«Als Designer wünsche ich mir ein recyceltes Auto»

Volvo-Designchef Robin Page

«Als Designer wünsche ich mir ein recyceltes Auto»
Volvo-Designchef Robin Page mit dem neuen C40. © Volvo

Robin Page verantwortet seit Juli 2017 das Design von Volvo. Im Interview mit der Autogazette spricht der Brite über Klarheit und Mut beim Design und darüber, welchen Einfluss die Elektromobilität auf seine Arbeit nimmt.

Eigentlich hätten wir Robin Page gerne persönlich getroffen, um mit ihm über das Design von Volvo zu sprechen. Doch die Corona-Pandemie ließ dies nicht zu. Entsprechend findet das Gespräch per Video-Call statt. Robin Page ist aus dem Headquarter in Göteborg zugeschaltet, wo er es sich in einem Sessel bequem gemacht hat.


Der Brite hat sich Zeit genommen, um sich mit uns über seine Arbeit zu unterhalten. Vor allem geht es um die Elektromobilität und den C40 Recharge. Es ist das erste Modell von Volvo, das ausschließlich für die Elektromobilität ausgelegt wurde und im Herbst auf den Markt kommt. Doch bevor wir mit unseren Fragen beginnen, ist es Page wichtig, uns in Ruhe den neuen C40 zu präsentieren.

P 1800 als Inspiration

„Sehen Sie“, sagt Page, während seine Hand ruhig der Linienführung des Daches des C40 folgt, „wir haben uns bewusst für ein schnittiges Design entschieden“. Um das Profil des Autos so dynamisch wie möglich zu gestalten, habe man das Dach leicht abgesenkt, ohne dabei die Vorteile eines SUV zu beschneiden, erzählt der Brite. Bei den Entwürfen für den C40 habe man sich vom P 1800 inspirieren lassen, „eines unserer Herítage-Cars“.

Der Volvo P 1800 hat die Designer beim C40 inspiriert. Foto: Christian Bittmann/Volvo

Page zeigt auf die Linienführung bei den Rücklichtern des C40, die bis zu den hinteren Türen reicht. Auch hier habe man Anleihen beim P 1800 genommen. Wie bei Elektroautos üblich, ist der vordere Grill geschlossen, da es keiner weiteren Kühlung bedarf. „Dadurch kamen wir zu einer klaren, integrierten Oberfläche.“ Im Innenraum habe man sich beim Design stark an der Natur orientiert, ließ sich von einem „skandinavischen Landschaftsbild“ leiten. Dabei habe man viel Wert auf eine stimmungsvolle Beleuchtung gelegt, das so genannte „Mood Lighting“, um so die „langen, dunklen Winter erträglicher zu machen“. Das Thema Nachhaltigkeit spielte im Innenraum eine enorm wichtige Rolle. „Dazu haben wir auf nachhaltige Materialien gesetzt“. Zu 97 Prozent stamme das Plastik im Innenraum aus recycelten PET-Flaschen. Auch bei den Stoffen in den Türen komme recyceltes Polyester zum Einsatz, sagt Page und beendet seinen Rundgang.

„Bleiben skandinavischer Designsprache treu“

Ein Klassiker: der Volvo P 1800. Foto: Christian Bittmann/Volvo

Autogazette: Herr Page, Mercedes beschreibt seine Designsprache als sinnliche Klarheit. Wie beschreiben Sie die Designsprache von Volvo?

Robin Page: Das Design von Volvo bleibt seiner skandinavischen Designsprache treu. Wir stehen für ein klares Design, das sich mit zwei, drei Charakterlinien beschreiben lässt. Wir setzen darauf, unser Design einfach und logisch zu halten und dabei auf skulpturale und starke Grafiken zu setzen. Beim Innenraum spreche ich gern davon, ein Stück Architektur zu erschaffen. Mit unserem Design wollen wir dem Kunden ein Gefühl von Wertigkeit vermitteln.

