«Ich werde nicht fürs Jammern bezahlt»

Interview mit Audi-Chef Rupert Stadler

Audi-Chef Rupert Stadler im Sportback Concept © Foto: Audi

Rupert Stadler sieht in der Umweltprämie einen notwendigen Schritt zur Bewältigung der Krise in der Autoindustrie. Im Interview mit der Autogazette spricht der Audi-Chef über Chancen der Elektromobilität und die Notwendigkeit einer CO2-basierten Kfz-Steuer.

Audi-Chef Rupert Stadler hat die vom Bundeskabinett beschlossene Umweltprämie begrüßt. «Eine solche Umweltprämie ist ein notwendiger Schritt auf dem langen Weg, den wir zur Bewältigung der Krise einschlagen müssen. Als Premiumhersteller wird Audi allerdings weniger von einer derartigen Umweltprämie profitieren als die Volumenhersteller», sagte Stadler im Interview mit der Autogazette.

«Ruhe in den Markt bringen»

Positiv reagierte Stadler auch auf die Ankündigung zur Einführung einer CO2-basierten Kfz-Steuer. «Eine CO2 basierte Kfz-Steuer haben wir ja schon lange gefordert, daher begrüßen wir den Beschluss des Koalitionsausschusses, zum 1. Juli diese einzuführen. Sie wird dem Verbraucher Sicherheit geben und wieder etwas Ruhe in den aufgewühlten Markt bringen.»

«Massive Verwerfungen»

Autogazette: Herr Stadler, wie hart wird die Finanz- und Wirtschaftskrise die Autoindustrie in diesem Jahr noch treffen?

Rupert Stadler: Was wir im letzten Quartal 2008 erlebt haben, waren massive Verwerfungen. Sie werden ihre Auswirkungen auch auf das Jahr 2009 haben. Vielleicht sogar noch in den darauffolgenden Jahren.

Autogazette: Der Verband der Automobilindustrie geht für 2009 nur noch von einem Absatz von 2,9 Millionen nach 3,09 Millionen Fahrzeugen im Vorjahr aus. Sie auch?

Stadler: Das ist schwierig zu sagen. Wir müssen die Monate Januar, Februar und März abwarten, um eine qualitativ seriöse Prognose für das Gesamtjahr treffen zu können.

«Werde nicht fürs Jammern bezahlt»

Das Audi Sportback Concept Foto: AG/Mertens

Autogazette: Nach einer aktuellen Umfrage rechnen Manager der Autoindustrie mit fünf weiteren düsteren Jahren für die Branche. Gehören auch Sie zu diesen Pessimisten?

Stadler: Ich werde als Automobilmanager nicht fürs Jammern bezahlt, auch wenn ich die Verwerfungen der vergangenen Monate nicht übersehe. Es liegt nun an uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir müssen die Kunden wieder dazu bringen, Fahrzeuge zu kaufen. Dazu brauchen wir aber konjunkturelle Anreize.

Autogazette: Die Bundesregierung bringt ein zweites Konjunkturpaket mit einer Verschrottungsprämie für Altautos auf den Weg. Kann das den Absatz ankurbeln?

Stadler: Das ist ein guter Ansatz, und der nun gewählte Begriff «Umweltprämie» gefällt mir gut, denn er trifft genau. Es dient der Umwelt und dem Absatz, wenn ich fast zehn Jahre alte Autos von der Straße hole. Eine solche Umweltprämie ist ein notwendiger Schritt auf dem langen Weg, den wir zu Bewältigung der Krise einschlagen müssen. Als Premiumhersteller wird Audi allerdings weniger von einer derartigen Umweltprämie profitieren als die Volumenhersteller.

Autogazette: Wie wichtig ist für Sie eine CO2-basierte Kfz-Steuer?

Stadler: Eine CO2 basierte Kfz-Steuer haben wir ja schon lange gefordert, daher begrüßen wir den Beschluss des Koalitionsausschusses, zum 1. Juli diese einzuführen. Sie wird dem Verbraucher Sicherheit geben und wieder etwas Ruhe in den aufgewühlten Markt bringen.

Autogazette: Ist es Aufgabe des Staates, für Fehler von Wirtschaftsunternehmen einzustehen und sie aus der Krise zu holen?

Stadler: Wie meinen Sie das?

Autogazette: Die europäischen Autobauer fordern von der EU Milliarden für die Entwicklung alternativer Antriebe. Dabei hätte man hier schon längst viel weiter sein müssen, um der Krise besser begegnen zu können.

Stadler: Wir können uns keine wettbewerbsverzerrenden Maßnahmen leisten. Da in den USA ein massives Stützungspaket für die Autoindustrie gezündet werden soll, müssen auch wir gleichberechtigt unterwegs sein.

