«Ich sehe einen Megatrend zum Carsharing»

Interview Smart-Chefin Annette Winkler

Smart-Chefin Annette Winkler. © Daimler

Annette Winkler schaut zuversichtlich in die Zukunft von Smart. Im kommenden Jahr werden wir mit unserem Elektro-Smart in Großserie gehen. «Das ist eine Riesenchance für uns», sagte die Smart-Chefin der Autogazette.

Die Kleinwagenmarke Smart wird zukünftig sein Projekt Car2go weiter ausbauen. «Smart versteht sich als Mobilitätsanbieter und ich sehe einen Megatrend zum Carsharing. Es gibt immer mehr Menschen, die kein Auto besitzen wollen, es aber nutzen wollen. Und hier wollen wir dabei sein», sagte Smart-Chefin Annette Winkler im Interview mit der Autogazette.

«Planen Car2go weiter auszubauen»

Wie Winkler hinzufügte, wolle Smart für jede Lebenslage das entsprechende Fortbewegungsmittel anbieten. «Deshalb planen wir Car2go weiter auszubauen.» So sei die Entscheidung bereits gefallen, dass Car2go in diesem Jahr noch in einer weiteren europäischen und nordamerikanischen Stadt starten werde. Hierdurch würde sich auch die Möglichkeit ergeben, das Volumen der Marke weiter zu stabilisieren.

«Schlagen uns ausgesprochen wacker»

Autogazette: Frau Winkler, Smart ist das Sorgenkind von Daimler und eine Besserung ist nicht in Sicht. Mussten Sie lange überlegen, als Ihnen der Job der Smart-Chefin angeboten wurde?

Annette Winkler: Nicht eine Sekunde, es ist mein Traumjob. Ich glaube auch nicht, dass Smart das Sorgenkind ist. Obwohl wir ein Auto im Markt haben, das es in dieser Form bereits seit Jahren gibt, schlagen wir uns ausgesprochen wacker, auch angesichts der starken Rückgänge in diesem Segment. Und wir konnten trotzdem, beispielsweise in Deutschland, mit dem Smart Marktanteile gewinnen und sind die Nummer eins im Wettbewerbsumfeld. Insgesamt sehe ich mehr Chancen als Sorgen für den Smart, auch deshalb, weil beispielsweise mit China ein Markt hinzugekommen ist, auf dem der Smart sehr erfolgreich gestartet ist und hohe Zuwächse verzeichnet.

Der Smart Forspeed wurde in Genf präsentiert Daimler

Autogazette: Smart kann erst ab dem Jahr 2014 mit neuen Modellen aufwarten, die in Zusammenarbeit mit Renault entwickelt werden. Wie wollen Sie denn so die Zeit bis dahin überbrücken?

Winkler: Wer über den Autosalon Genf gelaufen ist, konnte sehen, dass beim Thema Elektromobilität der Knoten geplatzt ist. Die Elektromobilität in den Städten wird kommen - und Smart ist Vorreiter bei diesem Thema. Im kommenden Jahr werden wir mit unserem Elektro-Smart in Großserie gehen. Das ist eine Riesenchance für uns. Daneben werden wir von neuen Märkten profitieren, zudem bestehende Märkte ausbauen und neue Sonder-Editionen auf den Markt bringen.

«Werden Car2go weiter ausbauen»

Autogazette: Welche Rolle kommt dabei Ihrem Mobilitätskonzept Car2go zu?

Winkler: Eine wichtige. Wir werden Car2go weiter ausbauen und hier sehe ich zusätzliche Chancen, die Marke voran zu bringen. Daneben glaube ich aufgrund meiner Erfahrungen im Vertrieb daran, dass durch die Händlermotivation und Händlersteuerung viel bewegt werden kann.

Autogazette: Nachdem Sie die Zukunft der Marke so positiv skizzieren: welche Absatzerwartung haben Sie für dieses Jahr und bis zum Jahr 2014?

Winkler: Wir wollen im Lifecycle stabil bleiben. Das heißt in Zahlen ausgedrückt, dass wir uns an einem Absatz von 90.000 plus x orientieren, wobei uns das x wichtig ist.

Autogazette: Im Vorjahr mussten Sie mit 97.500 Autos ein Minus von fast 17 Prozent hinnehmen. Wie schaut trotz Car2go, trotz China und den genannten Editionen das erwartete Minus bis 2014 aus?

Winkler: Mittelfristig wollen wir den Absatz im Rahmen der Lifecycle-Effekte weiter stabil halten.

«Ein Smart soll ein Smart bleiben»

Die futuristischen Sitze im Smart Forspeed Daimler

Autogazette: Man kann den Eindruck gewinnen, dass allein durch die Kooperation mit Renault für Smart alles besser wird. Ist das nicht ein Trugschluss?

Winkler: Die Kooperation ist sowohl für Smart als auch für Renault ausgesprochen wichtig. Wir erleben die Zusammenarbeit mit Renault als sehr positiv. Beide Partner haben das konkrete Ziel, drei Autos unter zwei Marken zu bringen und profitieren davon sowohl technisch als auch hinsichtlich der Kosten. Wenn beide Partner erfolgreich sind, erziele ich die Skaleneffekte, die beiden zu Gute kommen. Darüber hinaus wollen beide Partner die jeweilige Markenidentität erhalten – ein Smart soll ein Smart und ein Renault ein Renault bleiben.

