Volkswagens später Wandel zum Mobilitätsdienstleister

Einstieg beim Fahrdienstvermittler Gett

VW-Chef Matthias Müller in Berlin.
VW-Chef Matthias Müller in Berlin. © dpa

Es hat etwas gedauert, doch nun steigt auch Volkswagen ins Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen ein. Die Wolfsburger beteiligen sich am Fahrdienstvermittler Gett – und erhoffen sich ein zweites Standbein neben dem klassischen Autogeschäft.

Von Frank Mertens

Autobauer wie BMW und Daimler haben bereits vor Jahren erkannt, dass sie sich jenseits des reinen Autogeschäfts als Mobilitätsdienstleister präsentieren müssen. Entsprechend sind die beiden Hersteller nicht nur mit ihren Angeboten DriveNow und Car2Go im Carsharinggeschäft unterwegs, sondern haben sich wie die Stuttgarter unter anderem auch an myTaxi und einer Mitfahrerzentrale beteiligt.

In Zeiten, in denen der Besitz des eigenen Autos gerade in Großstädten für junge Menschen immer unattraktiver wird, müssen sich die Autohersteller abseits des reinen Autogeschäfts auch ein zweites Standbein schaffen. Das hat nun auch Europas größter Autobauer Volkswagen erkannt, der sich mit 300 Millionen US-Dollar am Fahrdienstanbieter Gett beteiligt. Wie VW-Chef Matthias Müller am Mittwoch in Berlin sagte, werde das klassische Geschäft, Autos zu entwickeln zwar auch in der Zukunft essentiell bleiben. „Aber damit ist es nicht länger getan. Unser Kernprodukt ist künftig zunehmend nicht mehr nur das Auto", sondern die Mobilität, wie er sagte. Nachdem die Wolfsburger in der Vorwoche ihr Engagement bei dem Uber-Konkurrenten Gett bekannt gegeben hatten, wurde im Automobilforum in Berlin von Müller und Gett-Chef Shahar Waiser am gestrigen Mittwoch nun die Vereinbarung unterzeichnet.

Später Einstieg in Mobilitätsdienstleistungen

Im Vergleich zu BMW und Daimler steigt VW damit spät ins Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen an. Aber nicht zu spät, wie Johann Jungwirth findet. Der von Apple abgeworbene und davor bei Daimler unter Vertrag stehende Jungwirth verantwortet bei VW den neu geschaffenen Bereich Digitalisierungsstrategie. „Wir kommen mit den Einstieg genau zum richtigen Zeitpunkt“, sagte Jungwirth. Findet das auch Müller? Natürlich widerspricht der VW-Chef seinem Digitalisierungsexperten nicht. Auch wenn Firmen wie BMW und Daimler das Feld der Mobilitätsdienstleistungen beackern, will Müller nichts davon wissen, dass man hier etwas spät dran ist. Allerdings verweist Müller darauf, dass er sein Amt als VW-Chef erst seit Ende September des vergangenen Jahres bekleidet.

Entsprechend trägt er nicht für die Entscheidungen die Verantwortung, die vor seiner Zeit gefällt oder nicht gefällt wurden. Müller und sein Team schauen nach vorn und haben erkannt, wie wichtig Geschäftsfelder wie Mobilitätsdienstleistungen für die Zukunft des Unternehmens sind. So sei der Einstieg von VW bei Gett ein erster wichtiger Baustein der Strategie 2025, mit der sich der Konzern für die Zukunft neu ausrichten will. Bis 2025 plant VW damit, bereits einen substanziellen Teil seines Umsatzes mit Mobilitätsdienstleistungen zu erwirtschaften. Wieviel das sein soll, wurde nicht verraten.

Wie Müller sagte, würde das so genannte Ride Hailing, darunter wird der Markt für Fahrvermittlung und Mobilität auf Abruf verstanden, eine große strategische Relevanz für VW besitzen. Dieses Ride Hailing werde ins „Zentrum unseres neuen neuen Mobility on demand-Geschäftsfeldes rücken, das wir als zweite Säule neben dem klassischen Automobilgeschäft aufbauen“, sagte der VW-Chef. Welche Mobilitätsdienstleistung als nächster logischer Schritt nach dem Einstieg bei Gett folgen wird, beispielsweise das Carsharing, verriet Müller nicht.

