Piech ist weg – aber allgegenwärtig

VW-Hauptversammlung

Martin Winterkorn, Hans Michel Piech und Wolfgang Porsche (v.l.n.r.) beim traditionellen Rundgang.
Martin Winterkorn, Hans Michel Piech und Wolfgang Porsche (v.l.n.r.) beim traditionellen Rundgang. © dpa

Erstmals seit einem Jahrzehnt ist Ferdinand Piech auf einer VW-Hauptversammlung nicht zugegen. Dabei ist der ehemalige Patriarch nach seinem verlorenen Machtkampf ganz präsent – und wird überschwänglich gelobt.

Der «Alte» ist weg - und dennoch allgegenwärtig. Nach der erbitterten Führungsschlacht bei Volkswagen gibt es auf einmal warme Worte für Ferdinand Piëch, den Patriarchen außer Dienst. Fast scheint es, als stünde er auf der Hauptversammlung kurz vor der Heiligsprechung: So bemüht wirken Vorstandschef Martin Winterkorn und andere VW-Größen, Piëchs Verdienste zu würdigen. Die Botschaft aus Hannover ist klar. Der Machtkampf ist beendet, der Blick geht nach vorn. Und die Gewinner gehen einen Schritt auf den Verlierer zu.

Hans Michel Piech tritt aus dem Hintergrund

Die beispiellose Führungskrise hat das Machtgefüge bei Europas größtem Autobauer erschüttert. Piëch trat als Aufsichtsratschef zurück - jahrzehntelang hat er den Konzern geprägt wie kein Zweiter. Aber sein Versuch, Winterkorn zu demontieren, lief ins Leere. Piëchs Abgang bedeutet eine Zeitenwende für VW. Sichtbar wird dies am Dienstagmorgen kurz vor dem Aktionärstreffen in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Wie immer präsentiert Volkswagen vor dem Saal seine Autos, ein Modell des Zwölf-Marken-Konzerns reiht sich ans nächste.

Doch es ist nichts mehr wie früher. Nun heißt es: Trio statt Duo, Porsche statt Piëch. Beim Rundgang über die Ausstellung hat Winterkorn eine ungewohnte Begleitung an der Seite. Er wird flankiert von Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch. Ein Piëch also ist dabei - aber nicht wie früher Ferdinand, der stets die Modelle mit abnahm. Wolfgang Porsche - und noch mehr Hans Michel Piëch - hatten sich bisher im Hintergrund gehalten. Nun stehen sie im Mittelpunkt, nachdem das frühere Machtzentrum Piëch in der Krise weggebrochen ist.

Kein Nachtreten gegen Piech

Das ungewohnte Bild wirkt wie aus einer fremden Welt, Piëchs abruptes Aus an der Spitze von Konzern und Aufsichtsrat lässt Volkswagen mit einer Art Phantomschmerz zurück. Dabei steckt das Unternehmen nicht nur personell im Umbruch, sondern auch strategisch und strukturell.

Trotz des ganzen Dramas, in dem Piëch seine Attacken auf Winterkorn ritt, treten die Gewinner des Machtkampfes nicht nach. Im Gegenteil: Sie würdigen Piëchs Verdienste - unter dem Beifall der Aktionäre.

Huber und Hocker mit Versprechern

Den Anfang macht ausgerechnet die Zielperson der Attacken. Winterkorn sagt: «Ferdinand Piëch hat die Automobilindustrie in den vergangenen fünf Jahrzehnten geprägt wie kein Zweiter - als Unternehmer, als Ingenieur, als mutiger Visionär. Dieser Konzern und seine Menschen - und auch ich - haben Herrn Dr. Piëch sehr viel zu verdanken.»

Teils wirkt es so, als schwebe Piëchs Geist noch immer über VW. Aktionärsschützer Ulrich Hocker spricht in seiner Rede Winterkorn versehentlich als «Herr Professor Piëch» an - nachdem zuvor schon der kommissarische Aufsichtsratschef Berthold Huber noch Piëch im Kopf hatte, als er eigentlich den Vorstandsvorsitzenden Winterkorn meinte.

Ministerpräsident Weil gewinnt an Statur

Gut drei Wochen lang tobte der Machtkampf zwischen Piëch (78) und seinem beruflichen Ziehsohn Winterkorn. Lange sah es aus, als sei der 67-jährige Konzernboss erledigt und werde den Angriff des Patriarchen nicht überstehen. Inzwischen weiß es die Autowelt besser.