«Wir suchen nicht nach Schuldigen»

Der Audi A4 Foto: Audi

Autogazette: Sehen Sie einer möglichen Staatsbürgschaft für die GM-Tochter Opel auch eine Wettbewerbsverzerrung?

Stadler: Wenn Sie für Preissenkungen und verkaufsfördernde Maßnahmen genutzt wird, wäre ich dagegen. Ich bezweifle übrigens, ob Preissenkungen in der aktuellen Lage das richtige Mittel sind.

Autogazette: Führen Sie die Absatzkrise der Autobranche ausschließlich auf Fehler der Finanzwirtschaft zurück oder sehen Sie bei sich oder Ihren Kollegen einen Anteil daran?

Stadler: Die Krise hat viele Ursachen, da ist einiges zusammengekommen. Wir suchen nicht nach Schuldigen, sondern nach Lösungen und die richtige Strategie für unser Unternehmen und die Branche zu finden, das ist unsere Hauptaufgabe.

Autogazette: Sie weichen der Frage aus: Gab es Fehler der Autobranche?

Stadler: Ich kann nur für Audi reden. Wenn ich unsere Arbeit bewerte, dann hat Audi in den zurückliegenden Jahren einen guten Job gemacht. 13 Verkaufsrekorde nacheinander sprechen eine klare Sprache. Trotz eines schwierigen Marktumfeldes haben wir in 2008 erstmals die Millionengrenze überschritten. Das ist unseren tollen Fahrzeugen und auch unserem Vorsprung durch Technik geschuldet. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren den durchschnittlichen CO2-Ausstoß unserer Fahrzeuge um über sechs Prozent reduziert. Und in den nächsten drei Jahren werden wir die CO2-Emissionen unserer Flotte um insgesamt ein Fünftel reduziert haben. Und wenn Sie sich die aktuell verfügbaren EU5 Fahrzeuge anschauen, dann steht Audi sehr gut da.

«Müssen Effizienz konsequent steigern»

Der A6 Foto: Audi

Autogazette: Aber auch Sie müssen doch zugeben, dass viele Hersteller zu lange auf zu große Fahrzeuge gesetzt und dabei versäumt haben, verbrauchsgünstige Autos mit alternativen Antrieben anzubieten.

Stadler: Nein, das hat nichts mit großen oder kleinen Fahrzeugen zu tun. Wir müssen die Effizienz konsequent über alle Baureihen hinweg steigern. Es wird auch in zehn Jahren Kunden für große und kleine Fahrzeuge geben. Fragen Sie mal einen Politiker, der 30.000 oder 40.000 Kilometer oder mehr im Jahr unterwegs ist, ob er die mit einem Kleinwagen fahren will.

Autogazette: Audi setzt zur Verbrauchsreduktion statt auf alternative Antriebe auf innermotorische Maßnahmen. Ist das mit Blick auf ein verändertes Umweltverständnis nicht ein riesiger Fehler?

Stadler: Es ist eines unserer wichtigsten Ziele, den Verbrauch zu reduzieren. Audi verfolgt dieses Ziel seit Jahren konsequent und erfolgreich und mit sehr guten Ergebnissen. So verbraucht beispielsweise der Audi S4 gegenüber dem Vorgänger zwischen 25 bis 30 Prozent weniger. Der neue A4 kommt auf eine Ersparnis von fast 18 Prozent, der A6 ebenso. Aus unserer Sicht kommt es auf die Ersparnis an und nicht darauf, wie sie erreicht wird. Deshalb fahren wir auch mehrgleisig und nutzen die vielfältigen Möglichkeiten unseres modularen Effizienzbaukastens, ganz getreu unserem Motto Vorsprung durch Technik.

«Bei uns gibt es keinen David Copperfield»

Autogazette: Kann es sich die Autobranche leisten, so fortzufahren wie bisher oder braucht es nicht eines Paradigmenwechsels weg von PS hin zu pfiffigen Kleinwagen?

Stadler: Ich denke, unsere Entwicklungen und Innovationen insbesondere bei der Effizienzsteigerung zeigen, dass wir insgesamt auf einem guten Weg sind. Ich sage aber auch, dass es in unserer Branche keinen David Copperfield gibt. Von uns kann keiner zaubern.

Autogazette: Von Ihnen erwartet auch niemand Zauberkunststücke, sondern perspektivisches Denken.

Stadler: Wir hatten mit dem A2 ein Fahrzeug mit weniger als drei Litern Verbrauch im Angebot, doch es wurde nur von Wenigen gekauft. Entsprechend hatten wir eine unternehmerische Entscheidung zu treffen. Das Auto war seiner Zeit voraus und hat damit bewiesen, dass Audi die Techniken zur Verbrauchsreduktion beherrscht.

