«Alles auf eine Karte zu setzen, ist für ein Start-up einfacher»

Skoda-Chef Thomas Schäfer

«Alles auf eine Karte zu setzen, ist für ein Start-up einfacher»
Skoda-Chef Thomas Schäfer. © Markus Altmann

Thomas Schäfer ist seit August neuer Chef von Skoda. Im Interview spricht der Manager über Emerging Markets, ambitionierte CO-Ziele und die Elektromobilität.

Skoda gehört zu den Ertragsbringern im Volkswagen-Konzern. Seit dem 3. August leitet Thomas Schäfer als Vorstandvorsitzender die Geschicke des tschechischen Autobauers.


Dass Skoda unter seiner Führung den Weg zu einer Billigmarke gehen wird, schloss Schäfer im Interview mit der Autogazette und dem Magazin electrified aus. «Nein, das ist definitiv nicht der Fall. Es würde auch niemandem helfen, wenn wir zur Billigmarke würden», so der Manager.

Großes Potenzial in Emerging Markets

Wie Schäfer sagte, habe Skoda zusätzlich zu seinem aktuellen Modellportfolio «viele weitere Ideen, um in den Einstiegssegmenten weiteres Potenzial zu heben. In Indien werden wir beispielsweise Anfang nächsten Jahres mit einem kleinen SUV an den Start gehen, ein Modell, das auch beim Preis absolut wettbewerbsfähig ist».

Mit seinem Standortvorteil in Mittel- und Osteuropa könne man mit seiner bestehenden Modellpalette in neue Gebiete vorstoßen und «weitere Kunden zur Marke holen», so der Manager. In den Emerging Markets sieht Schäfer großes Potenzial für Skoda.

«Ich bin hier nicht angetreten, alles zu ändern»

Optisch gelungen: der Skoda Enyaq iV. Foto: Skoda

Autogazette: Herr Schäfer Sie sind jetzt seit dem 3. August Vorstandsvorsitzender von Skoda. Fühlen Sie sich schon angekommen in Ihrer neuen Position?

Thomas Schäfer: Ich bin bereits erstaunlich gut angekommen. Die Mannschaft hat mich hier sehr gut aufgenommen. Der Beginn war etwas herausfordernd, weil es wegen der Corona-Pandemie nicht ganz einfach war aus meiner bisherigen Heimat Südafrika auszureisen. Es gab schlicht keine Flugverbindung.

Autogazette: Haben sich Ihre Mitarbeiter schon an Ihren neuen Führungsstil gewöhnt?

Schäfer: Ich bin hier nicht angetreten, alles zu ändern, was bisher sinnvoll war und gut funktioniert hat. Ich glaube, dass sich die Mannschaft gerade an meinen Arbeitsstil gewöhnt und sich nicht darüber wundert, wenn ich unangekündigt in der Produktion auftauche, oder auch mal durch die Büros oder in die Kantine gehe.

Autogazette: Sie haben mit Skoda die Führung einer Marke übernommen, die zusammen mit Audi und Porsche zu den Ertragsbringern im VW-Konzern gehört. Ist das mehr Fluch als Segen?

Schäfer: Der Erfolg unterstreicht, dass in den vergangenen Jahren an den richtigen Themen gearbeitet wurde. Mein Vorgänger hat mir eine extrem solide Basis hinterlassen. Das merkt man jetzt vor allem auch in der Krise. Es wurden rechtzeitig und konsequent die richtigen Entscheidungen getroffen, um das Unternehmen sicher durch die aktuellen Herausforderungen zu navigieren. Zwar müssen auch wir in den Märkten Rückgänge hinnehmen, doch wir haben uns da bisher gut geschlagen.

«Haben eine außerordentlich hohe Kostendisziplin»

Skoda-Chef Thomas hinter dem Steuer des Enyaq iV. Foto: Markus Altmann

Autogazette: Welche Vorgaben haben Sie aus Wolfsburg bekommen? VW-Chef Herbert Diess sprach davon, dass er sich von der Marke mehr Aggressivität wünsche. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Skoda zu einer Billigmarke werden soll.

