Yamaha Niken: Zwei Vorderräder für mehr Fahrspaß

Yamaha Niken
Die Yamaha Niken bietet eine Leistung von 115 PS. © Yamaha

Die Yamaha Niken weist als erstes Motorrad der Welt zwei Vorderräder und vier Telegabel-Holme auf. Das soll für mehr Fahrspaß unter anspruchsvollen Bedingungen sorgen. Die erste Ausfahrt hinterließ schon einmal einen nachhaltigen Eindruck.

Sie haben viele Jahre gebraucht bei Yamaha, um sich vom Schock mit der GTS 1000 zu erholen: Achsschenkellenkung, Leichtmetallrahmen in Form eines Omega, geregelter Kat, ABS: Das 1993 präsentierte Touring-Motorrad war voller technischer Delikatessen- und floppte am Markt. Erst jetzt, 25 Jahre später, erscheint mit der Niken (sprich „Naiken“) wieder eine technische Revolution von Yamaha.


Zwei relativ kleine Vorderräder sind auf höchst anspruchsvolle Weise miteinander verbunden und sollen auf diese Weise ein sportlich-agiles und zugleich sicheres Schräglagenverhalten ermöglichen. Die Zweiradwelt wundert sich, viele Betrachter zweifeln spontan, ob mit der Niken Fahrfreude aufkommen mag. Sie ist ein Wagnis für Yamaha, denn eine Erfolgsgarantie gibt es heute so wenig wie 1993.

Yamaha Niken – mehr Gummi für die Straße

Das Digitalcockpit der Yamaha Niken. Foto: Yamaha

Der Schleierwasserfall im abgelegenen Kalser Tal ist Ausgangspunkt für eine der Fotoaktionen mit der neuen Niken. So ist ein wenig Zeit, über dieses einzigartige Motorrad – das erste der Welt mit zwei Vorderrädern – zu sinnieren. „Mehr Gummi auf die Straße bringen“, das war die Ausgangsüberlegung des Projektteams. Ziel war es, den Fahrspaß, insbesondere bei indifferenten äußeren Umständen, zu erhöhen und so auch den Stress für den Fahrer zu reduzieren.

Herausgekommen ist nach 14 Jahren Projekt- und vier Jahren konkreter Entwicklungsarbeit eben die Niken. Bereits hier, noch keine 80 Kilometer nach dem morgendlichen Start, sind wir sicher: Bei diesem Motorrad handelt es sich um einen höchst speziellen Fall mit dem Potenzial, die Zweiradwelt der Zukunft nachhaltig zu beeinflussen.

Warum heißt das Fahrzeug überhaupt Niken? Ni („nai“) bedeutet zwei, mit Ken werden Krummschwerter bezeichnet. Die radialen Spuren der beiden Vorderräder führten zu dieser Modellbezeichnung. Die Marketingleute orientierten sich dagegen an der gegenwärtigen Form des Alpinskilaufs, dem Carven. Dabei steht der Fahrer auf den Kanten und schneidet seine Linie in die Piste – auf unserer Fahrt über die Großglockner Hochalpenstraße kommt uns die Parallelität zwischen alpinem Carven und dem Kurvenfressen mit der Niken gar nicht mehr so abwegig vor. Wir fräsen förmlich um die Kurven, und zwar mit breitem Grinsen und großer Zuversicht.

Niken mit gutem Motor

Zwar steht bei Motorrädern üblicherweise das Herz des Fahrzeugs, also der Motor, im Mittelpunkt der Betrachtung, doch im Falle der Niken ist das anders: Bei ihr steht das bislang einmalige Fahrwerk und damit zugleich das Fahrerlebnis im Zentrum. Der Motor, soviel sei hier gesagt, ist ein hervorragendes Triebwerk, nämlich der nur geringfügig modifizierte Crossplane-Dreizylinder aus der MT-09-Modellreihe, auch in der Niken 847 ccm groß und 85 kW/115 PS stark. Drehfreudig, laufruhig, durchzugsstark, dazu sparsam. Ein fast perfekter Antrieb.

