Moderne Reifen anfällig für Montage-Schäden

Sensibeler Einbau erforderlich

Runflat-Prinzip © Foto: Press-Inform

Das Wechseln der Reifen stellt gemeinhin kein Problem dar. Doch die neue Generation von Pneus muss bei der Montage äußerst sensibel behandelt werden.

Von Heiko Haupt

Das Aufziehen eines neuen Pneus beim Reifenhändler zählt im Bewusstsein des Autofahrers sicher nicht zu den riskanten Unternehmungen. Schließlich handelt es sich nur um ein profiliertes Stück Gummi, das von Fachkräften auf die Felge gezogen wird. Tatsächlich aber lässt das Thema zur Zeit die Köpfe etlicher Fachleute rauchen: Denn mit dem Einzug moderner Technologien ins Auto hat sich auch der Reifen verändert. Vor allem die so genannten Runflat- und Ultra High Performance Reifen (UHP) sind es, die Kopfzerbrechen bereiten. Bei ihnen besteht wegen der speziellen Konstruktion die Gefahr, dass es durch unsachgemäße Montage zu Schäden kommen dann deren gefährliche Auswirkungen sich im Alltag des Autofahrers womöglich erst nach langer Zeit zeigen.

Kein Plattfuß mehr

Der Namenszusatz Runflat steht für jene Art von Reifen, die auch bei einer Beschädigung nicht platt werden, sondern die Weiterfahrt mit gemäßigter Geschwindigkeit zulassen. Die Bezeichnung UHP wird für Reifen mit extremen Breitformaten und Durchmessern genutzt, die für Geschwindigkeiten von 240 Stundenkilometern und mehr zugelassen sind. Sowohl Runflat als auch UHP haben sich mittlerweile von Exoten zu Bestsellern entwickelt: «UHP- und Runflat-Reifen zusammen bringen es jetzt auf einen Anteil von gut 18 Prozent - Tendenz weiter steigend», sagt Hans-Jürgen Drechsler, Geschäftsführer des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) in Bonn.

Mit der Verbreitung wird auch das grundsätzliche Problem der Montage immer wichtiger: «Die Standard-Reifenmontage ist hier nicht wirklich geeignet», sagt Ruprecht Müller, Reifenexperte des ADAC-Technikzentrums in Landsberg (Bayern). Das liegt an der Konstruktion: «Runflat-Reifen zum Beispiel haben verstärkte Flanken. Weil dort mehr Material eingesetzt wird, sind sie nicht sehr flexibel», erklärt Bernd Semmler, verantwortlich für das Training-Center des Reifenherstellers Michelin in Karlsruhe. Auch UHP-Reifen haben sehr niedrige Flanken und stellen Monteure vor vergleichbare Probleme.

Mögliche Gefahren

Runflat-Reifen bei BMW Foto: Press-Inform

Diese Schwierigkeiten führen zu möglichen Gefahren. «Wegen der steifen Flanken besteht bei unsachgemäßer Montage die Gefahr, dass der so genannte Reifenwulst überdehnt wird», so Ruprecht Müller. In diesem Wulst sitzt außerdem das Wulstkabel aus Metall, das mit Gummi ummantelt ist. «Dieses Gummi kann beschädigt werden, Luft und Feuchtigkeit haben die Möglichkeit einzudringen.» Weil ein Reifen nicht nur aus Gummi besteht, sondern sich auch Metallgewebe darin befindet, ist Feuchtigkeit hier eine riskante Sache: «Durch die Kapillarwirkung setzt sich das Eindringen von Luft und Feuchtigkeit im Reifen fort.» Das führt dann zu Korrosion am Metall, wodurch sich Material ablösen kann.

Kritische und unkristische Fehler

Im Querschnitt Foto: Press-Inform

Eher unkritisch ist so ein Montagefehler, wenn wegen einer Beschädigung am Wulst Luft austritt - auf diese Weise wird schnell deutlich, dass etwas nicht stimmt. «Kritisch wird es aber, wenn der Fehler zunächst unbemerkt bleibt», sagt Ruprecht Müller. Denn die eindringende Feuchtigkeit kann lange für ihre zerstörerische Arbeit brauchen - womöglich kommt es erst Jahre nach der ursprünglichen Beschädigung zum sprichwörtlichen großen Knall.
Kennern des Reifengeschäfts sind diese Probleme nicht unbekannt geblieben. Und so arbeitet man seit geraumer Zeit an Lösungen. Laut dem BRV wurde unter Mitwirkung von Auto-, Reifen-, Felgen- und Montagemaschinen-Herstellern der Arbeitskreis «Reifenmontage» eingerichtet, der sich mit dem Thema befasst. Dabei ging es um die Schulung der Monteure ebenso wie um die Frage, was an den Maschinen geändert werden muss. Zu den Ergebnissen gehört, dass im Herbst 2007 eine Anleitung zur Montage und Demontage verabschiedet wurde. Die ersten zertifizierten Maschinen für die Montage sollen ab dem 20. Mai auf der Fachmesse «Reifen» in Essen zu sehen sein.

Reifenwechsel in Fachwerkstatt

Der autofahrende Laie allerdings wird solche Maschinen nicht vom Vorgängermodell unterscheiden können. Und er wird auch nicht wissen, ob sich die Monteure schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Grundsätzlich wird daher empfohlen, sich an einen Fachbetrieb zu wenden, wenn der Wechsel eines Runflat- oder UHP-Reifens ansteht. Dort wiederum ist es ratsam, sich genau zu erkundigen: «Man sollte nachfragen, ob die entsprechenden Voraussetzungen im Hinblick auf die Ausrüstung und die Qualifikation gegeben sind», so Hans-Jürgen Drechsler. Ruprecht Müller rät ebenfalls zur Nachfrage. Eine falsche Antwort zu geben, wäre einem Händler in der Regel zu riskant, wenn er für die Folgen geradestehen müsste. Laut Müller ist zudem eine entsprechende Kennzeichnung der Betriebe in Planung - damit der Reifenwechsel künftig wieder eine Unternehmung ohne Risiko ist. (dpa/gms)