Schäfer: Nein, das ist definitiv nicht der Fall. Es würde auch niemandem helfen, wenn wir zur Billigmarke würden. Wir haben im Unternehmen eine außerordentlich hohe Kosten-Disziplin. So können wir Produkte mit einem tollen Preis-Leistungsverhältnis produzieren. Darüber hinaus haben wir das Potenzial, unsere Stärken noch besser auszuspielen. Dr. Diess hat uns dazu aufgerufen, unsere Stärken noch gezielter dazu zu nutzen, auch in den Emerging Markets anzugreifen. Dort gibt es für Skoda tatsächlich noch großes Potenzial.

Autogazette: Sie sollen sich also gegen Volumen-Hersteller wie Hyundai oder PSA behaupten. Müssen Sie Ihre Produktpalette nach unten abrunden?

Schäfer: Wir haben mit unserem Fabia bereits ein sehr attraktives Angebot für das untere Segment. Zusätzlich zu unserem aktuellen Modellportfolio haben wir viele weitere Ideen, um in den Einstiegssegmenten weiteres Potenzial zu heben. In Indien werden wir beispielsweise Anfang nächsten Jahres mit einem kleinen SUV an den Start gehen, ein Modell, das auch beim Preis absolut wettbewerbsfähig ist.

«Märkte in Nordafrika sind vielversprechend»

Autogazette: Bei VW gab es unter der Leitung von Hans Demant mal das Projekt eines Billig-Autos, was aber nie gekommen ist. Wird es so etwas von Skoda geben?

Schäfer: So etwas machen wir nicht. Wir haben nicht nur einen Standortvorteil in Mittel- und Osteuropa, sondern auch in Indien. Dort können wir mit den bestehenden Modellen in neue Gebiete vorstoßen. Dafür müssen wir kein völlig neues Auto entwerfen. Wir werden mit unserem bestehenden Modellportfolio und vielen cleveren Ideen weitere Kunden zur Marke holen.

Autogazette: Sie waren für VW die zurückliegenden Jahre in Südafrika. Welche Rolle spielt Afrika für Skoda?

Schäfer: Wir haben für den Konzern die Verantwortung für die Region Nordafrika übernommen und die Märkte dort sind vielversprechend. Nehmen Sie allein Ägypten, das drittgrößte Land Afrikas mit rund 100 Millionen Einwohnern. Dort gibt es für uns gute Möglichkeiten Wachstum zu generieren, auch im Bereich alternativer Antriebstechnologien wie beispielsweise Erdgas.

Autogazette: Die EU-Kommission will die CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um bis zu 55 Prozent reduzieren. Halten Sie ein solches Ziel für umsetzbar?

Schäfer: Dieses zweifelsfrei ambitionierte Ziel ist ohne Alternative und wir arbeiten im Konzernverbund intensiv daran, es zu erreichen. Ich begrüße es, dass Klarheit herrscht, wohin die Reise gehen wird. Man sieht das auch bei der Entwicklung der Fahrzeuge: sie sind attraktiv und lassen sich kompromisslos gut fahren.

«Dieses Urteil wäre mir zu pauschal»

Im Skoda Enyaq iV unterwegs vor dem Leipziger Rathaus. Foto: Skoda

Autogazette: Ist die Autoindustrie die Transformation eigentlich zu spät angegangen?

Schäfer: Dieses Urteil wäre mir zu pauschal. Als traditioneller Autohersteller hat man ein bestehendes Geschäftsmodell, das sich nicht von jetzt auf gleich vollständig transformieren lässt. Alles auf eine Karte zu setzen, ist für ein Start-up einfacher als für einen etablierten Autohersteller. Ich bin jedoch überzeugt, dass sich der Volkswagen-Konzern in punkto Elektromobilität und alternative Antriebe auf dem richtigen Weg befindet.

Autogazette: Haben neben dem Dieselskandal nicht vor allem die strengen CO2 Grenzwerte der EU die Transformation beschleunigt?

Schäfer: Ja, mit Sicherheit.

