Volkswagen: Elektrisch und vernetzt zu neuem Image

Autobauer setzt auf Nachhaltigkeit

Der VW Budd-e wurde auf der CES vorgestellt.
Der VW Budd-e wurde auf der CES vorgestellt. © VW

Die Zeiten des Weltautos sind vorbei. VW stellt sich für die Zukunft neu auf. Dazu gehört, dass die Marke auf Nachhaltigkeit setzt. So will der Konzern bis zum Jahr 2025 mit seinen Marken weltweit eine Million Elektro- und Hybridautos absetzen – und sein Image aufpolieren.

Von Frank Mertens

Der Dieselskandal hat das Image von Volkswagen ramponiert. Die Marke muss das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Das soll zum einen mit einer lückenlosen Aufklärung des „Diesel-Themas“ (so bezeichnet man den Skandal um die Schummelsoftware in Wolfsburg beschönigend) gelingen, zum anderen will sich die Marke neu positionieren.

Dazu hat Konzernchef Matthias Müller gerade vor Führungskräften des Unternehmens seine Strategie 2025 präsentiert. Zu dieser neuen Strategie gehören nicht nur mehr Verantwortung für die Konzernmarken, bessere Renditen und flachere Hierarchien, sondern auch eine Positionierung der Kernmarke hin zur Nachhaltigkeit. „Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2025 eine Million Elektro- und Hybridautos zu verkaufen“, sagte VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann am Wochenende vor Journalisten in Berlin. Damit hätte nach heutigem Stand jedes zehnte verkaufte Auto des Konzerns einen Batterieantrieb mit an Bord.

Elektromobilität im Mittelpunkt der Arbeit

Wie Stackmann bereits vor einigen Wochen im Interview mit der Autogazette betonte und jetzt in Berlin wiederholte, würde die Marke das Thema Elektromobilität generell in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellen. „Eine der Hauptzukunftsinitiativen der Marke Volkswagen ist der modulare elektrische Baukasten, der natürlich auch in einem Markt wie den USA eine große Bedeutung haben wird. Das ist eine große Chance für eine Neupositionierung der Marke Volkswagen in Richtung Nachhaltigkeit“, sagte Stackmann. „Wir glauben an die Elektromobilität im Volumen, nicht in der Nische“, fügte der Vertriebschef der Kernmarke VW hinzu.

Dass die Elektromobilität derzeit mit Blick auf den Absatz schlecht planbar ist, weiß auch Stackmann. Dafür sind die Rahmenbedingungen in den Ländern weltweit zu unterschiedlich. Während beispielsweise in Norwegen und den Niederlanden die Elektromobilität aufgrund der dortigen Förderrichtlinien und guten Infrastruktur in den zurückliegenden Jahren ein wahren Schub erlebte, führt sie in Deutschland ein Schattendasein.

Doch das könnte sich jetzt zumindest etwas ändern, nachdem die Bundesregierung sich nach langem Ringen bereiterklärt hat, eine Kaufprämie für Elektroautos in Höhe von 4000 Euro und für Plug-in-Hybride von 3000 Euro auszuloben. Dafür stehen 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung, wovon die Hälfte von den Autobauern kommt. Stackmann begrüßt diese Kaufprämie. „Sie wird dazu führen, dass sich die Menschen mit dem Thema beschäftigen.“

Ausbau Ladeinfrastruktur fast noch wichtiger

Jürgen Stackmann
Jürgen Stackmann VW

Für Stackmann fast noch wichtiger ist aber der geplante Bau von 15.000 Ladestationen, für die die Regierung 300 Millionen Euro bereitstellt. „Noch fragen sich viele Kunden, woher bekomme ich den Saft für ein Elektroauto? Doch das wird mit dem nun geplanten Ausbau der Ladeinfrastruktur kein Thema mehr sein.“

Auf den Markthochlauf der Elektromobilität glaubt man bei VW vorbereitet zu sein. Derzeit hat die Kernmarke mit dem e-Up und dem e-Golf bereits zwei rein elektrische Fahrzeuge im Angebot, daneben gibt es noch den Passat GTE und den Golf GTE als Plug-in-Varianten. Im Vorjahr konnte die Kernmarke weltweit 42.000 Einheiten davon absetzen, wovon rund 55 Prozent auf die Plug-in-Varianten entfielen.

