Radfahren: Gesund bleiben in Corona-Zeiten

Radfahren ist gesund - nicht nur in Zeiten von Corona. © dpa

In Zeiten von Corona ist das gute alte Fahrrrad das Verkehrsmittel der Wahl. Jetzt ist nur zu hoffen, dass Radfahren auch nach der Coronakrise so beliebt bleibt wie derzeit.

Von Wolfgang Plank


Der Rat kommt aus berufenem Munde: Gesundheitsminister Jens Spahn höchstpersönlich pries in der Corona-Krise jüngst das Fahrrad. Jeder solle im Sinne des „Social Distancing“ überlegen, ob er einen Weg zu Fuß oder im Sattel zurücklegen könne, statt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Auch damit könne das Infektionsrisiko gemindert werden.

Man muss kein Virologe sein, um den Nutzen zu erkennen. Wer sich nicht in Busse oder Bahnen zwängt, kommt auch niemandem zu nahe, der gerade niest oder hustet. Und nach allem, was man weiß, überträgt sich das heimtückische Corona-Virus hauptsächlich über Tröpfchen. Die Chance, sich auf dem Rad anzustecken, tendiert gegen Null. Hier wahrt man automatisch Abstand und fasst obendrein weder Türgriffe noch Haltestangen an – mehr Selbstschutz ist in Tagen strikter Beschränkungen kaum denkbar. Und seinen kostbaren Parkplatz muss man auch nicht aufgeben.

Gut für Herz-Kreislauf-System

Obendrein tut man Gutes. Und zwar der eigenen Gesundheit. Radeln stärkt Herz und Kreislauf und trainiert die Lunge. Bessere Durchblutung, bessere Belüftung – das macht zwar nicht immun, verringert aber das Risiko auf Grunderkrankungen. Die nämlich begünstigen einen schwereren Verlauf von Covid-19, warnt das Robert Koch-Institut. Muss gar nicht immer großes Blatt und kleines Ritzel sein. Bereits zehn Minuten sanfter Tritt sind gesund, sagen Mediziner – schon die Mini-Tour zum Frühstücksbäcker lohnt also.

Unterwegs in der Natur: Radfahrer in Freiburg. Foto: dpa

Der Vorteil längerer Ausflüge: Man sieht in derselben Zeit deutlich mehr Landschaft als beim traditionellen Spaziergang. Und verglichen mit anderen Sportarten hat man einen Trumpf extra. Läufer wie Schwimmer müssen ohne Pause rackern, sonst ist mit Vortrieb Essig. Auf dem Rad kann man es auch einfach mal gemütlich rollen lassen.

Furchtlos beim Downhill

Oder sich furchtlos in die Tiefe stürzen wie beim Downhill. Klingt nach gepflegtem Roll-Rasen, ist aber ein Knochenjob. Und nicht ohne Risiko. Überall lauern Wurzeln, Steine und dorniges Buschwerk. Da wird der Grat zwischen flotter Fahrt und bösem Sturz schnell schmal. Nicht ohne Grund trägt man außer Helm noch Nackenstütze, Brille, Handschuhe und spezielle Schützer für Ellbogen, Knie und Schienbeine. Hilfreich ist auf wie neben der Spur die alte Weisheit, wonach es kühne Piloten gibt – und alte.

Vielleicht setzen ja die aktuellen Ausgangsbeschränkungen tatsächlich eine Ketten-Reaktion in Gang wie in gewöhnlichen Jahren nur die Blüte der Forsythien. Dummerweise erwartet nicht wenige Radsuchende dann ein Veloziped, das den Winter irgendwo hinter Grill, Klapptisch und Liegestuhl-Auflagen überdauert hat – und überraschenderweise noch genauso dreckig ist wie nach dem letzten Spätherbst-Ausflug im Sprühregen.

Da bleiben nur Putz- und Werkzeug. Oder man beauftragt den – mittlerweile mit dem Gütesiegel „systemrelevant“ dekorierten – Rad-Doktor des Vertrauens, den all die anderen gerade jetzt auch beauftragen, weshalb wir auf die Einstellung des Umwerfers nicht vor Ort warten können, sondern mit einem Kärtchen in der Tasche den Heimweg antreten. Vermutlich stimmt das Abhol-Datum exakt mit dem überein, zu dem sich die Sonne erst einmal wieder verabschiedet.

Dank an den Freiherrn

Sollten wir allerdings ins Treten kommen, wäre ein kurzes Gedenken an Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn nur fair. Hätte der sich nicht vor gut 200 Jahren mit seiner Draisine öffentlich zum Gespött gemacht – womöglich gäbe es bis heute kein Mountainbike, kein Holland-Rad und auch keine Zeitfahr-Maschinen aus Carbon. Wer weiß, worauf wir stattdessen unterwegs wären?

Gerade jetzt steigen immer mehr Menschen aufs Rad um. Dieser Radler fährt ein Klapprad von Gocycle. Foto: Gocycle

So aber hockte sich der wackere Forstmeister am 12. Juni 1817 auf ein selbstgezimmertes Gefährt mit zwei Rädern und lief – wahlweise: rollte – von Mannheim zum etwa sieben Kilometer entfernten Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück. Knapp eine Stunde brauchte er für die Strecke – ein Schnitt von etwa 15 Stundenkilometern. Damit war er schneller unterwegs als die Postkutsche.

Darauf gebracht hatte den pfiffigen Beamten übrigens eine Katastrophe. Keine mit Viren, sondern eine mit Asche. Ein verheerender Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Sumbawa verdunkelte damals den Himmel über Europa – und das Jahr 1816 wurde als „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Es folgten Missernten, viele Pferde starben, weil es keinen Hafer mehr gab, und so kam ein Fortbewegungsmittel ohne Gäule wie gerufen.

Die allerneuesten Trends des Drais’schen Nachlasses hätte man übrigens am 18. und 19. April bei der VeloBerlin beäugen können. Hätte. Nie hat er besser gepasst, der Reim mit der Fahrradkette.

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