«Das Stützstrumpfauto wird es nie geben»

Verbesserung der Sicherheit

«Das Stützstrumpfauto wird es nie geben»
Test zur Konditionssicherheit © Foto: Werk

Mercedes forscht seit über 25 Jahren an der Verbesserung von Sicherheit und Komfort für Auto-Insassen. Ein rundum gesichertes Auto sei aber dagegen eher hinderlich, sagte Psychologe Goetz Renner von Mercedes.

Von Thomas Flehmer

Sicherheit durch Entlastung. Seit über 25 Jahren versucht Mercedes, seine Modelle nicht nur im Design der jeweiligen Zeit anzupassen, sondern kontinuierlich die Stressfaktoren beim Fahren abzubauen. «Wir haben noch einen sehr großen Spielraum, den wir optimieren sollten. Deshalb sind wir weit von perfekter Sicherheit entfernt», sagte Goetz Renner, Abteilungsleiter «Akzeptanz und Verhaltensanalyse» bei Mercedes.

Langstreckentest erforderlich

Um sich dem Optimum anzunähern, werden bei den Stuttgartern alle Modelle vor ihrer Einführung auf die von Mercedes genannte «Konditionssicherheit» überprüft. Dabei sollen die Sicherstellung einer guten physischen und psychischen Verfassung des Autofahrers, alle technischen Maßnahmen, die den Entlastungskomfort erhöhen und das Fahren erleichtern, sowie psychologische Faktoren bei der Fahrt getestet werden.

So wurden vor der Einführung der R-Klasse 15 Autofahrer ausgewählt, die mit drei unterschiedlichen Modellen die Strecke Berlin - Leipzig - Dresden - Berlin bewältigten. Bei allen Fahrern wurde die Herzfrequenz gemessen, zudem mussten sie während der Fahrten Angaben über ihre jeweilige Verfassung auf einem Computer eintragen. Gehirnströme dagegen wurden nicht aufgezeichnet. «Ein EEG ist im Labor super, aber im Auto nicht aussagekräftig», so Renner.

80 Millionen Werte analysiert

Die Messwerte werden im Computer gespeichert Foto: Werk

«Jeder Herzschlag über die rund 22.000 zurückgelegten Kilometer wurde aufgezeichnet, insgesamt standen rund 80 Millionen Messwerte zur Verfügung, die statistisch richtig eingeordnet werden müssen», sagt Renner. Vier Mitarbeiter seines rund 20-köpfigen Teams, das er in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, waren gut zweieinhalb Monate mit der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung beschäftigt.

Und die Ergebnisse erfreuten den 42-Jährigen nicht nur als Psychologen, sondern auch als Mercedes-Mitarbeiter. Die Belastungswerte bei der R-Klasse lagen deutlich unter denen der Mitbewerber. Mit durchschnittlich 81,9 Schlägen lag die gemessene Herzfrequenz um bis zu 1,6 Schläge unter den in anderen Mobilen gemessenen Werten. «Die Aggression nimmt ab, man fährt gelassener», fasste Renner zusammen. Und damit ist ein weiterer Schritt zur Sicherheitsverbesserung gelungen.

Risiko-Balance muss gegeben sein

Ein Fahrer wird nach dem Test entkabelt Foto: Werk

Sehr wichtig dabei ist, dass der Fahrer aufgrund der vielen Assistenzsysteme sein eigenes Können nicht überschätzt. Als wichtigste Messlatte gilt dabei die Risiko-Homeostase. Der von G.J.S. Wilde erstmals 1982 benutzte Begriff beschreibt die richtige Balance zwischen Auto und Fahrer. Dabei reicht es nicht aus, die Assistenten einzubauen, um die subjektive Risikoschwelle zu senken. «Das System muss versuchen einzuordnen, dass der Kunde seine Grenzen erkennt und sie ihm kommuniziert werden», sagt Renner. Erst dann können auch die Assistenzsysteme auf dem Weg zum optimalen Schutz zum Wirken kommen.

Dabei glaubt Renner nicht daran, dass optimaler Schutz jemals erreicht werden könne. Andererseits sieht der Psychologe den optimalen Schutz nicht unbedingt als Optimum an. Selbst ältere Fahrer «möchten nicht in Watte eingepackt werden, sondern selber auch noch etwas steuern», sagt Renner, «das Stützstrumpfauto wird es deshalb auch nie geben.»

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