Autogazette: Ihr Vorgänger Thomas Ingenlath hat Volvo ein ganz neues Design verpasst. Was hat sich beim Design verändert, seitdem Sie die Verantwortung haben?

Page: Ich habe Thomas bei dieser Reise begleitet. Wir haben dabei viel über die Philosophie und Designsprache nachgedacht. Es geht mir nicht darum, alles neu zu machen. Für mich geht es darum, seine Reise fortzuführen.

Autogazette: Mit dem C40 bringen Sie das erste reine Elektroauto auf den Markt. Inwieweit verändert die Elektromobilität Ihre Arbeit, genießen Sie aufgrund der neuen Antriebsarchitektur nun mehr Freiheiten?

Page: Ja, die Elektromobilität nimmt wirklich großen Einfluss auf das Design. Sie verändert nicht nur die Proportionen des Autos, sondern auch deren Identität. Was sich auch verändert hat, sind die Bedürfnisse unserer Kunden. Diese werden verändert durch die Transformation in der Industrie. Das werden Sie auch bei den kommenden Generationen unsere Modelle sehen. Sie hangeln sich immer entlang unserer Tradition, sie werden aber sehen, dass sich die Formensprache durch die neuen Möglichkeiten der Technologie ändert.

„Chance, innovativer zu sein“

Die Dachlinie beim C40 von Volvo ist leicht abfallend. Foto: Christian Bittmann/Volvo

Autogazette: Welche Möglichkeiten eröffnen sich Ihnen durch die E-Mobilität?

Page: Sie gibt uns die Chance, innovativer zu sein, neue Ideen zu entwickeln. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: An der Front des Autos brauchen wir jetzt keinen großen Grill mehr, um Luft einzulassen. Wir können den Radstand vergrößern und größere Reifen verbauen, die Motorhaube kann kleiner werden, da wir dort keinen Motor mehr verbauen. Dadurch wird die gesamte Front kürzer.

Autogazette: Vor allem aber haben Sie doch mehr Möglichkeiten im Innenraum…

Page: …genau, hier können wir den Platz für die Insassen optimieren. Der Kunde profitiert davon, dass wir nun einen flachen Boden ohne Mitteltunnel verbauen können. So kommt man in der Gesamtschau schnell zu modernen Proportionen, was wirklich sehr faszinierend ist für eine neue Design-Generation steht. Der Kunde profitiert durch die E-Mobilität von einem modernen Aussehen und mehr Platz im Innenraum.

Autogazette: Stellt Sie die Elektrifizierung auch vor besondere Herausforderungen?

Page: Was beim Design eines Autos immer eine große Herausforderung ist, ist die Optimierung der Aerodynamik. Sie muss in Einklang gebracht werden mit den Gewohnheiten der Kunden und der Effizienz des Fahrzeugs. Sie wünschen sich beispielsweise eine hohe Sitzposition und Funktionalität, aber auch eine hohe Effizienz, damit sie möglichst viel Reichweite haben und wenig laden müssen. Hier ist der C40 ein guter Wegbereiter: Er bietet eine bessere Effizienz als der XC40, entspricht aber dennoch den Wünschen der Kundinnen und Kunden.

Autogazette: Die Aerodynamik spielte bereits bei den Verbrennern eine wichtige Rolle, wird ihre Bedeutung bei der E-Mobilität nochmals zunehmen?

Page: Ja, sie wird meiner Meinung nach noch weiter zunehmen. Das trifft gerade auf besonders flache Autos zu. SUVs sind mit Blick auf die Aerodynamik natürlich ein Widerspruch, aber auch hier sind noch weitere Optimierungen möglich.

„XC40 stellt Beginn unserer Reise in Elektromobilität dar“

Der Volvo XC40 Recharge P8 AWD wird unter 60.000 Euro kosten. Foto: Volvo

Autogazette: Lassen Sie uns beim C40 bleiben, auch er ist ein SUV und ähnelt dem XC40 stark. Von den von ihnen genannten Freiheiten, die Ihnen die E-Mobilität als Designer bietet, ist nichts zu sehen. Ist Ihnen der Mut abhanden gekommen?