Doch das wird sich perspektivisch hin zu rein elektrisch angetriebenen Fahrzeugen verschieben, ist Stackmann überzeugt. So plant der Konzern bis 2020 rund 20 Modelle mit Elektro- beziehungsweise Plug-in-Antrieb auf den Markt zu bringen. Die Kernmarke VW wird in den kommenden vier Jahren jeweils fünf Elektro- und Plug-in-Fahrzeuge anbieten. Derzeit sind Norwegen, die Niederlande, Deutschland und die USA die wichtigsten Märkte für diese elektrischen Fahrzeuge. Doch das wird sich schnell ändern, so Stackmann. China wird sich über kurz oder lang an die Spitze der wichtigsten Märkte für die E-Mobilität setzen.

Diese Fahrzeuge werden dann nicht mehr auf dem Modularen Querbaukasten (MQB) basieren, sondern auf dem Modularen Elektrischen Baukasten (MEB). „Er ermöglicht es uns dann, auch neue Fahrzeugkonzepte anzubieten“, wie Stackmann betont. Ob das dann auch dazu führen wird, dass die in seinen Traditionen verhaftete Marke VW den Mut hat, wie BMW mit dem i3 ein komplett für die E-Mobilität entwickeltes Fahrzeug anzubieten, bleibt abzuwarten. Denn die Kunden sollen nicht verschreckt werden. „Wir werden auch mit unseren künftigen Fahrzeugen nicht negativ polarisieren.“

Auch mal ins unbekannte Fahrwasser zu springen

VW will in China beim Bau von E-Autos kooperieren.
Ladung des Golf GTE VW

Allerdings, so fügt Stackmann hinzu und lässt damit Interpretationen zu, ermögliche der MEB es der Marke auch „Sprünge in neue Richtungen“ zu machen. Zudem müsse man als Vorstand auch den Mut haben, dorthin zu springen, wohin man springen will, auch ins unbekannte Fahrwasser, sagte der Manager. Doch eines muss bei allen kommenden Innovationen und der Transformation der Marke in die digitale Welt gewährleistet sein: „Die intuitive Bedienbarkeit unserer Fahrzeuge darf nicht verloren gehen. Das ist eine unserer großen Markenwerte.“ Wie Stackmann sagte, müssten seine Brüder, die beide über 70 Jahre alt vom Innenraum eines Fahrzeugs mit digitaler Oberfläche genauso begeistert sein wie sein Sohn.

Wie ein Fahrzeug mit E-Antrieb und digitaler Benutzerführung aussehen kann, hatte VW zu Jahresbeginn bereits mit dem Budd-e gezeigt. Er bringt es nicht nur auf eine elektrische Reichweite von 375 Kilometern, sondern ist auch im Internet der Dinge verankert. Doch bevor man den Budd-e auf den Straßen sehen wird, wird man Optimierungen bei der Reichweite existierender E-Autos wie dem Golf sehen, dessen Reichweite von jetzt 190 Kilometer um 30 Prozent gesteigert werden soll.

Der Ansatz der Wolfsburger geht aber weiter; VW erfindet sich neu. Perspektivisch will der Autobauer sich seinen Kunden als Mobilitätsdienstleister präsentieren. Dazu gehört die vernetzte Mobilität: Carsharing beispielsweise gehört dazu genauso wie eine Nutzer-Community. So soll das Volkswagen von morgen smart und zukunftsweisend sein. „Wir haben einen weltweiten Fahrzeugbestand von 40 Millionen Fahrzeugen und jeder Jahr kommen sechs Millionen Fahrzeuge hinzu. Keine schlechten Voraussetzungen für eine Community.

Zur Neuerfindung der Marke Volkswagen gehört neben den neuen Technologien aber auch der Abschied vom Weltauto. Ein Auto, das die Bedürfnisse der Menschen in Europa ebenso trifft wie das der Kunden in China, ist eine Illusion. „Wir müssen uns auf die Bedürfnisse der Kunden in den verschiedenen Regionen einstellen“, sagt Stackmann. So ist der durchschnittliche VW-Kunde in Europa beispielsweise 53 Jahre alt, in China bei nur 28 Jahre. Auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse muss die Marke eine Antwort finden. Stackmann ist überzeugt, dass man sie hat. Der Vertriebschef glaubt zudem daran, dass VW nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Aber das muss er auch schon qua Amt sagen.

Vorheriger ArtikelOpel mit Schwarzgelb zum Erfolg
Nächster ArtikelBMW und Toyota geben sich gemeinsam sportlich
Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.