Zwei-Zimmer-Wohnung auf weniger als fünf Metern

VW Reisemobile

Rund 13.000 Reisemobile hat VW Nutzfahrzeuge im letzten Jahr verkauft
Rund 13.000 Reisemobile hat VW Nutzfahrzeuge im letzten Jahr verkauft © AG/Flehmer

Kurz nach der Einführung des ersten Bullis gab es auch schon die erste Campingbox für den VW T1. In den gut 66 Jahren danach ist eine eigene Branche erwachsen, die für Hochstimmung sorgt – dem Diesel zum Trotz.

Von Thomas Flehmer

1950 erblickte der erste VW Bulli das Licht außerhalb der Produktionshallen. Der neue Transporter war zunächst nur als Kastenwagen vorgesehen für die Auslieferungen im urbanen Verkehr. Doch das zarte Aufkeimen eines Wirtschaftswunders beflügelte die Phantasie recht schnell.

„1951 gab es die erste Campingbox für den T1. Sechs Jahre später wurde der Bulli auch als Wohnmobil ab Werk ausgeliefert“, sagt Hannes Wendler vom Marketing VW Nutzfahrzeuge. 65 Jahre später wurden allein in 2016 13.000 Einheiten des Campers California und des Caddy Beach ausgeliefert – Tendenz stabil mit Anstiegen.

Dass die Campergunst im Laufe der Jahrzehnte gestiegen ist, belegen nicht nur die Absatzzahlen, sondern auch die verschiedenen Modelle, die dem legendären Bulli folgten und dem ein weiterer folgen wird. Der neue Crafter, der seit dem letzten Jahr in Eigenregie vom Band läuft, hat laut Wendler auch das Interesse geweckt. „Viele Aufbauhersteller setzen sich bereits mit dem Crafter auseinander.“

Partnerschaften mit über 20 Aufbauherstellern

Doch nicht nur der Crafter ist das Objekt der Begierde, die Aufbauhersteller bauen je nach Wunsch individuelle Aufbauten zusammen – egal auf welches Fahrzeug. Dass dabei natürlich die Nutzfahrzeuge eher prädestiniert sind als ein VW Up, erklärt sich von selbst, doch ansonsten steht den Kunden die Welt offen. „Die Aufbauhersteller erfüllen jeden Wunsch der Kunden“, sagt Christian Schlüter, Pressesprecher von VW Nutzfahrzeuge.

Mit über 20 Aufbauherstellern betreibt die Nutzfahrzeugsparte Partnerschaften. „Jeder verfolgt dabei seine eigene Philosophie“, so Schlüter weiter. Recht neu auf dem Markt ist dabei das Startup-Unternehmen Gehocab. Für deren Chef Ulrich Gehrke-Hoog ist der Weg zu VW dabei recht kurz, da er selbst bis vor vier Jahren einen Managerposten beim Volkswagen-Konzern bekleidete und nun Amaroks in luxuriöse Reisemobile verwandelt.

Carbon für leichten Amarok-Aufbau

Der Weinkeller darf im umgebauten Amarok nicht fehlen
Der Weinkeller darf im umgebauten Amarok nicht fehlen AG/Flehmer

Dabei werden hauptsächlich Carbon-Elemente verwendet, die auch in der Luftfahrt zum Einsatz kommen. „Der Aufbau wiegt dadurch nur 212 Kilogramm“, so Gehrke-Hoog. Mit luxuriösen Elementen entsteht dann eine edle Kabine mit zwei Betten, Küche, Bad und Wohnraum für 112.000 Euro. Nimmt man noch rund 50.000 Euro für den Amarok hinzu und bestückt den Pickup noch mit Assistenten oder sonstigen aufpreispflichtigen Elementen, sind die 200.000 Euro nicht mehr so fern.

„Es ist eine Lebensentscheidung, die ab 55 Plus getroffen wird: Kaufe ich mir eine Jacht, eine Finca oder ein Reisemobil?“, sagt Gehrke-Hoog, für den der normale Camper „nicht in unsere Zielgruppe“ falle, „das ist Lifestyle“. Zwei Stück hat der ehemalige VW-Manager bereits verkauft, „wenn ich zehn Einheiten pro Jahr verkaufe, bin ich zufrieden.“

Über die Praxis zum Beruf

Der Terra Camper gibt sich sehr praktisch für alle Bedürfnisse
Der Terra Camper gibt sich sehr praktisch für alle Bedürfnisse AG/Flehmer

Nicht in dieser Preisklasse bewegen sich die Modelle von Terra Camper. Das Unternehmen aus Hagen spezialisiert sich auf Aufbauten für den T6 und den Mercedes Vito. Das Aufstelldach, das als so genanntes Open-Sky-Dach den Blick in den Sternenhimmel ermöglicht, ist dabei der große Stolz des Herstellers; nebenher kann der T6 die Bedürfnisse des Alltags ebenso befriedigen wie die der Reise. Denn die jeweiligen Komponenten wie Küche oder Waschbecken können leicht aus- wie eingebaut werden. Zwei Technik-Seitenteile fungieren als Steckplätze für Wasser- oder Stromanschluss, sodass die Reise schnell beginnen kann.

„Es ist ein eigen entwickeltes Konzept für zwei Personen. Eine Zwei-Zimmerwohnung auf 4,90 Metern“, sagt Martin Hemp. Der Chef von Terra Camper kam durch zahlreiche Reisen über die Praxis zum neuen Beruf. Immer, wenn ihn etwas ärgerte im Reisemobil, baute er sich selbst eine Lösung. „Irgendwann waren die Lösungen so profihaft“, dass er auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf vor sieben Jahren angesprochen wurde, die Lösungen in Serie zu fertigen, was Hemp seitdem macht. „Rund sechs Wochen Bauzeit veranschlagen wir. Die Wartezeit beträgt ein knappes Jahr.“ Rund 25 Einheiten entstehen innerhalb von zwölf Monaten, die Preise für eine Komplettausstattung betragen rund 70.000 Euro – mit Auto.

Keine Ängste vor Dieselverboten

Auch bei den anderen Herstellern bewegen sich Einheiten pro Jahr in diesem Bereich. Als unangefochtener Spitzenreiter ragt die Firma Spacecamper mit rund 120 Einheiten pro Jahr dabei heraus. Trotz der geringen Stückzahlen tragen die Aufbauten zur Vielfalt von VW-Bus, Caddy und Co bei. „Jeder hat seine eigene Philosophie“, sagt Schlüter, „das ist der Grund, dass wir mit so vielen Partnern unterwegs sind.“

Und die eher kleinen Stückzahlen werden ja durch die eigenen Verkäufe mehr als ausgeglichen - und das ohne Zukunftsängste. Denn die Diskussionen um den Diesel berühren die Branche kaum. Fast einhundert Prozent der Reisemobilisten setzen auf Selbstzünder, der mit Ad Blue und Abgasreinigungssystem auch Chancen auf eine eventuell kommende Blaue Plakette hätte. Bei VW Nutzfahrzeuge ist das ganz lapidar "kein Thema".