Autogazette: Auch der Smart war seiner Zeit voraus. Dennoch hat Daimler am Auto festgehalten und ist damit nun erfolgreich.

Stadler: Ich kenne die Ertragssituation dieses Autos nicht.

«Der A8 bleibt das Flaggschiff»

Der Audi A8 Foto: Audi

Autogazette: Können Sie sich vorstellen, dass nicht mehr der A8 das Flaggschiff des Unternehmens ist, sondern ein A1 mit Elektroantrieb?

Stadler: Der A8 ist und bleibt das Flaggschiff von Audi.

Autogazette: BMW und Mercedes haben die Zeichen der Zeit erkannt und setzen im Gegensatz zu Ihnen verstärkt auf alternative Antriebe. Besorgt Sie das nicht?

Stadler: In Anbetracht der Fakten haben wir da bei Audi keinerlei Grund zur Sorge. Wenn Sie sich den effizientesten Luxuswagen im D-Segment kaufen wollen, kaufen Sie sich keinen BMW oder einen Mercedes, sondern einen A8 mit 2,8 Liter FSI-Motor und einem CO2-Ausstoß von 199 Gramm pro Kilometer.

«Elektromobilität von heute nicht bezahlbar»

Autogazette: BMW und Smart starten in diesem Jahr Pilotprojekte in Berlin zur Elektromobilität. Auch bei den Elektroautos hinken Sie hinterher.

Stadler: Die Elektromobilität von heute ist für den Kunden nicht bezahlbar. Ich halte es für kritisch, dass der Eindruck erweckt wird, der Kunde könne bereits morgen eine solche Technologie erhalten. Dieses Versprechen geht nicht auf. Es sind noch einige Herausforderungen zu bewältigen, bevor diese Technologie serienreif ist und den Anforderungen der Kunden an ein Automobil gerecht wird, und daran arbeiten wir.

Autogazette: GM kommt mit dem Chevrolet Volt 2010 in den USA, Opel ein Jahr später...

Stadler:...das ist die Ankündigung. Ich bin ich da eher skeptisch, was die Serienreife und Zuverlässigkeit von Elektrofahrzeugen angeht. Ich spreche jedenfalls von einem Elektroauto, das alltagstauglich ist, in Großserie gebaut werden kann und auch einen Ergebnisbeitrag liefert. Aus unserer Sicht wird es daher noch länger dauern, bis der Elektroantrieb marktreif ist.

Autogazette: Zur annähernden Erreichung des C02-Grenzwertes von 120 Gramm bis 2015 benötigt Audi auch ein Kleinstwagen. VW bringt ihn 2011 als Up auf den Markt. Wann sind Sie dran?

Stadler: Wir werden 2010 den Audi A1 als Premiumfahrzeug im Kleinwagensegment auf den Markt bringen. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass dieses Fahrzeug ein Erfolg werden wird. Sie können davon ausgehen, dass wir weitere Ideen für das Kleinwagensegment haben. Aber darüber reden wir, wenn es konkret wird.

«Kunden kaufen gern bei erfolgreichen Marken»

Der Audi A1 Foto: Audi

Autogazette: Sie haben trotz der Absatzkrise weltweit erstmals über eine Million Fahrzeuge verkauft. Was haben Sie besser gemacht als Ihre Kollegen?

Stadler: Kunden kaufen gerne bei erfolgreichen Marken. Der Erfolg von Audi beruht in erster Linie auf unserer Teamleistung und auf unseren faszinierenden Automobilen, mit denen wir unsere Kunden immer wieder begeistern. Wir haben aktuell die jüngste Modellpalette im Wettbewerbsvergleich. Und unsere strategische Ausrichtung stimmt. Wir haben immerhin im Jahr 2008 den 13. Absatzrekord in Folge erzielt.

Autogazette: Rechnen Sie angesichts des schwierigen Marktumfeldes damit, dass es Audi auch 2009 gelingen wird, den 14. Verkaufsrekord zu erzielen?

Stadler: Das kann man nicht sagen. Wir haben aber mit sechs Modellneuheiten in 2009 eine gute Basis, um das Jahr besser zu beenden als die Mitbewerber.

«Wir bleiben bei unseren Zielen»

Autogazette: Bleibt trotz des schwierigen Umfeldes bei Ihrer Aussage, dass Audi bis zum Jahr 2015 erfolgreichster Premiumhersteller werden soll?

Stadler: Wir haben alle Voraussetzungen dazu und bleiben bei unseren strategischen Zielen. Natürlich müssen wir da an der einen oder anderen Stelle nachschärfen, aber unsere grundsätzliche strategische Ausrichtung steht.

Autogazette: Wird es Ende 2009 noch drei Hersteller auf dem US-Markt geben?

Stadler: Spekulationen sind nicht meine Sache.

Das Interview mit Rupert Stadler führte Frank Mertens