«Wir sind Weltmarktführer, dann kommt lange nichts»

PTV Group: Hidden Champion aus Karlsruhe

Wie sieht die perfekte Haltestelle aus? Mit Fragen rund um die Mobilität beschäftigt sich die PTV Group. © PTV Group

Wie kommen Menschen und Güter effizient und nachhaltig ans Ziel? Dafür sorgt die PTV Group mit ihrer Software zur Lösung von Mobilitätsproblemen. Mit seinem Angebot ist das Unternehmen Weltmarktführer.

„Mit unserer Software sorgen wir weltweit dafür, dass Menschen und Güter, die unterwegs sind, sicher, effizient und nachhaltig ihr Ziel erreichen“, beschreibt CEO Vincent Kobesen das Wirken der PTV Group. Die Softwarefirma mit Hauptsitz in Karlsruhe ist weltweit die absolute Nummer eins. Der Alleskönner in Sachen Verkehrsoptimierung, der als einziger Verkehr und Logistik zusammen im Portfolio hat, kann auf 40 Jahre Datenaufbereitung und Softwareentwicklung verweisen. Als Weltmarktführer gibt man sich entsprechend selbstbewusst.


Das Kürzel PTV steht für Planung, Transport und Verkehr und meint die Optimierung von Verkehrsflüssen mittels intelligenter Softwareprogramme. Was als Zweimann-Gründung nach dem Studium am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) begann – damals unter dem Namen Technische Universität Karlsruhe – ist eine jener typischen Garagen- in diesem Fall Hinterhofgeschichten.

Gründung im Hinterhof

In einem Hinterhof gründeten der promovierte Ingenieur Hans Hubscheider das Un-ternehmen, das damals noch Planungsbüro Transport und Verkehr GmbH hieß. Sein zweiter Mitarbeiter neben Mitbegründer und Ex-Kommilitone Michael Sahling war Thomas Schwerdtfeger, der an der TU Karlsruhe gerade mit dem Thema „Optimierung des Verkehrs“ promoviert hatte. Noch weit weg von Echtzeit-Informationen waren sie damals die ersten, die digitale Karten als Grundlage für ihre Optimierungsberechnungen selbst produzierten.

PTV-Chef Vincent Kobesen. Foto: PTV Group/Sieber

Mit zunehmender Internationalisierung wurde PTV binnen 20 Jahren zum Weltkonzern und hat derzeit über 800 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Der Holländer Kobesen wurde über sein Consulting Unternehmen für Logistik vor 30 Jahren auf die PTV aufmerksam und machte Geschäfte mit ihr. Wieder rund zehn Jahre später, als die PTV zur AG wurde, brachte er seine Firma bei der PTV ein und wurde damit zum Aktionär. „Überall begannen wir uns an Firmen zu beteiligen, bauten die Standorte USA, Ferner und Nahe Osten auf.“

Wieder knapp zehn Jahre später schließlich ging Kobesen auf die Offerte der beiden Geschäftsführer ein, nach Deutschland zu wechseln. „Mit dem Gründer Hubschneider habe ich noch drei Jahre lang als Vorstandsmitglied zusammen gearbeitet, bevor er mit 60 in den Ruhestand ging.“ Der Übergang sei sehr gut gelaufen. Ab da habe die PTV noch mehr Fahrt aufgenommen, weil der Weg nach vorne nun voll in einer jüngeren, aber gleichwohl erfahrenen Hand lag, sagt Kobesen, der damals 48 Jahre alt war.

Vom Mindset ein 40 Jahre altes Start-up

„Wir sind Weltmarktführer, und dann kommt lange nichts“, sagt Vorstand Vincent Kobesen und fügt hinzu: „In punkto Mindset fühlen wir uns als 40 Jahre altes Startup und sind stolz darauf.“ Wer die imposante Firmenzentrale vom Weltmarktführer in Karlsruhe in Nachbarschaft zum KIT betritt, atmet im Campus mit seinen Arbeitsinseln diese Startup-Atmosphäre. Eine edle Startup Atmosphäre freilich. Denn es mangelt an nichts. Statt dem klischeehaften Tischkicker lockt im modernen Erdgeschoss ein Fitness-Studio mit ergonomischen Geräten, die sich der sprichwörtliche IT-Nerd mit Brille für seine Work-Life Balance wünscht. Selbstverständlich kostenlos und mehrmals pro Woche inklusive professionellem Fitness-Trainer. Ein Angebot, das sehr gut ankommt.

