Kaufprämien für Diesel-SUV sind «Elitenförderung»

Zukunftsforscher Stephan Rammler

Der Zukunfts- und Mobilitätsforscher Stephan Rammler. © AG/Mertens

Der Zukunfts- und Mobilitätsforscher Stephan Rammler spricht sich für eine Kaufprämie zur Ankurbelung des Autoabsatzes aus. Damit könne es eine Transformation hin zu alternativen Antrieben geben.

„Spezifische Instrumente wie eine Abwrack- oder Kaufprämie sind ein gutes innovationspolitisches Instrument, um sehr schnell große Märkte von Konsumprodukten zu transformieren“, sagte der Wissenschaftler im Interview mit der Autogazette und electrified.


Allerdings sollte nicht das gefördert werden, was „in die Vergangenheit gehört, nämlich dieselgetriebene SUVs“, sagte Rammler, der Direktor am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin ist. Natürlich könne er die Argumentation der Autoindustrie nachvollziehen, dass man gerade mit solchen Fahrzeugen viel Geld verdienen könne. Doch Investitionen müssten zukunftsgerichtet sein. Es sollte nur das gefördert werden, was „wir mit Blick auf den Green New Deal brauchen: nämlich Null-Emissionsfahrzeuge oder zumindest verbrennungsmotorische Fahrzeuge, die sehr effizient sind und einen Elektromotor an Bord haben“.

Transformation nicht allein der Autoindustrie überlassen

Die Transformation dürfe man dabei aber nicht allein der Autoindustrie überlassen. Sie wäre damit überfordert, hält Rammler fest. Dafür brauche man die Politik. Sie müsse den Konsumenten „steuerlich oder ordnungspolitisch“ ertüchtigen, diese neuen Produkte auch zu kaufen. Kaufprämien für Diesel-SUVs mit einem Preis von 35.000 Euro und mehr lehnt Rammler ab und bezeichnet sie als „Elitenförderung“. Nur eine Massenförderung ist aus seiner Sicht „demokratisch legitimiert“. So müsse auch einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit gegeben werden, sich ein Elektroauto zu kaufen.

Nach Auffassung von Rammler, der an der Universität Braunschweig auch Hochschullehrer für Transportation Design ist, könne die Corona-Pandemie dazu beitragen, dass das in den zurückliegenden Wochen geänderte Mobilitätsverhalten auch in der Nach-Corona-Zeit erhalten bleibt. „In Teilbereichen ist die Hoffnung begründet, dass von dem, was wir gerade erfahren, an Innovationen, an Dingen, die möglich sind, etwas bleibt.“ Dazu gehöre auch die Fahrradnutzung.

Innovationsschub im Bereich des Radverkehrs

Radfahren ist gesund – nicht nur in Zeiten von Corona. Foto: dpa

Mobilitätsforscher würden sich seit Jahren den Mund fuselig reden, dass das Fahrrad für die urbanisierten Regionen das beste Verkehrsmittel des 21. Jahrhundert ist, so Rammler. Doch erst wegen Corona hätten viele Menschen das Rad wieder (neu) für sich entdeckt. So hätte die Coronakrise dafür gesorgt, dass in den Städten „temporäre Radspuren eingerichtet werden, weil der Verkehr nicht so dicht ist, weil wir den Platz haben, weil der Widerstand in so einer Situation auch nicht so groß ist.“

Rammler äußerte die Hoffnung, dass wir „Entmotorisierungseffekte und Neugewöhnungseffekte haben“. Sie könnten dazu beitragen, dass Menschen, die zuvor nie oder nur selten Rad gefahren sind, erleben, wie „toll Radfahren ist und das in ihre Alltagsstrukturen und ihre Gewohnheitsmuster einbauen.“ Vor diesem Hintergrund sei „mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass ein signifikanter Anteil von denen nicht wieder auf das Auto zurück steigt.“ Wichtig sei dabei, dass dieser Personenkreis sich dann aber auch dafür engagiert, dass die während der Coronakrise eingerichteten Radwege nicht wieder zurückgebaut werden. Für Rammler gibt es von daher plausible Argumente dafür, dass es im Bereich des Radverkehrs zu einem Innovationsschub kommen kann.

Digitalisierung als Aspekt der Nachhaltigkeit

Ähnlich verhalte es sich mit der Digitalisierung. Ein Aspekt, der gerade für die Nachhaltigkeit wichtig sei. „Wir sollten auf mehr Videokonferenzsysteme, auf die digitale Bildung und die digitale Forschung setzen.“ Gerade während der Coronakrise hätte sich gezeigt, dass die Institute oder Unternehmen besonders gut ihr Geschäft weiter betreiben können, die bereits zuvor auf die Digitalisierung gesetzt hätten. Die Coronakrise habe gezeigt, dass man nicht für jedes Managementmeeting von München nach Hamburg oder New York jetten muss. „Das geht auch gut über Videokonferenzen.“ Natürlich werde es immer Situationen geben, wo es wichtig sei, sich auch persönlich zu treffen, aber Standardprozesse ließen sich so abwickeln.

Gerade im Bildungsbereich bestehe bei der Digitalisierung Nachholbedarf. Sicherlich sei Deutschland im Bildungsbereich im Vergleich zu anderen Ländern gut aufgestellt, stellt Rammler fest. Aber es gebe durchaus Länder, die besser unterwegs sind. „Dort hat man sehr stark und sehr intensiv die Digitalisierung des Bildungswesens vorangetrieben.“ In diesen Ländern habe man nicht nur „Geld bereitgestellt, sondern auch erkannt, dass man nicht nur Hardware, sondern auch Software braucht.“

Demographischer Wandel hinterlässt Spuren

Digitaler Unterricht ist an vielen Schulen noch eine Ausnahme. Foto: dpa

So hinterlasse der demographische Wandel auch im Bildungssystem seine Spuren. So gäbe es in den Schulen viele ältere Lehrer, sagte Rammler „Ich will das nicht kritisieren, da es dafür einen Grund gibt. Doch ältere Menschen haben eine viel geringere Affinität zu digitalen Medien.“ Von daher reiche es nicht aus, den Schulen nur Geld für die Digitalisierung zur Verfügung zu stellen. Vielmehr hätte man sich auch Gedanken über den Zustand der Schulen machen müssen, von denen viele gar nicht wissen, „was sie mit dem Geld anfangen können, weil sie gar nicht die Kapazitäten haben, es abzurufen“.

Besorgt zeigte sich Rammler über die Ungleichheit des Bildungssystems. „Wir sehen hier eine soziale Spaltung. Wir sehen im Alltag, dass diejenigen umso schneller abgehängt werden, deren Eltern keine drei Laptops zuhause haben, die keine Eltern haben, die sich überhaupt mit diesen digitalen Medien auseinandersetzen.“

Den Podcast mit Prof. Stephan Rammler hören Sie hier.

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