Autogazette: Ist Skoda zu spät in die E-Mobilität gestartet? Der Citigo iV ist derzeit nicht mehr zu kaufen und der Enyaq iV kommt erst im Frühjahr kommenden Jahres.

Schäfer: Zu früh zu starten nutzt häufig Niemandem – vor allem nicht dem Kunden. Als Marke tut es uns gut, dann in die Elektromobilität zu starten, wenn wir unseren Kunden E-Mobilität anbieten können, die wirklich „simply clever“ ist – mit kurzen Ladezeiten, langen Reichweiten und zu erschwinglichen Preisen.

«Perspektivisch brauchen wir ein kleineres Elektrofahrzeug»

Autogazette: Hat die große Nachfrage nach dem Citigo e iV nicht gezeigt, dass die Leute jetzt solche Autos haben wollen? Sie indes können die Nachfrage nicht bedienen?

Schäfer. Zunächst einmal freut es uns, dass der Citigo e iV bei den Kunden so gut ankommt. Fakt ist: Produktentscheidungen werden nicht kurzfristig, sondern über mehrere Jahre getroffen. Perspektivisch brauchen wir natürlich ein kleineres Elektrofahrzeug.

Autogazette: Sie reden über so etwas wie bei VW den ID.1?

Schäfer: Wir reden über ein kleines elektrisches Fahrzeug unterhalb des Enyaq iV und sind dazu in guten Gesprächen mit dem VW-Konzern.

Autogazette: Wird es den Citigo e iV irgendwann noch mal wiedergeben?

Schäfer: Der Citigo e iV ist zweifellos ein gutes Fahrzeug, wirtschaftlich ist er allerdings langfristig nicht sinnvoll.

Autogazette: Man könnte auch sagen: Sie haben ausreichend Einheiten abgesetzt, die zur Erreichung des Flottengrenzwertes ausreichen.

Schäfer: Nein, uns fehlen schlicht die Kapazitäten in der Batteriefertigung.

«Es reicht längst nicht mehr, attraktive Autos zu bauen»

Autogazette: Der Skoda Enyaq iV kann schon vorbestellt werden. Können Sie mir sagen, wie das Interesse aussieht?

Schäfer: Das Interesse ist sehr hoch – und zwar in allen europäischen Märkten.

Autogazette: Sie sprachen während der Weltpremiere davon, dass mit dem Enyaq iV eine neue Zeitrechnung beginnt. Was habe ich darunter zu verstehen?

Schäfer: Der Enyaq iV steht für mich sinnbildlich für die massive Veränderung der Autoindustrie. Es reicht längst nicht mehr, attraktive Autos zu bauen. Das Gesamtpaket muss stimmen. Deshalb führen wir mit dem Enyaq iV unser Skoda iV Ökosystem ein. Dazu zählen Services wie der mySkoda Powerpass, mit dem unsere Kunden ihren Enyaq iV unterwegs schnell und komfortabel aufladen können.

Autogazette: Ab wann wird bei Skoda die Zahl der E-Autos die der Verbrenner übersteigen?

Schäfer: Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Wir elektrifizieren Schritt für Schritt unsere gesamte Modellpalette. Die Frage, wann wir mehr E-Autos als Verbrenner absetzen, kann ich Ihnen heute nicht seriös beantworten.

«Wandel muss mit Rücksicht auf Beschäftigte geschehen»

Autogazette: Es gibt immer wieder die Forderung nach dem Zulassungsstopp für Verbrenner mit fossilen Antrieben, Ist das etwas, was Sie als Automanager als Stuss betrachten?

Schäfer: So etwas ist schlicht nicht möglich. Eine solche Vollbremsung würde Tausende von Arbeitsplätzen gefährden. Der Wandel muss konsequent, jedoch mit Rücksicht auf die Beschäftigten geschehen. Ich sehe die Industrie auf dem richtigen Weg. Jetzt heißt es dranbleiben und nicht nachlassen.

