«Unsere Händler erleben Goldgräberstimmung»

Interview mit Chevrolet-Deutschlandchef Jürgen Keller

Jürgen Keller © Foto: GM

Die Umweltprämie hat bei Chevrolet zum Run auf den Kleinwagen Aveo geführt. Im Interview mit der Autogazette spricht Deutschland-Chef Jürgen Keller über die Absatzentwicklung, die neue CO2-Steuer und neue Modelle.

Die GM-Tochter Chevrolet erlebt durch die Umweltprämie in diesen Tagen einen Run auf seine Kleinwagen Aveo und Matiz. «In den ersten fünf Arbeitstagen des Februars haben wir 2300 Händlerbestellungen für den Matiz bekommen. Damit haben wir in fünf Tagen so viele Matiz verkauft wie sonst in einem Monat. Im zurückliegenden Jahr haben wir ca. 9000 Einheiten verkauft», sagte Chevrolet-Deutschlandchef Jürgen Keller im Interview mit der Autogazette.

«Absoluter Wahnsinn»

Wie Keller hinzufügte, würden die Chevrolet-Händler durch die Abwrackprämie derzeit eine Goldgräberstimmung erleben. «Sie ziehen Vergleiche zu den Verkäufen nach dem Mauerfall. Was wir gerade erleben, ist absoluter Wahnsinn.»

«Haben Lagerkapazitäten abgebaut»

Chevrolet HHR Foto: Chevrolet

Autogazette: Herr Keller, Sie stehen seit einem Jahr an der Spitze von Chevrolet Deutschland. Fällt Ihre Bilanz angesichts eines Absatzrückgangs von 14 Prozent arg enttäuschend aus?

Jürgen Keller: Überhaupt nicht. Natürlich haben wir einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen gehabt. Wenn Sie den HHR zu unseren Verkaufszahlen hinzunehmen, haben wir ca. ein Zehntel Marktanteil verloren. Doch das war eine strategische Entscheidung.

Autogazette: Sie verzichten freiwillig auf Absatz?

Keller: Wir haben es mit unserem Händlernetz geschafft, 20 Prozent Lagerkapazitäten an bereits verkauften Fahrzeugen abzubauen. Wenn Sie diesen Effekt berücksichtigen, hättem Sie eine positive Bilanz.

Autogazette: Sie haben Absatz eingebüßt, sind aber profitabler geworden?

Keller: Ja, das ist so. Wir haben mehr Profit mit weniger Stückzahlen gemacht, in dem wir uns strategisch besser positioniert haben. Wir haben uns auf den Aveo und Matiz als unsere Volumenträger konzentriert.

«Aveo hatte einen schwierigen Start»

Chevrolet Aveo Foto: Chevrolet

Autogazette: Vom Aveo und vom Kalos haben Sie nur 5200 Stück verkauft, gute Verkaufszahlen sehen anders aus.

Keller: Die Verkäufe beim Aveo sind in Ordnung, mehr aber auch nicht. Wir hatten beim Aveo das Problem, dass wir den Kalos in dessen Auslaufphase sehr aggressiv vermarktet haben. Deshalb hatte der Aveo einen schwierigen Start. Doch seit sechs Wochen läuft der Absatz immer besser.

Autogazette: Hat die Umweltprämie zu diesem Run geführt?

Keller: Auch, aber bereits vor der Umweltprämie hat die Nachfrage angezogen. Jetzt wird das Ganze durch die Umweltprämie enorm verstärkt. Der Aveo ist zusammen mit dem Matiz der große Gewinner. Wir haben die traumhafte Situation, dass der Aveo fast ausverkauft ist.

Autogazette: Wie viele Autos hat man vom Matiz und Aveo vor der Umweltprämie verkauft und wie viele sind es jetzt?

Keller: In den ersten fünf Arbeitstagen des Februars haben wir 2300 Händlerbestellungen für den Matiz bekommen. Damit haben wir in fünf Tagen so viele Matiz verkauft wie sonst in einem Monat. Im zurückliegenden Jahr haben wir ca. 9000 Einheiten verkauft.

«Händler erleben Goldgräberstimmung»

Chevrolet Matiz Foto: Chevrolet

Autogazette: Wie lange wird dieses gute Geschäft noch andauern?

Keller: Durch die Umweltprämie erleben unsere Händler gerade eine Goldgräberstimmung. Sie ziehen Vergleiche zu den Verkäufen nach dem Mauerfall. Was wir gerade erleben, ist absoluter Wahnsinn.

Autogazette: Haben Sie Probleme, die Nachfrage zu erfüllen?

Keller: Gott sei Dank konnten wir schnell reagieren und haben aus anderen europäischen Märkten Unterstützung bekommen. Es kommen Fahrzeuge aus Spanien, Schweden oder Dänemark. Wir haben in unserem Werk in Korea auch eine Zusatzproduktion bekommen. Von dort wird ab März der erste große Schwung neuer Autos kommen.

Autogazette: Wie lange muss ich derzeit zwischen Bestellung und Lieferung bei einem Matiz oder Aveo warten?

