Von der Simulation zur Serienreife

Neue Plattform SPA von Volvo

In dem Simulator durch die
In dem Simulator durch die "Grüne Hölle" © Volvo

Mit dem neuen XC 90 hat Volvo das erste Modell der neuen Plattformstrategie SPA auf dem Markt gebracht. Der vor acht Jahren entworfene Prototyp trägt den Namen eines Komikerduos – auch auf dem Weg zur Serienreife kommt Freude auf.

Von Thomas Flehmer

Das Lehrer-Image hat Volvo schon seit längerem abgelegt. „In der Vergangenheit waren unsere Fahrzeuge weich abgestimmt und etwas langweilig“, sagt Volvo-Entwicklungschef Peter Mertens und bestätigt damit alle ehemaligen Schüler, die vor Urzeiten nicht nur mit der Autowahl ihres Lehrers einverstanden waren. Doch langweilig ist die schwedische Modellauswahl schon lange nicht mehr und mit einer neuen Plattformstrategie wird auch ein neuer Wind einziehen.

Eine Plattform für alle großen Volvo-Modelle

Die Skalierbare Plattform-Architektur (SPA) macht es möglich, dass der Premiumhersteller seine Modelle auf einer gemeinsamen Plattform verschiedenartig gestalten kann. „Der XC90 ist betont komfortabel ausgefallen“, sagt Mertens, „die im kommenden Jahr erscheinende S90 Limousine, die in Detroit Anfang 2016 Premiere feiert, wird dagegen dynamischer gestaltet.“

Die Strategie, die vergleichbar ist mit den Modularen Baukasten-Systemen des Volkswagen-Konzerns, basiert auf dem Prototypen eines S80, der bereits 2008 entworfen wurde und unter dem Namen „Costello“ – benannt nach dem legendären amerikanischen Komikerduo Abbot and Costello – immer noch zu Testzwecken auf den Kursen des Test- und Fahrzentrums Hällered nahe bei Göteborg zur Verfügung steht.

Digitale Vorentwicklung

Marcus Ljungberg von Volvo
Marcus Ljungberg ist für die digitale Grundlage zuständig Volvo

Doch bevor der erste Prototyp oder aktuell die neuen S90 etliche der 15 Kurse befahren kann, beginnt die Entwicklung rund 30 Kilometer entfernt in der Volvo-Zentrale in Torslanda. Hier wird das auf dem Papier oder als Skulptur bestehende Fahrzeug digital ausgemessen und zunächst auf dem PC gefertigt. Dabei wird nicht nur die reine Karosserie simuliert, sondern das Gesamt-Fahrzeug an sich. „Die Herstellung eines virtuellen Autos muss so realistisch wie möglich geschehen, ansonsten ist die Simulation und alles Folgende umsonst“, sagt Marcus Ljungberg, der für die Konzeption am PC verantwortlich ist.

Das virtuelle Auto wird danach auf Herz und Nieren getestet, um Verbesserungen vorzunehmen. Dafür schickt der Computer das Auto auf einen vorgegebenen Kurs, auf dem Fahrverhalten, Lenkung, Reifen oder auch die Steuergeräte getestet werden können. Wie viel Zeit das in Anspruch nimmt, macht der Technikexperte Matthijs Klomp deutlich. „1998 hatte das Steuergerät eines S80 19 ECUs, also elektronische Module, auf der neuen Plattform SPA befinden sich 108 ECUs auf der Platine.“

Virtuelle Testfahrt durch die "Grüne Hölle"

Volvo-Techniker Carl Sandberg vor dem Simulator
Carl Sandberg vor dem Simulator Volvo

Aber auch Veränderungen am Fahrwerk können durch die Simulation entstehen. So setzt Volvo bei allen neuen Modellen der SPA, die den großen Baureihen vom S60 bis zum XC90 vorbehalten ist (für die kleinen Baureihen gibt es die vergleichbare Plattformstruktur CMA), auf eine Doppelquerlenker-Aufhängung an der Vorderachse sowie an der ebenfalls neuen Hinterachse auf Querblattfedern, die die traditionellen Spiralfedern verdrängt haben und nebenbei für mehr Platz im Kofferraum sorgen.

Sind die Simulationen am PC abgeschlossen, wird eine Karosserie angefertigt, die dann im Simulator installiert wird – übrigens einer von lediglich drei Simulatoren in Europa. Neben Volvo verfügen noch Ferrari und Porsche über solche Simulatoren, mit denen dann das Fahrzeug virtuell zum Beispiel über die Nordschleife des Nürburgrings gejagt werden kann. Was für den Besucher zum Heidenspaß ausufert – anstatt an der Playstation angeschnallt in einem Vorderwagen zu sitzen und jede Unebenheit des Asphalts und auch das Tempo sehr realitätsnah zu erleben – ist für die Techniker harte Arbeit. „Aber auch freudvolle Arbeit“, sagt Konzept-Ingenieur Carl Sandberg, der auch mal nach der Arbeit sich in den Simulator setzt, um seine Bestzeit in der „Grünen Hölle“ zu toppen.