Das Foyer des Headquaters der PTV Group in Karlsruhe. Foto: PTV Group

Die großzügige Campus-Atmosphäre samt eigenem Mobilitätslabor im Look einer Verkehrsmanagementzentrale wurde schon vor dem Einstieg des neuen Eigentümers, der Porsche SE, umgesetzt. Die börsennotierte Holding hält mit 53,1 Prozent die Mehrheit der Stammaktien am Volkswagen Konzern und ist seit ihrer Gründung im Jahr 2007 an strategischen Beteiligungen an Unternehmen entlang der automobilen Wertschöpfungskette interessiert. Es dauerte allerdings, bis die PTV ins Visier der Holding geriet. Vor zwei Jahren dann übernahm die Porsche SE knapp 100 Prozent an der PTV.

Mobilität auf Abruf

„Die Porsche SE war bei ihrem Scouting vor allem am Thema Digitalisierung von Transport interessiert. Sie haben verstanden, dass es in Zukunft nicht nur darum geht, Autos zu bauen, sondern zunehmend darum, wie man diese Fahrzeuge einsetzt. Und das geht es immer mehr in Richtung Mobilität auf Abruf – mobility on demand.“ Wie viele hatte auch die Porsche SE ihr Aha-Erlebnis mit der PTV Group, zu der auch ein Consulting Zweig gehört. „Die Porsche SE Spezialisten kamen zu uns, berichteten von Firmen mit überzeugender Software. Ja, diese Software stammt von uns. Es sind unsere Kunden, war unsere Antwort.“

Die Porsche SE. Foto: dpa

Schnell war klar, dass die beiden Bereiche, Automobilbau und Digitale Verkehrsoptimierung, vorzüglich zusammen passen. Die Porsche SE kaufte die Aktien von den Inhabern – denn es war noch ein inhabergeführtes Unternehmen. Der Kaufpreis belief sich laut Pressemitteilungen auf 300 Millionen Euro. „Die Inhaber waren der Auffassung, ihr Unternehmen müsse irgendwann in gute Hände kommen und waren von der Porsche SE als idealem Partner überzeugt“, erinnert sich Kobesen und gibt unumwunden zu, dass der Name Porsche sehr positiv abstrahle. Klar, die meisten dächten bei Porsche an den Sportwagenhersteller. Das Erklären, die Porsche SE stehe für „Investitionen“ und die Porsche AG für „Automobilbau“, hat die PTV speziell in China mittlerweile aufgegeben.

Unabhängigkeit behalten

„Was uns sehr gut gefallen hat, ist die Unabhängigkeit, die wir in unserem täglichen Geschäft behalten. Denn die Porsche SE ist eine Holding. Die Porsche SE hat zwei große Beteiligungen, das ist die Volkswagen Group und die PTV Group.“ Die Übernahme unter das Dach der Porsche SE bedeutet deshalb nicht, dass PTV keine Kunden außerhalb des Volkswagen Konzerns haben darf. Im Gegenteil. „Wir werden als unabhängige Firma weitergeführt, nirgendwo steht ‚A Porsche Company‘. Wir wollen ja auch mit anderen OEMs arbeiten“, betont Kobesen. Viele Kunden wüssten auch gar nicht, dass die PTV AG übernommen wurde. Man gehe damit nicht hausieren, verstecke es aber auch nicht.

Warum also diese Änderung beim Weltmarktführer PTV AG? „Die Porsche SE ist ein zuverlässiger Gesellschafter, der bereit ist, in uns zu investieren“, sagt Kobesen. Für beide Unternehmen sei es eine echte Win-win-Situation. „Wir bauen uns neue Technologien auf, denn in unserer Industrie muss man immer am Ball bleiben“, so der Unternehmer weiter. Die Gewinner-Technologie von heute sei nicht garantiert die Gewinner-Technologie von morgen. „Man muss wissen, dass man das Richtige macht und es dann auch richtig machen. Wir machen es richtig und haben mit der Porsche SE als Investor alle Möglichkeiten. Mit der Eigentümerin Porsche SE sieht sich die PTV gut aufgestellt, Weltmarktführer zu bleiben und die führende Position weiter auszubauen. Man verfolge keine kurzfristige Philosophie, sondern schaue sich neben dem Tagesgeschäft auch langfristig neue Optionen an. Ohne finanzielle Engpässe lässt sich das stemmen.

Aus eigener Kraft zum Weltmarktführer

Es geht dem „40 Jahre alten Startup“ nicht um schnelles Geld, wie man es in Amerika und China des Öfteren beobachte. „Uns gibt es nach 40 Jahren noch als frisch gebliebenes Startup. Leute in den USA sind bereit, eine Milliarde zu investieren in Startups, die teils sang- und klanglos wieder verschwinden. Die Storys, von denen man hört, das sind die wenigen Erfolgsstorys“, weiß Kobesen und freut sich, eine dieser Storys zu sein, allerdings eine, die sich aus eigener Kraft Schritt für Schritt zum Weltmarktführer in Sachen Mobilitätsoptimierung aufgebaut hat – beharrlich, still und leise.

