EU segnet milde Abgaswerte ab

Harte Kritik vom VCD

EU segnet milde Abgaswerte ab
Die EU hat abgeschwächte Abgaswerte abgesegnet © Daimler

Das EU-Parlament ist den Autoherstellern entgegengekommen. Die Kriterien für die Abgastests wurden im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen stark abgeschwächt.

Das EU-Parlament hat die Kriterien für die realistischeren Abgastests bei Diesel-Pkw beschlossen. Die Parlamentarier folgten dabei den Vorschlägen der Mitgliedsstaaten, die deutlich weniger streng sind als in den ursprünglichen Plänen der EU-Kommission.

Viermal so hohe Werte als in den USA

Demnach darf der Stickoxid-Ausstoß neuer Pkw-Typen ab 2017 unter realen Fahrbedingungen beim sogenannten RDE-Test um 110 Prozent über dem gesetzlich vorgeschriebenen Laborwert von 80 Milligramm pro Kilometer liegen. Erst ab 2020 müssen die Grenzwerte exakt eingehalten werden, wobei eine Abweichung um 50 Prozent Messungenauigkeiten ausgleichen soll. Ab 2021 sollen die Grenzwerte für alle Neuwagen, nicht nur für neu auf den Markt gebrachte Modellreihen, gelten. Ursprünglich hatte die EU-Kommission strengere Regeln vorgeschlagen, die erlaubte Abweichung etwa war auf 60 Prozent begrenzt.

Der Autoherstellerverband VDA begrüßt die Entscheidung. Die Anforderungen seien aber trotzdem sehr ehrgeizig. Im Vergleich zum heutigen Bestand bedeuteten sie eine Schadstoffsenkung von 78 Prozent. Umweltschützer hingegen finden die Grenzwerte zu lasch. Die Deutsche Umwelthilfe etwa kritisiert, dass Autos in Europa somit künftig viermal so viele Schadstoffe ausstoßen dürften wie in den USA.

VCD sieht fatale Bedingungen

Auch der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) haderte mit dem Beschluss. Zwar wurde die Beseitigung der Hürden für die Einführung der Schadstoffmessung im Verkehr ab 2017 begrüßt, "aber das zu fatalen Bedingungen. Das unter Druck gesetzte Parlament kommt allein der Autoindustrie entgegen, auf Kosten der Gesundheit der Menschen. Denn laut dem heutigen Abstimmungsergebnis, darf der Ausstoß von Stickoxiden bei Dieselfahrzeugen ab 2017 doppelt so hoch sein wie der heutige Grenzwert“, sagte der verkehrspolitische Sprecher Gert Lottsiepen.

Lottsiepen fordert zudem "eine schnelle Überprüfung der Flexibilitäten für den Schadstoffausstoß bei Straßenmessungen. Bleibt es jedoch bei der heutigen Regelung, dann wird der Diesel sein Image als Dreckschleuder kaum ablegen können."

VW-Skandal bringt Brisanz ins Thema

Bis vor wenigen Monaten haben die sogenannten „Real World Driving Emissions“ nur Insider beschäftigt. Doch durch den VW-Diesel-Skandal hat das Thema Schadstoffmessung im realen Fahrbetrieb an Brisanz gewonnen. Spätestens 2017 sollen neue Pkw mit einer Abgassonde auf Landstraßen und Autobahnen getestet werden. Real World Driving Emissions – oder abgekürzt RDE – ist das Schlagwort. Schon jetzt ist klar, dass Pkw die aktuellen Labor-Grenzwerte zumindest in Sachen Stickoxide dabei wohl kaum einhalten können. Die aktuelle Abgasnorm Euro 6 sieht einen Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer für Stickoxide (NOx) vor, ermittelt im Labortest mit dem noch aktuellen NEFZ-Normzyklus. Die nun festgelegten Abweichungs-Grenzwerte erlauben nun zunächst 168 Milligramm – etwas weniger als in der bis September gültigen Abgasnorm Euro 5 im Labortest vorgesehen war.

Wie leicht oder schwer dieser Wert zu erreichen ist, hängt auch von der konkreten Ausgestaltung des RDE-Tests ab. Klar ist aber, dass der Schadstoffausstoß im realen Straßenverkehr massiv höher liegt als im Labor. Studien aus den Niederlanden, Norwegen und Deutschland gehen bei Stickoxiden aus Dieselfahrzeugen von Überschreitungen vom sieben bis fünfzehnfachen der europäischen Grenzwerte aus. (AG/dpa)

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Thomas Flehmer
Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.

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