Page: Oh nein, ganz und gar nicht. Der XC40 stellt erst den Beginn unserer Reise in die E-Mobilität dar. Als der C40 designt wurde, basierte er noch auf der Plattform des XC40. Die Freiheiten und Visionen, von denen ich eben gesprochen habe, werden sie erst in den nächsten Generationen unserer E-Autos sehen.

Autogazette: Muss aus Ihrer Sicht denn ein E-Auto anders ausschauen als ein Auto mit Verbrenner?

Page: Es geht darum, die Möglichkeiten auszunutzen, die einem die Technologie bietet. Gutes Design sollte auch zeigen, was das Produkt ist. Wenn ich ein Elektroauto anschaue, dann sollte ich auch schon erkennen, dass es sich um ein solches handelt. Ich würde keinen offenen Grill in ein Elektroauto verbauen, da es auch keinen braucht. Wenn man ein Produkt anschaut und direkt versteht, für was es steht und was es macht, dann ist es gut designt.

Autogazette: Gerade das Segment der SUVs boomt. Stört Sie das als Designer? Nachhaltigkeit und SUVs stehen ja durchaus im Widerspruch zueinander.

Page: Interessante Frage: Logischerweise ist ein einsitziges Auto, was möglichst leicht und flach ist, auch das nachhaltigste. Doch am Ende des Tages wollen die Kundinnen und Kunden ein Produkt, was ihre Bedürfnisse erfüllt. Und die Leute mögen nun einmal SUVs mit all ihren Vorteilen. Daraus ergibt sich für uns die Aufgabe, SUVs so nachhaltig wie möglich zu machen. Das können wir besonders durch Materialien erreichen, die besonders nachhaltig sind. Unsere Gratwanderung besteht darin, ein Produkt so nachhaltig wie möglich zu gestalten, dabei aber die Bedürfnisse unserer Kunden nicht zu vernachlässigen.

„Unser Ziel ist es, unseren eigenen Weg zu gehen“

Der Volvo C40 Ist das erste reine für die E-Mobilität der Schweden entwickelte Auto. Foto: Christian Bittmann/Volvo

Autogazette: Wenn Sie das Design von Volvo mit anderem Premium-Marken wie Mercedes oder Audi vergleichen: Wo sehen Sie da den Unterschied?

Page: Für uns ist es sehr wichtig, unsere Identität beizubehalten. Wir haben diese skandinavische Design-Philosophie: Sie steht für pures Design. Dabei lassen wir uns leiten von unseren Glaubenssätzen und Philosophien, dass wir das Design für die Menschen und ihre Bedürfnisse machen. Die Herausforderung liegt darin, Produkte anzubieten, die auch noch die nächste Generation ansprechen. Ich vertraue da auf meine Kolleginnen und Kollegen im Designteam, dass wir das Gespür dafür haben, wohin die Reise geht. Uns geht es dabei nicht darum, mit den deutschen Marken Schritt zu halten oder sie nachzumachen. Unser Ziel ist es, unseren eigenen Weg zu gehen.

Autogazette: Wie sieht Ihre Vision vom Design von Volvo in 20 oder 30 Jahren aus?

Page: Unsere Vision sieht vor, dass alle unsere aktuellen Modelle dann als Elektroversion auf dem Markt sind. Jedes unserer Produkte wird ein weiterer Schritt zu einem modernen Design sein. Als Designer wünsche ich mir ein komplett recyceltes Auto in einem abgeschlossenen Kreislauf. Daneben freue ich mich auf das autonome Fahren. Wir werden dann noch mehr Technologie ins Auto bringen – und das wird auch uns als Designer vor neue Herausforderungen stellen.

Das Interview mit Robin Page führte Frank Mertens

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