Autogazette: Wie schaut die Markendifferenzierung aus?

Winkler: Jedes Fahrzeug wird sich hinsichtlich seiner Produktgestaltung klar voneinander differenzieren. Die individuellen Produkteigenschaften des Smart wie zum Beispiel das einzigartige Heckantriebskonzept bleiben dabei erhalten. Als die Kooperation im April vergangenen Jahres angekündigt wurde, wurde klar gesagt, dass es eine Zukunft für Smart nur mit einem Partner geben wird. Mit Renault/Nissan haben wir den richtigen Partner gefunden.

Autogazette: In Paris hatten Sie ein E-Bike und einen E-Scooter präsentiert. Wann werden sie auf den Markt kommen?

Winkler: Zum Jahresauftakt haben wir gesagt, dass es hierzu innerhalb der nächsten sechs Monate eine Entscheidung geben wird, bei dieser Aussage bleibt es.

«Sehe einen Megatrend zum Carsharing»

Car2go gibt es unter anderen in Austin und in Ulm Daimler

Autogazette: Smart versteht sich auch als Mobilitätsanbieter. Wie sehen die Planungen aus, weitere Car2go-Projekte auf den Markt zu bringen und damit den Absatz zu stabilisieren?

Winkler: Das nächste Car2go-Projekt startet bekanntlich in Hamburg. Das ist für uns auch deshalb ein besonderer Meilenstein, weil es diesmal in einer großen Stadt losgeht. Ferner ist die Entscheidung gefallen, dass in diesem Jahr eine weitere europäische und nordamerikanische Stadt hinzukommen werden. Hierdurch ergeben sich Möglichkeiten, das Volumen weiter zu stabilisieren.

Autogazette: Besteht durch Car2go die Gefahr, dass Verkäufe kannibalisiert werden?

Winkler:Smart versteht sich als Mobilitätsanbieter und ich sehe einen Megatrend zum Carsharing. Es gibt immer mehr Menschen, die kein Auto besitzen wollen, es aber nutzen wollen. Und hier wollen wir dabei sein. Smart will für jede Lebenslage das entsprechende Fortbewegungsmittel anbieten. Deshalb planen wir Car2go weiter auszubauen.

Autogazette: Denken Sie auch darüber nach, sich als Mobilitätsanbieter noch breiter aufzustellen, beispielsweise auch für andere Verkehrsträger Angebote zu machen?

Winkler: Das ist eine Idee von vielen Ideen, über die wir uns Gedanken machen. Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit, sich als Kunde parallel für wenig Geld ein großes Auto mieten zu können, günstige Parkplätze zu haben oder er eine zusätzliche Bahn-Card. Das sind einige wenige sehr praktische Beispiele für den weiteren konsequenten Ausbau von Smart als Problemlöser für innerstädtische Mobilität, was bei uns im Fokus steht.

«Werden weiter an Mobilitätskonzepten arbeiten»

Ladekabel am Smart Electric Drive Daimler

Autogazette: Worüber denken Sie denn konkret nach? Sie profitieren ja von der Zugehörigkeit zu einem großen Konzern.

Winkler: Lassen Sie sich überraschen. Wir werden weiter an unseren Mobilitätskonzepten arbeiten. Zunächst konzentrieren wir uns auf Car2go. Es ist ein Konzept, das riesengroße Potentiale hat.

Autogazette: Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber hat im Januar angekündigt, dass man zeitnah seine Elektroautos auch zum Kauf anbieten werde. Was bedeutet das für den Kaufpreis?

Winkler: Ich hoffe, dass wir den Kaufpreis des Elektro-Smarts der dritten Generation auf der IAA in Frankfurt kommunizieren können. Soviel ist aber klar: Die Kostensituation wird allein schon deswegen eine bessere sein, weil wir das Auto dann in Großserie produzieren und nicht mehr in Kleinserie.

Autogazette: Auf dem Autosalon Genf haben Sie die Studie des Smart Forspeed gezeigt. Doch ist dieses Auto mehr als eine Fingerübung für die Designer?

Winkler: Der Trend Elektromobilität ist nicht mehr wegzudenken. Wir zeigen nicht nur neue Technik in diesem Auto wie schnellere Ladezeiten, höhere Top-Geschwindigkeit und Beschleunigungswerte, auch dank des Boosters, sondern auch weitere Designelemente, von denen sich einige in der neuen Generation des Smart wiederfinden werden.

Autogazette: Die Bundesregierung lehnt Kaufanreize für E-Autos nach wie vor ab. Wird es einen Durchbruch für die Elektromobilität auch ohne Anreize geben?

Winkler: Der Trend zu Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten, aber mit einer Förderung könnte man den Prozess beschleunigen. So könnte man die Städte schneller sauberer machen. Hier sind andere Länder schon weiter.

Das Interview mit Annette Winkler führte Frank Mertens