Keller: Bei einem Aveo zwei Wochen, beim Matiz können Sie Ende März das Fahrzeug bekommen.

Umwelttag am 14. März

Chevrolet Captiva Foto: Chevrolet

Autogazette: Kann die Umweltprämie für einen nachhaltigen Aufwärtstrend bei den Absatzzahlen sorgen?

Keller: Hätten Sie mich das vor drei Wochen gefragt, hätte ich nein gesagt. Heute fällt die Antwort anders aus. Es kann zu einer nachhaltigen Verbesserung kommen. Denn nicht nur Kleinwagen wie der Matiz oder Aveo verkaufen sich, sondern auch ein Lacetti, Nubira oder Captiva. Wer einen Captiva kauft, tut dies nicht wegen der Umweltprämie.

Autogazette: Erwarten Sie durch die CO2-basierte Kfz-Steuer einen Push beim Absatz von Autogas?

Keller: Nein, auch so sind die monetären Vorteile von Autogas bereits groß genug. Für uns ist Autogas indes eine große Chance, weiter Absatz zu machen. So sind 30 Prozent aller verkauften Captiva bereits mit einer Autogasanlage unterwegs. Am 14. März werden wir auf einem Umwelttag zeigen, was unsere Marke hier zu bieten hat.

Autogazette: Der VDA prognostiziert für 2009 einen Absatz von 2,9 Millionen Fahrzeugen nach 3,09 Millionen in 2008. Sind Sie auch so pessimistisch?

Keller: Nein, ich gehe von einem Absatz von 3,1 Millionen aus. Allerdings wird es durch die Umweltprämie nicht zu einem Plus von 600.000 Fahrzeugen kommen, sondern maximal von 200.000 Fahrzeugen. Das sind die Autos, die ohne Prämie nicht gekauft worden wären.

«5500 Autogasanlagen vermarktet»

Chevrolet Volt Foto: GM

Autogazette: Chevrolet bringt 2010 den Volt auf den US-Markt, Opel den Ampera 2011. Wann wird es den Volt in Deutschland geben?

Keller: Er kommt in Europa 2011, dann auch in Deutschland. Ich gehe von einen starken Nachfrage für dieses Auto auf. Es wird den Kunden immer wichtiger, ein Signal für die Umwelt zu setzen. Das sehen wir auch beim Absatz von Autogasanlagen. Im vergangenen Jahr haben wir 5.500 Autogasanlagen an unsere Partner vermarktet, 2.126 selber eingebaut.

Autogazette: Sie bringen im Frühjahr den Cruze auf den Markt Was versprechen Sie sich von diesem Auto?

Keller: Der Cruze lässt uns optimistisch auf dieses Jahr schauen. Dieses Auto ist für uns noch wichtiger als andere Produkteinführungen. Es ist das erste Fahrzeug, das für unsere neue Designsprache steht.

Autogazette: Dafür sollte doch eigentlich bereits der Aveo stehen.

Keller: Sicher haben wir mit dem Aveo bereits gezeigt, wofür die Marke Chevrolet steht. Doch der Cruze setzt dies fort, wobei er nicht mit anderen Modellen verglichen werden kann. Neben seinem Design ist der Innenraum für unsere Marke ein wichtiger Schritt nach vorn. Das ist eine neue Welt.

«Produktion Ende Januar angelaufen»

Chevrolet Cruze Foto: Chevrolet

Autogazette: Wann wird der Marktstart sein?

Keller: Das steht noch nicht genau fest. Ich gehe von Mitte Mai aus, nachdem die Produktion in Korea Ende Januar gut angelaufen ist.

Autogazette: Was erwarten Sie von diesem Auto in diesem Jahr?

Keller: Ich gehe von rund 1000 Autos aus, die wir absetzen können. Wir werden keine aggressive Vertriebspolitik fahren, sondern wollen die Nachfrage langsam aufbauen.

Autogazette: Der Golf VI beginnt bei 16.500 Euro. Der Cruze wird sich demnach darunter bewegen müssen?

Keller: Ja, das sehe ich auch so. Die Preise werden wir Anfang März bekannt geben.

«Nachfrage übersteigt Angebot»

Chevrolet Spark Foto: Chevrolet

Autogazette: Ein Preis um die 15.000 Euro macht doch Sinn.

Keller: Das ist ein sehr interessanter Preis. Es gehört zur Marken-DNA von Chevrolet, dass wir neben guter Qualität und tollem Design auch einen attraktiven Preis anbieten. Wir sind im GM-Verbund die Einstiegsmarke und das ist auch gut so. Das ist unsere Position.

Autogazette: Das Kleinst- und Kleinwagensegment erlebt einen wahren Boom. Ärgert es Sie, dass Sie den Kleinwagen Spark erst 2010 auf den Markt bringen.

Keller: Wenn ich Probleme mit dem Absatz des Matiz hätte, würde ich Ihnen zustimmen. Doch in der Situation war ich in meiner Vertriebskarriere bislang auch noch nicht, dass ich in einem Auslaufjahr nicht genügend Fahrzeuge bekommen kann. Der Matiz ist so beliebt, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt.

Das Interview mit Jürgen Keller führte Frank Mertens