BMW R 1250 R: Es muss nicht immer eine GS sein

Die BMW R 1250 R bietet ein hervorragendes Fahrverhalten. © BMW

Die BMW R 1250 GS bleibt der Bestseller der Münchner. Doch es muss nicht immer eine GS sein. Auch die R 1250 R weiß im Test zu überzeugen.

Im Stückzahlvergleich der BMW-Modelle R 1250 GS und R 1250 R steht es bis Mai dieses Jahres 13:1 für die GS. Die Roadster-Version der R brachte es bislang nur auf 468 Neuzulassungen, womit sie den kümmerlichen Rang 36 der Zulassungs-Hitparade einnimmt, während die Boxer-GS mit 6.229 Einheiten einen neuen Allzeit-Rekord aufgestellt hat.


Zugegeben, der Vergleich hinkt, denn die R tauchte erst im Mai in der Zulassungsliste des Industrieverbandes Motorrad auf, weil sie erst Monate später als die GS zu den Händlern kam. Dennoch: An die Beliebtheit der GS wird sie weder dieses noch nächstes Jahr auch nur annähernd herankommen, wie ja auch zwischen den vorherigen Versionen R 1200 GS und R 1200 R stets ein deutlicher Abstand lag. Macht man also als Käufer des einzigen völlig unverkleideten Boxermodells grundsätzlich etwas falsch? Zur Klärung dieser Frage haben wir eine R 1250 R zum Listengrundpreis von 13.750 Euro kreuz und quer durch die Alpen gehetzt.

80 Kubikzentimeter Hubraumzuwachs

Der Hauptunterschied zwischen sämtlichen 1250er Modellen und ihren 1200er Vorversionen ist die Ausrüstung mit der neuesten Entwicklungsstufe des Boxermotors. Rund 80 Kubikzentimeter Hubraumzuwachs, mehr noch aber die neue variable Steuerung der Einlassventile (ShiftCam) steigern das Leistungsvermögen erheblich. Statt 125 PS werden jetzt 136 PS bei weiterhin 7750 U/min geliefert.

Der Boxermotor der BMW R 1250 R. Foto: BMW

Weitaus wichtiger als das im Grunde überflüssige Leistungsplus ist die gewachsene Durchzugsstärke: Aus 125 Nm maximalem Drehmoment des 1200er Motors sind beim 1250er 143 Newtonmeter geworden, die zudem auch noch bei einer um 250 Umdrehungen geringeren Drehzahl anfallen. Genau dieses Plus an Durchzugsstärke, aber auch die deutlich höhere Drehfreude des Triebwerks machen in der Praxis den Unterschied: Die R 1250 R liegt jetzt auf dem Niveau richtig starker Nakedbikes wie Ducati Monster 1200, Honda CB1000R oder Triumph Speed Triple. Zwar ist sie mit rund 240 Kilogramm einen halben Zentner schwerer als die leichtgewichtigsten dieser Konkurrentinnen, das wirkt sich aber in der Praxis kaum aus.

Auch bei Tempo 230 souverän

Die R 1250 R zeigt sich auf der Autobahn trotz beladener Koffer auch bei Tacho 230 vollkommen unbeeindruckt, während die Halsmuskeln des Fahrers nach wenigen Minuten Highspeed schlapp machen. Gut, Schnellfahren ist nicht die Kernkompetenz von Roadstern, bei denen man ja „nackt im Wind“ sitzt. Wichtiger ist das Verhalten auf Land- und Bergstraßen, und da schlägt die Stunde des Bayern-Bullen: Bei Bedarf wetzt die R 1250 R in einer Manier um die Ecken und legt am Kurvenausgang an Tempo zu, wie man das bisher von einer Boxer-R nie gekannt hat. Dabei braucht es keine hohen Drehzahlen, weil nämlich die Ventilsteuerung schon bei niedrigen Drehzahlen „Feuer frei“ gibt, wenn der Gasgriff auf Volllast steht.

Selbst mit maximal 5.500 Umdrehungen hat man in den Alpen stets einen sicheren Platz an der Sonne. Das hat einen doppelten Vorteil: Der Fahrer reduziert seinen nervlichen Aufwand und der Treibstoffkonsum ist erstaunlich moderat. Über rund 2.000 durchaus nicht gebummelte Kilometer kamen wir mit durchschnittlich 4,6 Litern 100 Kilometer weit, sogar weniger als im WMTC-Test genannt (4,75 l/100 km).

Hervorragendes Fahrwerk

Natürlich kann man mit dem Bike auf Land- und Bergstraßen auch vom Fahrwerk her mit einer gleich motorisierten GS mithalten; sie hält unter allen Umständen sauber die Spur, giert förmlich nach Schräglagen, federt und dämpft gut und gibt sich weitaus handlicher, als es ihr Gewicht von 240 Kilogramm vermuten lässt. Die geringere Bodenfreiheit als Folge von 14 statt 20 Zentimeter Federweg bei der GS reduzieren freilich die Schräglagenfreiheit ein wenig; spürbar wird das allerdings erst in einem extrem dynamischen Bereich.

Die R 1250 R ist insofern ein handliches Motorrad mit breitem Anwendungsspektrum, hervorragenden Bremsen und gutem Fahrkomfort. Auch zu zweit mach R-Fahren großen Spaß; der hintere Sitz ist keinesfalls ein Notbehelf, sofern die Sozia nicht in der Schwergewichtsklasse antritt.

Die Serienausstattung der R 1250 R ist gut, weist aber aus Gründen der Ertragssteigerung des Herstellers reichlich Luft nach oben auf. Wer die drei empfehlenswerten Pakete „Komfort“, Touren“ und „Dynamic“ ordert, muss gut 3000 Euro auf den Grundpreis von 13.750 Euro drauflegen.

Viele aufpreispflichtige Features

Die BMW R 1250 R glänzt mit einer guten Leistungsentfaltung. Foto: BMW

Will man eine der beiden Chic-Versionen („Exclusive“, „HP“), sind weitere 450 bzw. 550 Euro fällig. Freilich hat man dann ein Motorrad, das auch in punkto Hightech alles aufweist, was der Stand der Technik derzeit hergibt, von Kurven-ABS über die semiaktive Fahrwerksregelung Dynamic-ESA und den leidlich gut funktionierenden Schaltassistenten bis zum informativen TFT-Display.

Man muss als keineswegs GS fahren, um die Vorzüge des neuen BMW-Boxermotors genießen zu können und auf Land- und Bergstraßen vergnügt unterwegs zu sein. Eine R 1250 R kann das praktisch gleich gut, sofern es sich nicht um Reisen über mehrere Wochen und tausende von Kilometern handelt. Der Kauf des optionalen Windschildes beseitigt immerhin den Winddruck auf den Oberkörper und macht auch längere Touren mit diesem Allround-Bike zum Spaß. Gut ausgestattet und hübsch zurechtgemacht ist die R 1250 R mit rund 17.500 Euro nicht billig, aber dafür ist die Fahrfreude-Garantie im Preis enthalten. (SP-X)

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Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.