Wer jemals einen Dreiradroller mit Neigefunktion – es gibt beispielsweise den enorm erfolgreichen Piaggio MP3 und den Quadro-3 – gefahren ist, weiß, dass sie zwar viel Fahrstabilität und damit eine weitaus höhere Fahrsicherheit bieten, durch die Trägheit des Lenksystems wie auch durch ihre vergleichsweise hohe Masse aber in punkto Agilität einem ähnlich motorisierten konventionellen Roller unterlegen sind. Die Vorteile des Konzepts sind in der Praxis aber für viele so überzeugend, dass insbesondere der MP3 von Erfolg zu Erfolg fährt; im Großraum Paris trägt er seit Jahren schon den inoffiziellen Titel des meistverkauften Zweirads.

Von den Schwächen dieser Dreiradroller ist bei der Yamaha Niken nichts zu finden: Die ausgeklügelte Vorderradführung nach dem System Ackermann mit doppeltem Parallelogramm sowie den blau eloxierten doppelten USD-Telegabeln lässt die Niken ähnlich spontan in Kurven einlenken wie ein konventionelles Motorrad. Und dank der Leistung des Dreizylinders ist der Gewichtsnachteil von einem Zentner gegenüber der identisch motorisierten Tracer 900 zwar spürbar, aber kein Problem.
Wobei wir an dieser Stelle von einem optimalen Fahrbahnbelag ausgehen, also ohne Frostaufbrüche, Buckel, Ölflecken, nasses Laub, Sand oder nasse Stellen. Kommen nämlich diese Lästigkeiten ins Spiel, dreht sich das Blatt zugunsten der Niken.

Ausgezeichneter Grip inklusive

DIe Optik der Yamaha Niken ist gewöhnungsbedürftig. Foto: Yamaha

Die beiden Vorderräder bauen einen ausgezeichneten Grip auf und verschieben die feine Linie zwischen Konzentration und Stress, die jeder Fahrer beim Motorradfahren auf suboptimalen Verhältnissen verspürt, deutlich wahrnehmbar ins Positive. Oder anders formuliert: Dieselbe Passage, die man mit einem Zweirad derselben Gewichtsklasse bereits angespannt durchfährt, absolviert man auf einer Niken weitaus lockerer, so dass sich selbst auf ansonsten schwierigen, anstrengenden Etappen noch reichlich Fahrfreude einstellt. Denn das höhere Vertrauen in die Seitenführungskräfte der beiden Vorderräder lässt den Fahrer nicht nur weniger ermüden, sondern auch freudvoller am Lenker agieren. 45 Grad beträgt die technisch mögliche Schräglage, und an diesen Wert tastet man sich bereits nach kurzer Gewöhnung problemlos heran. Wer auch bei großen Schräglagen stets „auf Zug“ bleibt, wird vom unschönen „Einknicken“ der Räder verschont.

Knapp unter 15.000 Euro kostet die Niken, wenn sie im September zur Auslieferung kommt; eine Reservierung ist aber bereits online möglich. Rund 100 Kaufanfragen registrierte Yamaha-Europa in den ersten 48 Stunden. Ob daraus am Jahresende 250 oder 500 in Deutschland verkaufte Niken werden, weiß natürlich jetzt niemand. Yamaha ist sich aber darüber bewusst, dass die Etablierung eines solch ungewöhnlichen Fahrzeugs Zeit kostet und einen hohen Aufwand bedeutet. Beides will man sich leisten. Das Konzept des dritten Rades ist dank der klugen Technik dermaßen überzeugend, dass es in der Tat großes Potenzial bietet. Wer weiß, vielleicht gibt es schon in drei, vier Jahren eine Niken-Schwester mit dem 160 PS starken Crossplane-Vierzylindermotor. Dann spielt das Mehrgewicht bestimmt keine Rolle mehr. Und zudem wäre die unselige Erfahrung mit der GTS 1000 ein für alle Mal überwunden. (SP-X)

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur (ddp/ADN) gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das bloße Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.

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