«Nutzfahrzeug-Elektromarkt wird sich schnell entwickeln»

Michael Borner, Chef leichte Nutzfahrzeuge von Renault

Michael Borner. Foto: Renault
Renault-Nutzfahrzeugchef Michael Borner © Renault

Renault hat als erster Hersteller seine Nutzfahrzeug-Palette fast komplett elektrifiziert. Im Interview mit der Autogazette spricht Nutzfahrzeug-Chef Michael Borner über Fahrverbote und die Anforderungen an die Zukunft.

Die Nutzfahrzeugabteilung besitzt bei Renault traditionell viel Gewicht. «Eines der berühmtesten Autos von Renault ist ein leichtes Nutzfahrzeug – die Estafette. Bekannt aus vielen Filmen. Keiner weiß, wie es heißt, aber alle kennen es», sagt Michael Borner, Chef der leichten Nutzfahrzeuge bei Renault, im Interview mit der Autogazette.


Renault ist Marktführer in Europa. In Deutschland rangieren die Franzosen hinter Mercedes, VW und Ford auf Platz vier und bieten als erster Hersteller eine fast komplette Palette elektrischer Nutzfahrzeuge an. «Elektroautos benötigen ein gewisses Fahrprofil. Im Nutzfahrzeugbereich liegt das Profil eindeutig auf der Last Mile. Dafür ist das Auto optimal geeignet», so Borner weiter.

Fahrverbote als Antrieb für E-Markt

Auch drohende Fahrverbote würden den Markt für elektrische Nutzfahrzeuge anheizen, auch wenn es noch große Vorbehalte beim Preis gäbe und Borner auch davon ausgeht, dass mittelständische Betriebe Ausnahmegenehmigungen für den innerstädtischen Verkehr erhalten werden.

Die Zukunft – besonders bei der Last Mile – werde elektrisch und automatisiert sein. Hier erwartet Borner die nötigen Impulse aus dem Reich der Mitte: «Beim Verkehr der Zukunft müssen wir nach China schauen. Die Konzepte werden wegweisend sein. Das urbane Umfeld ist dort so riesig geworden, dass der urbane Verkehr kaum noch stattfindet. Dort werden wir sehen, wie sich der Verkehr entwickelt.»

Renault in Deutschland stärkster ausländischer Anbieter

Autogazette: Herr Borner, die Nutzfahrzeugbranche ist im Umbruch begriffen. Wie wird sich das auf die bestehenden Marktanteile auswirken?

Michael Borner: Wir sind seit vielen Jahren stärkster ausländischer Anbieter und insgesamt die Nummer vier in Deutschland hinter VW, Mercedes und Ford. Leider mit einem Abstand zum Dritten, aber auch einem ordentlichen Abstand zum Fünften. Europaweit sind wir Marktführer. In Deutschland kratzen wir mit Renault an zehn Prozent Marktanteil, zusammen mit Dacia sind wir etwas darüber.

Autogazette: Wie wollen Sie den Abstand aufholen?

Borner: Den Marktanteil zu fördern ist ein langwieriges Projekt. Man muss an allen Schrauben drehen. Vom ordentlichen Produkt bis zum Händlernetz. Wir haben die einzelnen Stränge, die dazu gehören, zu einer kleinen Mannschaft bestehend aus acht Leuten, zusammengezogen und konzentrieren uns ausschließlich auf die Nutzfahrzeuge. Damit können wir besser auf kundenspezifische Bedürfnisse reagieren, damit der Kunde mobil bleibt. Denn wenn der Kunde nicht mobil ist, kann er keine Geschäfte machen.

Autogazette: Wie soll sich die Bündelung der Spezialisten beim Marktanteil auswirken?

Borner: Wir haben kein spezifisches Markenziel ausgegeben. Die zehn Prozent waren mein persönliches Ziel. Ich glaube schon, dass wir an dem Kuchen noch gewinnen können. Aber wir wollen dabei gesund wachsen. Und unsere Werke sind ausgelastet. Wir sind derzeit an der Kapazitätsgrenze beim Master.

Autogazette: Renault hat seine Palette bei den Nutzfahrzeugen fast komplett elektrifiziert. Befürchten Sie – vergleichbar mit dem Pkw-Bereich – dass Sie als Vorreiter mit den Angeboten zu früh kommen?