Gett in 60 Städten weltweit präsent

Matthias Müller und Shahar Waiser
Matthias Müller und Shahar Waiser (r.) dpa

Von dem Einstieg bei Gett jedenfalls verspricht sich Müller eine Menge. „Mit unserem Investment in Gett erlangen wir ab sofort Zugang zu einem Service, von dem Menschen auf der ganzen Welt profitieren können.“ So ist Gett weltweit bereits in 60 Städten mit 50.000 Taxi-Cabs wie beispielsweise London, Moskau und New York vertreten. Dabei besitzen alle Fahrer von Gett auch über eine Lizenz zur Personenbeförderung. Ein Aspekt, der Gett vom Konkurrenten Uber unterscheidet, der deshalb sein Angebot in Deutschland bis auf Weiteres auch einstellen musste.

Doch was unterscheidet die App von Gett und dessen Angebot beispielsweise von der von myTaxi? Und warum sollten myTaxi-Kunden auf einmal auf Gett umsteigen? Zunächst einmal, so sagt Gett-Mitgründer Shahar Waiser, sei man deutlich größer und biete auch eine On-Demand Komplettlösung für Unternehmenskunden an. Gett for Business werde weltweit von 4000 Unternehmenskunden genutzt. Dieses Klientel ist allein für 30 Prozent des Gett-Umsatzes verantwortlich. Daneben offeriert Gett auch Lieferdienste.

Zudem weist Waiser darauf hin, dass Gett-Kunden auf besonders günstig das Angebot nutzen können. In London bekommen Gett-Kunden bei Nutzung von „Black Cab“ Taxen einen Rabatt von 30 Prozent. Etwas, was in dieser Form in Deutschland momentan nicht möglich ist, nachdem das Landgericht Frankfurt ein Rabattverbot gegen myTaxi verhängt hatte. Auf Gett und seinen neuen Miteigentümer VW wartet also auch auf diesem Gebiet noch eine Menge Arbeit, bevor man in Deutschland an den Start geht.

Autonomes Fahren vorgesehen

Mit dem Engagement bei Gett verbindet VW auch die Hoffnung, den Absatz der eigenen Fahrzeuge zu befördern. So sollen Fahrer von Gett attraktive Konditionen für den Zugang zu konzerneigenen Modellen bekommen. In einer Premium-Variante der App von Gett sei es beispielsweise auch vorstellbar, dass dort auch die Fahrer die Kunden in einem Porsche Panamera oder einem Audi A8 durch die Metropoeln dieser Erde lenken, wie Müller anmerkte.

Perspektivisch sollen bei Gett auch autonome Fahrzeuge zum Einsatz kommen. So biete der Einstieg bei Gett bereits heute die Möglichkeit, autonome Systeme in großer Breite zu testen, wie Jungwirth sagte. Er erwartet für autonome Fahrzeuge bereits in den kommenden drei bis fünf Jahren einen Schub.

Auch wenn VW spät erkannt hat, dass immer mehr junge Menschen vor allem in Großstädten ein Auto nur nutzen wollen, statt es zu besitzen, gehen die Wolfsburger nun konsequent den Weg zu einer neuen Mobilitätsstrategie. Nicht von ungefähr stand die Veranstaltung am Mittwoch in Berlin unter dem Motto "Gett ready for the Future of Mobility". Nachdem man bereits angekündigt hatte, bis zum Jahr 2025 weltweit eine Million Elektroautos und Plug-in-Hybride absetzen zu wollen, darf man gespannt sein, welche weiteren Mobilitätsangebote der Autobauer seinen Kunden mittelfristig anbieten wird. Vielleicht weiß man schon in der zweiten Juni-Hälfte mehr. Denn dann will Matthias Müller die neue Konzernstrategie vorstellen.