die Spezialisten unter dem Namen „Concept 2020“ erste Ergebnisse für den Innenraum der Zukunft.

Erster großer Wandel seit Jahrzehnten

Knöß spricht dabei vom ersten großen Wandel seit Jahrzehnten, der im Innenraum stattfände – und das halt nicht nur für die Designer. „Durch automatisierte Funktionen wird die Fahrverantwortung künftig teilweise an das Fahrzeug übergeben werden können. Der Fahrer wird beim autonomen Fahren zum Beifahrer.“

Wer jetzt vom rollenden Kino oder Büro träumt, liegt nicht falsch, doch stehen zuerst andere Aufgaben für die Entwickler auf der Agenda. „Automatisiertes Fahren ohne Sicherheit wird nicht möglich sein. Das reicht von sicheren Fahrfunktionen, sicherer Bedienung bis hin zur Anpassung von passiven Sicherheitssystemen wie Gurten und Airbags“, sagt Georges Halsdorf, stellvertretender Leiter der Abteilung Integrated Safety bei ZF.

Zusammenspiel aktiver und passiver Systeme

Das Concept 2020. Foto: ZF
Die Umgebung wird von den Systemen erfasst. Foto: ZF

Zum einen geht es Halsdorf dabei um die Vernetzung der modernen Assistenzsysteme untereinander. Zudem müssen Spurhalteassistent und Co. „immer mehr mit passiven Sicherheitssystemen wie Gurten und Airbags verschmelzen.“ Denn auch die bereits seit Jahrzehnten bewährten Lebensretter müssen auf den Wandel im Innern eingestellt werden, „wenn etwa der Fahrersitz weiter verschoben oder gedreht werden“ könne. Denn auch bei einem möglichen Crash muss der Gurt die Insassen schützen. Halsdorf geht deshalb davon aus, dass der Gurt in Zukunft Bestandteil des Sitzes werden könne.

Aber auch die Vernetzung der Systeme mit dem Fahrer bedarf einer Optimierung. Im Level 4 der fünfstufigen Skala zum automatisierten Fahren, bei dem noch Lenkrad und Gaspedal notwendig sind, müsse der Innenraum dazu beitragen, dass der Fahrer weiß, ob die Verantwortung bei ihm oder dem Fahrzeug liegt, sagt Knöß. Der Entwicklungsingenieur betont dabei, dass es ohne Lösungen bei der Sicherheit kein automatisiertes Fahren gebe. „Sicherheit muss bei der Entwicklung der Fahrfunktionen eines Automobils mitgedacht werden. Denn Sicherheit kann nicht unabhängig entwickelt und dann ‚nachgerüstet‘ werden.“

Der Mensch als Rückfallebene

Ein ZF-Cockpit aus dem Jahr 2016. Foto: ZF
Bereits seit Jahren arbeitet ZF an diversen Cockpit-Konzepten. Foto: ZF

Halsdorf bezeichnet den Menschen im „technisch schon größtenteils beherrschbaren“ Level 4 als „Rückfallebene. Beim vollautonomen Fahren muss das Fahrzeug die volle Funktionsfähigkeit alleine garantieren. Das wird nach und nach geschehen.“ Und spätestens hier kommt ein weiterer Faktor ins Spiel, der nicht in den technischen Bereich fällt. „Das Selbstverständnis des Fahrers zum Beifahrer muss entwickelt werden. Das ist kein technischer, sondern ein psychologischer Vorgang“, sagt Knöß.

Dann avanciere der Fahrer zum Beifahrer und könne die Zeit ebenso flexibel nutzen wie seine Mitfahrer. Für Knöß keine ungewöhnliche Situation, denn Autofahrer seien ja auch Beifahrer und hätten somit schon genügend Erfahrungen gesammelt, dass ein Auto ohne die eigene Verantwortung von A nach B kommen kann. Wobei es natürlich gute und weniger geeignete Beifahrer gibt. Doch diejenigen, die den Fahrstil anderer kritisieren, werden wohl auch nicht in ein Fahrzeug steigen, welches sie zum gewünschten Ziel bringt.

Cockpit zwischen Wohnzimmer und Gesetz

Doch dieses Szenario wird wohl auch noch eine Weile auf sich warten lassen. Derzeit ist die Technik gerade einmal an der Stufe zum Level 3. Klöß denkt, dass Level 4 zunächst nur in gewissen Zonen zur Anwendung komme. Der Übergang zwischen den einzelnen Stufen aber erfolge kontinuierlich. Wann der Zeitpunkt konkret erreicht ist, wollen und können beide Spezialisten nicht sagen.

Denn neben den Anforderungen der Menschen, die sich laut Klöß „ein bewegtes, fahrendes Wohnzimmer“ vorstellen, müssen sich die Entwickler noch weiteren Anforderungen stellen: „Der Gesetzgeber wird die Anforderungen aus der Sicherheitsperspektive formulieren. ZF muss beide Perspektiven unter einen Hut bekommen.“

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