Einen entsprechend gelösten Eindruck macht der Vorstandschef beim Gang über die Autoschau. «Sehr souverän» wirke Winterkorn, meint Niedersachsens Regierungschef und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD). Auch er wirkt entspannt. Im Machtkampf hat Weil an Statur gewonnen.

Noch viele offene Themen für VW

Wenn es VW gut gehe, gehe es dem Land gut – nach dieser Maxime habe er gehandelt, sagt Weil, der das Land als Großaktionär vertritt. Es sei eine «Klärung» notwendig gewesen, meint der Sozialdemokrat mit Blick auf den Machtkampf: «Wir alle haben die Situation nicht haben wollen, mussten aber damit umgehen.» Volkswagen könne sich nun wieder aufs eigentliche Geschäft konzentrieren: Autos bauen und verkaufen.

Dieser Satz fällt - so oder so ähnlich - oft an diesem Dienstag. Doch viele Themen sind noch offen nach dem dreiwöchigen Kräftemessen. Da ist einerseits die Frage, wer auf Piëch folgt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wird keine schnelle Entscheidung fallen.

Neue Holding mit MAN und Scania

Aber neben der personellen Frage gibt es noch weitreichendere Punkte, sie haben mit der Struktur des Riesenkonzerns zu tun. Diese war bisher zentralistisch auf das Erfolgs-Duo Winterkorn/Piëch zugeschnitten. Dabei lässt noch vor dem Start der Hauptversammlung die Nachricht aufhorchen, dass VW bereits erste Schritte für eine Dezentralisierung seiner Führung unternimmt. Der Konzern bündelt sein Geschäft mit den Nutzfahrzeug-Töchtern MAN und Scania in einer eigenständigen Holding. Diese Art Konzern im Konzern soll eine «engere Vernetzung der Marken, kürzere Entscheidungswege und mehr Tempo» ermöglichen.

Könnte ein solches Delegieren von Teilen der Macht auf eine mittlere Ebene als Blaupause für weitere Teile des Konzerns dienen? «Wir brauchen klare Strukturen, um in den einzelnen Bereichen schnell und flexibel handeln zu können», fordert Betriebsratschef Bernd Osterloh. Das Holding-Modell dürfte Schule machen für weitere Fahrzeugfamilien wie die Pkw aus dem Volumengeschäft für die Massen: VW, Skoda und Seat. Oder für die Luxusmarken rund um Porsche, Audi und Lamborghini sowie Bentley und Bugatti. Dabei geht es nicht zuletzt um die interne Abgrenzung der Marken, damit sie sich nicht zu sehr kannibalisieren.

Zweikampf mit Toyota

Und alles dreht sich um die Frage, welche Modelle man braucht, um den Weltmarktführer Toyota abzulösen. Eine bemerkenswerte Szene: Beim Rundgang kommt der Winterkorn-Tross zum Stand der Luxustochter Bugatti. Deren Chef Wolfgang Dürheimer erklärt «das absolute Spitzenprodukt des Konzerns», einen Bugatti Veyron. Als er von den Geschwindigkeitsweltrekorden berichtet - der Veyron bringt es auf 432 Stundenkilometer - flüstert Ministerpräsident Weil einem Nachbarn ironisch zu: «Der passt ja besonders gut in eine Tempo-30-Zone.»

Der Veyron schluckt innerorts 42 Liter auf 100 Kilometern. Die Zukunft gehört jedoch Autos, die die strikten Abgasvorgaben schaffen und sich mit alternativen Antrieben auf die Endlichkeit des Öls einstellen. Dabei könnte Volkswagen nun einer fehlen, den sie alle als Visionär loben. (dpa)

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Der diplomierte Religionspädagoge arbeitete neben seiner Tätigkeit als Gemeindereferent einer katholischen Kirchengemeinde in Berlin in der Sportredaktion der dpa. Anfang des Jahrtausends wechselte er zur Netzeitung. Seine Spezialgebiete waren die Fußball-Nationalelf sowie der Wintersport. Ab 2004 kam das Autoressort hinzu, ehe er 2006 die Autogazette mitgründete. Seit 2018 ist er als freier Journalist unterwegs.