Borner: Beim Zoe sind wir Marktführer. Und es gibt eine Nachfrage für den Zoe Cargo. Elektroautos benötigen ein gewisses Fahrprofil. Im Nutzfahrzeugbereich liegt das Profil eindeutig auf der Last Mile. Wie bringe ich das Produkt oder den Handwerker auf der Kurzstrecke optimal zum Kunden. Dafür ist das Auto optimal geeignet. Oder für den Paketservice. Die meisten dieser Dienstleister fahren am Tag 60 bis 70 Kilometer. Da benötigt man nicht mal eine Schnellladung, sondern das Fahrzeug wird über Nacht aufgeladen.

Elektromarkt wird sich schnell entwickeln

Renault Master Z.E. Foto: Renault
Mit dem Renault Master Z.E. elektrisch in die Stadt. Foto: Renault

Autogazette: Trotzdem rennen Ihnen die Interessenten nicht gerade die Bude ein?

Borner: Angesichts drohender Fahrverbote wird sich der Markt entwickeln, auch wenn die Leute jetzt noch vorsichtig sind. Vorbehalte gibt es noch beim Preis und beim Weiterverkauf. Bestimmte Kommunen wie Berlin fördern solche Fahrzeuge aber auch mit bis zu 8000 Euro. Trotzdem müssen die Kunden derzeit noch mehr für ein Elektroauto zahlen.

Autogazette: Was gerade für ein preissensibles Segment wie bei den Nutzfahrzeugen nicht unterschätzt werden sollte . . .

Borner: . . . es gibt aber auch schon Kunden wie BASF, die auf elektrische Fahrzeuge setzen. Und der Kundenstamm wird sich vergrößern. Der Markt wird sich entwickeln. Und er wird sich schnell entwickeln. Wir sind mit Twizy, Kangoo Z.E. und Master Z.E. schon gut vertreten, benötigen aber noch kleinere Fahrzeuge, wenn es geht mit Pritsche. Vor allem Kommunen wollen solche Nutzfahrzeuge z. B. für die Friedhofsgärtner. Die Fahrzeuge dürfen dort nicht groß und sollen nicht laut sein.

Autogazette: Eigentlich müssten Fahrverbote Sie dann erfreuen?

Borner: Ich glaube nicht, dass es komplette Fahrverbote für kleine Handwerksbetriebe geben wird. Sie werden Ausnahmeregelungen erhalten, alles andere wäre existenzgefährdend. Die Fuhrparkmanager werden punktuell Elektroautos neben den Verbrennern ordern, um sich vor Fahrverboten zu schützen.

Last Mile entscheidend für Elektroantrieb

Die Renault-Studie EZ-Pro. Foto: Renault
Renault hat seine elektrische und automatisierte Studie EZ-Pro vorgestellt. Foto: Renault

Autogazette: Wären weitere alternative Antriebe wie Erdgas für Renault eine Alternative?

Borner: Wir haben uns für die elektrische Technologie entschieden. Auch wenn es kein Dogma ist. Grundsätzlich arbeiten wir an allen Antriebstechnologien. Erdgas hat derzeit keine Priorität.

Autogazette: Also führt an Elektrofahrzeugen kein Weg vorbei?

Borner: Die Kombination autonom und elektrisch werden wir vor allem im Bereich Last Mile haben. Doch diese Last Mile muss auch durch Verkehrskonzepte von der Politik definiert werden. Diverse Projekte werden von den Herstellern und Zulieferern angeboten. Auch wir haben mit dem EZ-Pro unseren Vorschlag gemacht. Dafür müssen aber die rechtlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben sein.

Autogazette: Wann wird das der Fall sein?

Borner: Vielleicht kommt es bis 2030. Aber bis es Realität wird, benötigen wir andere Lösungen.

Autogazette: Wie wird der Verkehr der Zukunft überhaupt aussehen?

Borner: Beim Verkehr der Zukunft müssen wir nach China schauen. Die Konzepte werden wegweisend sein. Das urbane Umfeld ist dort so riesig geworden, dass der urbane Verkehr kaum noch stattfindet. Dort werden wir sehen, wie sich der Verkehr entwickelt. Aber auch bei uns verändert sich schon etwas. Die jungen Leute wollen Mobilität auch über Carsharing und Co. Das Thema Autokauf in zehn bis 15 Jahren wird anders sein. Ein Modell kann z.B. eine monatliche Flatrate sein.

Autogazette: Bei den Pkw scheint das eigentliche Auto gar keine Priorität mehr zu genießen?

Borner: Auch das Thema Vernetzung, Digitalisierung oder Konnektivität wird im Nutzfahrzeugbereich stärker aufkommen. Im Vergleich zum Pkw sind wir da bei den Nutzfahrzeugen ein wenig hinten dran. Aber wir werden das verstärkt anbieten.

Das Interview mit Michael Borner führte Thomas Flehmer

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