Daytona 650: Sportlich mit guten Manieren

Daytona 650: Sportlich mit guten Manieren
Die Daytona 650 © Foto: Werk

Die neue Triumph Daytona 650 sieht rassig aus und ist auf sportlich getrimmt. Das Bike bietet seinem Fahrer aber mehr als nur Rennstreckenqualitäten.

Thilo Kozik

Optisch unterscheiden sich die neue Daytona 650 und ihre Vorgängerin, die Daytona 600, praktisch nicht. Das gleiche kantige Kunststoffkleid versprüht die rassige Sportlichkeit eines kompromisslos auf schnelle Runden getrimmten Renners.

Hubraum statt Finessen

Bei genauem Hinsehen entdeckt man jedoch die «Fünf» im gezackten Aufkleber, und genau diese weist den neuen Weg, den der britische Motorradhersteller als Zweiter hinter dem Japan-Giganten Kawasaki einschlägt: Mehr Hubraum statt weiterer Finessen, mit denen man den 600er Vierzylinder leistungsmäßig noch weiter ausquetschen kann. Immerhin sorgt nun ein um 3,1 Millimeter verlängerter Hub bei unveränderter Bohrung für ein durchaus nennenswertes Hubraumplus von 47 Kubik, hinzu kommen entsprechende Kennfeld-Modifikationen und eine höhere Verdichtung von exakt 12,85:1.

Lohn der äußerlich nicht sichtbaren Modifikationen sind durchaus respektable Maximalwerte von 114 PS bei 12.500 U/min 68 Newtonmeter Drehmoment, die der Sechzehnventiler bei 11.500 Umdrehungen auf die Kurbelwelle wuchtet - beides ist deutlich mehr als die Daytona 600 produzierte.

Schaltarbeit in Maßen

Wichtiger und spürbarer als die jeweiligen Höchstwerte ist aber das im mittleren Bereich deutlich gehaltvollere Drehmoment. Mit seiner homogenen Leistungsentwicklung und dem kräftigeren Durchzug vor allem ab 5000 U/min muss das Aggregat nicht mehr beständig ausgequetscht werden, was in gewundenen Passagen hektische Schaltarbeit dankenswerterweise erübrigt - die neue 650er Daytona zieht spürbar besser aus den Ecken heraus und die Anschlüsse im Getriebe passen nun besser zueinander.

Trotz des überarbeiteten Gestänges und der modifizierten Kupplungsbedienung steht es mit der Schaltbarkeit des Sechsganggetriebes nach wie vor nicht zum Besten. Großes Lob verdient sich die Einspritzanlage, die nun mit doppelten Drosselklappen für eine vom Computer optimierte Gemischaufbereitung sorgt: Sehr sanfte Übergänge vom Schiebe- in den Schubbetrieb und eine exakte Motorkontrolle sind der Lohn. So sauber wie die Triumph mischt im 600er Reigen niemand den gehaltvollen Lebenssaft auf.

Vibrationsarmer Vierzylinder

Überhaupt Manieren: Sehr vibrationsarm verrichtet der Vierzylinder seinen Job, untermalt von einer grollenden Auspuffnote, die wohlige Schauer über den Rücken jagt. Wem das noch nicht reicht, dem offerieren die Briten einen sound- und leistungsstärkeren Schalldämpfer im hauseigenen Zubehörprogramm - natürlich nur für den Einsatz auf abgesperrten Rennstrecken.

Im serienmäßig domestizierten Zustand macht der kultivierte Triumph-Four dagegen subjektiv sogar einen fast braven Eindruck. Doch hinter der Saubermann-Maske lauert ein ungeahnter Durchzug, der die Daytona aus dem unteren und mittleren Drehzahlbereich so bärenstark antreten lässt; dank ihres - aus sportlicher Sicht - unfairen Hubraums.

Denn mit ihren 646 ccm Hubraum entspricht sie nicht mehr dem Reglement der Supersport-Klasse der Motorräder bis 600 Kubik, und doch gaukelt sie dem Endverbraucher Gleichartigkeit vor. Aber das geht schon in Ordnung so, denn bei einer Kaufentscheidung für ein Straßensport-Motorrad spielt die Einordnung in Rennklassen allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Gutes Fahrgefühl

Da entscheidet vielmehr die tatsächliche Performance und das Wohlverhalten im Alltag. Und hier verwöhnt die Daytona trotz ihrer martialischen Aufmachung die Besatzung mit bequemem und massenkompatiblem Sitzplatzambiente, ohne die Ausübung aktiver Turnübungen zu behindern. Schon auf den ersten Metern stellt sich ein gutes Fahrgefühl ein, die 650er vermittelt Wohnzimmeratmosphäre. Flotter am Gas gezupft, schunkelt die Triumph wie auf der Herrensitzung über alles andere als makellosen Asphalt - hier hilft nur Nachjustieren der komplett einstellbaren Federelemente.

Nur wenige Klicks der hochwertigen Komponenten genügen, und siehe da: Sicher pfeilt die Daytona über den Asphalt, biegt leichtfüßig durch schnelle Schikanen und hält auch beim Beschleunigen in Schräglage die Spur. Beim heftigen Ankerwerfen vor Spitzkehren - zusätzlich mit üblen Wellen versehen - zeigt sich die ganze Feinfühligkeit von Gabel und Federbein, die Vorder- wie Hinterhand sauber am Boden halten und ein auskeilendes Heck verhindern. Allerdings vernichtete die Vorgängerin den Vortrieb deutlich brachialer und standfester - unverständlich, denn laut Triumph wurde an den zuvor makellosen Stoppern nichts verändert.

Für die Daytona 650 bleiben also die im aktuellen Reigen der Supersport-Motorräder - auch wenn sie streng genommen gar nicht dazu zählt - besten Allroundeigenschaften für einen gepflegten Auftritt in Stadt, Land - und Rennstrecke. Kein schlechtes Argument sind auch die verlangten 9750 Euro, die eine Spur unter der Konkurrenz liegen.

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