Nun ist die PTV weltweit die Nummer eins, weiß aber auch, dass diese Position als Weltmarktführer kein Selbstläufer ist, sondern ständig gepflegt werden will durch immer wieder gewaltige Investitionen. Der Wettbewerb lege deutlich zu, weil die Mobilitätsfrage alle bewegt und somit ein Geschäftsmodell für viele ist. „Es gibt immer mehr große Technologie-firmen wie Siemens, Apple, Google und andere, die Ähnliches wie die PTV aufzubauen versuchen“, beobachtet Kobesen. Die PTV ist zwar das einzige Unternehmen weltweit, das alle Facetten von Verkehr im Portfolio hat, also Verkehr und Logistik für integrierte Konzepte in allen Verkehrsmodi. Aber 40 Jahre Erfahrung und Datenaufbau bedeuten noch lange kein Ruhekissen.

Verkehrsdaten aus der ganzen Welt

Es sieht aus wie eine Schaltzentrale zur Verkehrsüberwachung, das Mobilitätslabor im Erdgeschoss. Gespeist wird die Demonstrationsmanagementzentrale mit aktuellen Verkehrsdaten aus Karlsruhe und der ganzen Welt. Es geht darum, potentiellen Kunden anschaulich mit konkreten Beispielen vor Augen führen zu können, was die letztlich abstrakte PTV Software zu leisten vermag.

„Wir nennen uns PTV Group – The Mind of Movement“, sagt Firmenchef Kobesen. „Wir haben Bewegung im Sinn, das Vermeiden von Staus und Bewegung im effizienten Sinn. Wir planen und optimieren weltweit alles, was Güter und Menschen bewegt.“ Es geht darum, eine effiziente und möglichst komfortable Reise für beide zu planen.

Das Motto sei auch wichtig für die eigene Mannschaft. Wer bei der PTV programmiert, mache dies mit der Einstellung, dass er Menschen und Güter, die unterwegs sind, sicher, effizient und nachhaltig ihr Ziel erreichen lassen. „Diese Themen, an denen wir seit 40 Jahren arbeiten, sind eine sehr moderne Aufgabe.“ Das begeistere junge Menschen, die zu PTV kommen.

Modelle für die Verkehrsprobleme

Schlechte Luft in den Städten: Nur noch mit Fahrverboten lassen sich in vielen Städten die Grenzwerte einhalten. Foto: dpa

„Früher haben wir mit dem Tiefbauamt geredet, um irgendein Verkehrsmodell zu bauen. Heute sprechen wir mit dem Oberbürgermeister“, unterstreicht der Manager die Bedeutung, die die Themen der PTV erlangt haben. „Der OB will ein Modell ha-ben, mit dem er seine Mobilitätsprobleme lösen kann.“ Der OB und sein Stab wollen eine Stadt, die fließt. Das ist genau das, woran PTV mit ihren Programmen seit 40 Jahren arbeitet. „Seamless“ heißt das Zauberwort, das sie mit ihren Modellen, Algorithmen, wissenschaftlichen Verfahren und neuen Simulationen erreichen wollen, also nahtlose Mobilität für alle: Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Güterverkehr. Zu ihren Projekten gehört die Stadt auf dem weißen Papier in Saudi Arabien genauso wie das umfangreiche Mobilitätsprojekt für Megacitys wie Peking oder kleine und mittelgroße Städte in Europa, bis hin zum ländlichen Mobilitätsproblem.

Mit den Modellen sind der Intermodalität quasi keine Grenzen gesetzt. Wie genau Mobilität im Einzelnen von Fall zu Fall aussehe, sei letztlich eine Frage von Servicequalität und Preis. Der Chef gibt ein Beispiel: Es ist kein Problem, einen Menschen zu transportieren und unterwegs eine Pizza für ein anderes Ziel aufzuladen. Die Frage ist, ob der Passagier den Geruch einer Pizza akzeptiert oder nicht.“

Und sonst? Die eigene Consulting Tochter hat die PTV Group vor fünf Jahren ausgegründet als PTV Transport Consult GmbH. Sie arbeitet auch mit der Porsche-Tochter mhp gemeinsam an Projekten. Derzeit laufe ein konkretes Projekt zum Thema Luftreinhaltung mit der Porsche AG in Kooperation mit der mhp Consulting.