Autogazette: Sie sprachen davon, dass sie für den Enyaq iV mit einer jährlichen Produktion von 70. bis 80.000 Einheiten rechnen. Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Schäfer: Wir wollen sogar noch einen Tick höher hinaus. Die Reaktionen nach der Weltpremiere in Prag haben uns gezeigt, dass wir da durchaus noch optimistischer sein können.

Autogazette: Sind Sie auch von den Kapazitäten in der Lage, ausreichend Fahrzeuge zu bauen? Bereits in der Vor-Corona-Zeit hatten Sie mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen.

Schäfer: Wir prüfen aktuell, wie wir unser Werk in Mladá Boleslav ausbauen können. Dabei gibt es jedoch einiges zu berücksichtigen: Neben dem Fabia, Octavia und dem Karoq produzieren wir jetzt auch den Enyaq in Mladá Boleslav. Das stellt uns durchaus vor logistische Herausforderungen. Elektrofahrzeuge haben beispielsweise ein höheres Gewicht. So muss nicht nur die Lackiererei massiv umgebaut werden, sondern auch Teile der Linie wie die Gehänge und die Förderbänder.

«Die rein elektrische Nutzung sollte gefördert werden»

Autogazette: Sie haben derzeit den Superb und Octavia als Plug-in-Hybrid im Angebot. Wie wichtig sind sie in Ihrer Elektrifizierungsstrategie? Man wirft den PHEVs ja häufig vor, Mogelpackungen zu sein.

Schäfer: Die beiden Modelle sind sehr wichtig. Besonders für die größeren Fahrzeuge braucht man die Plug-in-Hybridtechnologie. Sie ist hochmodern und definitiv keine Mogelpackung.

Autogazette: Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts und des ICCT liegt der Verbrauch bei dienstlich genutzten Plug-in-Hybriden bis zu viermal und bei privat genutzten mehr als das doppelt so hoch wie der Wert des Verbrauchszyklus. So etwas ist doch nichts anderes als eine Mogelpackung.

Schäfer: Der Verbrauch hängt immer auch vom persönlichen Fahrverhalten ab und davon, ob das Fahrzeug regelmäßig geladen wird.

Autogazette: Ist es angesichts dieser Zahlen gerechtfertigt, auch Plug-in-Hybride in den Genuss einer erhöhten Kaufprämie kommen zu lassen? Man könnte eine Förderung auch davon abhängig machen, dass es sie nur gibt, wenn wirklich elektrisch gefahren wird.

Schäfer: Die rein elektrische Nutzung sollte gefördert werden. Den Reiz eines Fahrzeugs mit Plug-in-Hybridantrieb sollte die Möglichkeit ausmachen, umweltschonender zu fahren, nicht die reine höhere Systemleistung.

«Das Team ist massiv auf die Kostenbremse getreten»

Der Skoda Enyaq iV ist das erste E-Auto der VW-Tochter auf Basis des MEB. Foto: Skoda

Autogazette: Nach den ersten drei Quartalen hat Skoda ein Operatives Ergebnis von 469 Millionen und eine gute Umsatzrendite vorzuweisen. Sind Sie überrascht, bisher so gut durch die Krise gekommen zu sein?

Schäfer: Als ich meinen Job als Vorstandsvorsitzender Anfang August angetreten habe, hatte ich mich auf ein schwieriges Jahr eingestellt. Dass wir momentan so gut performen und das Jahr positiv abschließen werden, liegt vor allem an der herausragenden Mannschaftsleistung. Das Team ist massiv auf die Kostenbremse getreten und hat trotz Corona für die Produktion jedes einzelnen Autos gekämpft.

Autogazette: Befürchten Sie einen weiteren Lockdown für ihre Fabriken? Letztes Mal mussten sie für 39 Tage schließen.

Schäfer: Aktuell rechne ich nicht damit, dass ein solcher Schritt noch einmal notwendig wird. Wir haben schon zu Beginn der Pandemie im Frühjahr ein erfolgreiches „Safe Production“- und „Safe Office“-Konzept mit über 80 effektiven Schutzmaßnahmen bei Skoda etabliert, das greift.

Das Interview mit Thomas Schäfer führte Frank Mertens

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